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Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 85


ARMIN THURNHER

09.06.2020

Als ich begann, diese Kolumne zu schreiben, dachte ich nicht lange nach. Sie sollte mein Beitrag zum Überleben der Zeitung in finsteren Zeiten sein, ein wenig Mitweben am digitalen Gewebe. Sie sollte das Vergehen der Zeit ein wenig erträglicher machen. Ich dachte, die unabwendbare Auseinandersetzung mit Politik, sprich, das öffentliche Leiden an Österreich durch die Einmischung von Musik, Poesie und Kritik ein wenig abzumildern, nicht zuletzt für mich selbst. Was mir selbst nicht taugt, mute ich auch niemandem anderen zu.

Dann kam noch der glückliche Zufall dazu, dass ich den Virologen kennenlernte, der mir bei der medizinischen und epidemiologischen Einschätzung der Ereignisse half und hoffentlich weiter hilft. Wir tragen weiter Masken, das Leben ist immer viral und Zeit vielleicht auch nur so ein Virus.

Zeitlose Zeit, Piktogramm von Otto Neurath, via zeitlose-zeichen.at

Das Thema wollte ich mir nicht von der täglichen Welle der Nachrichten vorschreiben lassen. Nicht nur, weil die Seuchenkolumne keine Tageszeitung ist, sondern weil es im täglichen Mahlstrom der Nachrichten schon fast unmöglich geworden scheint, dessen Homogenität zu bemerken.

Man muss nicht die Algorithmen der Sozialen Medien bemühen, die ziehen nur die Konsequenz aus dem Tatbestand, dass wir Journalisten diszipliniert wie eine Armee uns alle Tag für Tag mit dem gleichen Zeug herumschlagen, während die Zeit vergeht und vergeht, und zeigen uns, dass sie es besser können. Sie trenden, wir trenzen.

Man muss sich trotzdem dafür wach halten, was man auswählt und nach welchen Kriterien man das tut. Als Journalist hat man den Nachrichten-Greifreflex internalisiert, man braucht gar nicht mehr darüber nachzudenken, was heute wichtig ist. Der zweite Reflex ist kontrafaktisch: Wenn ich denke, diese oder jene Nachricht ist wichtig, denke ich zugleich, das denken alle, welche aber, frage ich mich, könnte nur für mich bedeutend sein, welche könnte mich als Kommentator anders erscheinen lassen, von der Konkurrenz absetzen?

Zur Zeit ist es keine Kunst, zu erfassen, dass die sogenannte Rettung der sogenannten nationalen Airline heute ein wichtiges Thema ist. Ein paar Prozent an einer deutschen Firma haben wir nicht gebraucht, bemerkte der Kanzler leicht verächtlich, als wäre nicht gerade das der springende Punkt gewesen. Was nützen alle Abmachungen, Strafbestimmungen und Zusicherungen, wenn man nicht den Kurs der Firma von innen mitverfolgen kann? Kapitalisten wollen instinktiv keine Staatsbeteiligungen, weil genau das die Folge wäre. Das war auch das letzte Argument des Präsidenten der Industriellenvereinigung im Interview bei Armin Wolf. Wir wollen das nicht.

Deutschland sah das anders. Österreich zahlt also wieder bloß à fonds perdu auf die Fortsetzung einer Firma ein, deren Eigentümer nun zu einem Viertel die Bundesrepublik ist. Das ist schade, so schön es ist, dass Arbeitsplätze und der „Standort“ gerettet werden.

Wenn „der Staat“ jedoch nicht gut wirtschaftshandeln kann, warum soll er dann gut wirtschaftsverhandeln können? Die Regierung hat nicht besonders gut verhandelt, ist meine Vermutung. Nicht nur, weil zu viel an positivem Drumherum (günstiges Öffiticket) substantiell mit der Fluglinie nichts zu tun hat, nicht nur, weil manches möglicherweise im europäischen Rahmen nicht halten wird (Mindestpreise für Billigflüge). Vor allem aber, weil die Regierung nur Zeit gekauft hat, und das nicht billig. Eine Frist von ein paar Jahren, in der sie sich Dinge zusichern ließ, die so niemand garantieren kann (das Wachstum des Drehkreuzes Wien im gleichen Verhältnis wie Frankfurt und München zum Beispiel).

Das sage ich nicht als Fachmann, nur als Kapitalist, als Kleinunternehmer, der ich ja auch bin. Sanierungserfahrung am eigenen Leib inklusive.

Da haben wir es, schmatzend inhaliert der Sog des Aktuellen die Kolumne.

Weil es eh schon wurscht ist, am Tag des Begräbnisses von George Floyd, und weil es zur Frage von System und Zeit passt: die Ordnung einer Welt, in der Rassismus derart dominiert, kann nicht in Ordnung sein. Sklaverei, eine Wurzel des US-amerikanischen Problems, war und ist ein Wirtschaftszweig. Und es war die Alte Welt, die voller Verachtung auf das Trump-dominierte Amerika schaut (und voller Solidarität auf die unterdrückten Schwarzen darin), die diese Branche entwickelte und nach Amerika exportierte.

Jedes Land hat seine eigene Geschichte, Sklaverei und Rassismus betreffend. Das Bewusstsein, dass Solidarität mit den in Amerika Diskriminierten und Unterdrückten nicht reicht, um diese Geschichte zuzudecken, breitet sich aus.

Über das Verhältnis Europas zum schwarzen Amerika hat der Journalist und Soziologe Gary Younge einen sehr feinen Essay geschrieben. Die nunmehr grassierende Neigung, die Rassismus-Anklage als Sprachspiel und moralischen Ersatzwahn für sonst nicht erreichbare Gerechtigkeit auszuleben, wäre ein paar eigene Kolumnen wert.

Fest steht: bei der Anklage von Rassismus können wir nicht stehenbleiben. Alle Krisen führen uns immer zurück auf die Frage des Wirtschaftssystems. Corona zeigt, dass ein Sozialstaat mit solchen Herausforderungen besser fertig wird als ein neoliberaler. Der aufgeflammte rassistische Krieg in den USA zeigt, dass ein System an seine Grenzen stößt, wenn es mit paramilitärischen Mitteln aufrechterhalten werden muss. Und hinter allem lauert riesengroß die Klimakrise. Sie wird zeigen, je mehr Zeit für das bestehende System wir kaufen, desto schneller zerrinnt sie uns zwischen den Fingern, die Zeit

Der Kommunismus lockt keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor (außer 1,4 Milliarden Chinesen), die meisten Alternativen zum Kapitalismus sehen dünn, blutarm, papieren und unattraktiv aus. Es ist Zeit, ihn neu zu definieren, den weniger ungerechten, den sozialen, den demokratischen Kapitalismus.

Weiterhin: Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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