Black Lives Matter

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 83


ARMIN THURNHER

07.06.2020

Sonntag ist Frühstück bei mir, in der Pressstunde ist heute Günther Platter, ein Platitüdenfestival ist angesagt, ich aber werde Daniel Barenboim mit den Philharmonikern live auf Ö1 hören (Mozart, KV 595, Beethoven tatatataaa!). Dabei wollte ich auf einen Kaffee mit Tante Elfie gehen. Diese merkwürdige Person gibt es, seit es mich auf Twitter gibt. Das ist nicht sehr lange, seit Oktober 2019. Alle meine kritischen Einschätzungen der digitalen Gesellschaft haben sich ja längst erfüllt, und ihre heute schärfsten Kritiker waren früher Technooptimisten.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber in mir versammeln sich verschiedene Personen; Tante Elfi ist eine. Das stellt, hoffe ich, noch keinen klinischen Tatbestand dar. Das geht vielen anderen Menschen so. Die öffentlich wahrgenommene Person unterscheidet sich drastisch vom Selbstbild, so fängt es einmal an.

Ich würde gern als Schriftsteller wahrgenommen, nicht nur als politischer, aber auch. Versuchen Sie, Politik in der Sprache der Politikberater zu verstehen, und Sie sind schon verraten. Was aber hieße, Politikberichterstattung mit literarischen Mitteln zu versuchen? Erstens, Phrasen zu vermeiden. Zweitens, Phrasen zu zerlegen, wo man sie trifft (überall). Drittens zu versuchen, statt Phrasen die richtigen Wörter und Worte zu finden (Lyrik als Übung kann dabei helfen, Tante Elfi wüsste mehr).

Dem allem scheint entgegenzustehen, dass man sich einer journalistischen Neutralität zu befleißigen hat, einer Distanz, die kein Mensch durchhalten kann.

Das Theater des bloß an Fakten, an objektiver Neutralität interessierten Bobachtenden, der nur wiedergibt, nicht einmal wiederkäut, dieses Theater langweilt mich. Sie können ja nichts dafür für das, was da vor ihnen geschieht, sie haben ja nichts damit zu tun, die Existenz einer Unschärferelation betrifft sie nicht. Ein berichterstattender Mensch, der sich so definiert, ist zwar fein heraus, aber in gewisser Weise auch aus allem draußen. Das heißt gerade nicht, man solle die Fakten leidenschaftlich verzerren. Nein, man soll leidenschaftlich versuchen, sich ihnen zu nähern.

Das abgebrühte Berichterstatten verfestigt das Erstattete, der scheinobjektive Bericht nimmt es hin und gewöhnt die, die ihn sehen, hören oder lesen, ebenfalls daran, es hinzunehmen. Solche Gedanken konnte man vor 50 Jahren äußern; heute sagt man es so nicht mehr, der Tatbestand ist der gleiche geblieben. Überlassen wir die Erstattung den Versicherungen, die können das auch nicht.

Im Übrigen werden die von den „Black-Lives-Matter“-Demonstrationen in den USA Berichtenden gerade unsanft aus der neutralen Rolle gerissen. Die Polizei attackiert sie mit Tränengas und Gummigeschoßen und nimmt sie fest, obwohl sie ganz deutlich als Medienleute kenntlich sind. So geschehen einem Team von CNN-Reportern; Fake-News-Produzenten sind in der Diktion des Bürgerkriegs-Präsidenten Ubu demnächst gegnerische Partei. Polizeiautos, aus denen Tränengas wahllos auf Menschenmengen gesprüht wird, lässt Ubu als Lüge bezeichnen. Als gäbe es davon keine Videos. Wenn sie echt sind, kräht Ubu. Soviel ist klar: George Floyd ist wirklich tot, und die Bibel, die Trump hochhielt, ist echt falsch. Als Geste.

Am Tatbestand des Rassismus hat sich in 50 Jahren nichts verändert, außer, dass die Sprachregelungen verschärft wurden. Ein Kollege, der kürzlich „People of Color“ mit „Farbige“ übersetzte, wurde sogleich des Rassismus bezichtigt. Mighty mighty, spade and whitey! In Zeiten, als Martin Luther King selbstverständlich das N-Wort gebrauchte, war vieles schlimmer, die Zahl der in Gefängnissen sitzenden Schwarzen aber deutlich niedriger.

Martin_Luther King bei einer Pressekonferenz. Foto @ Marion S. Trikosko

Im Radio hörte ich heute eine freundliche Baptisten-Geistliche sagen, sie habe geglaubt, das Lied „We shall overcome“, zu Kings Zeiten Hymne der Bürgerrechtsbewegung und bei mancher Demonstration auch von mir mitgesungen, sei längst nur mehr Geschichte. Eine Spätgeborene der anderen Art. So kann man neben der Geschichte leben. Auch neben der Wirtschaftsgeschichte, die den kapitalistischen Wirtschaftszweig der Gefängniswirtschaft hervorbrachte, Gefängnisse als Marktgefäße, die zu füllen wären mit Insassen, in den USA, wo dies geschieht, vorzüglich von schwarzer Hautfarbe.

Ich kann nicht neben der Geschichte leben. Ich erzähle Ihnen ein kleine Geschichte als Vorgriff auf die Fortsetzung dieses Buchs, in dem es nicht nur nebenbei um Rassismus in den USA geht. Ich war in New Orleans, als Martin Luther King ermordet wurde. Es war der 4. April, kurz vor Ostern 1968. Da es damals noch keine Handys gab, überraschte uns, dass die Geschäfte am hellen Vormittag die hastig Rollläden herunterließen und sich die Straßen leerte. Wir erkundigten uns, und man teilte uns die Schreckensnachricht mit. Als wir umkehrten, gerieten wir in eine kleine Gasse, gesäumt von waren Holzhäusern der bescheidenen Art, mit Veranden und Treppen, auf denen die Bewohner saßen und standen. Niemand sagte ein Wort. Wir waren die einzigen Weißen, die Straße war 150 Meter lang, und die Vorbauten waren dicht besetzt von Menschen „darker than blue“, wie das der großartige Musiker Curtis Mayfield ausdrückte, der vergebens ein „moving on up“  besang, auf einem der besten Soulalben überhaupt.

Uns brach der Angstschweiß aus, denn der stille Zorn dieser schweigenden Schwarzen, die da auf ihren Stiegen saßen, benommen, aber hasserfüllt, zu Recht hasserfüllt, auf uns Weiße von Hass erfüllt, dieser stille Zorn lastete auf uns, auf der Straße, auf ganz Amerika, und bald würde er ausbrechen. In 110 Städten kamen dabei 39 Menschen ums Leben, 2000 wurden verletzt, 10.000 festgenommen. Wir erreichten unbehelligt das Ende der Gasse, und als wir um die Ecke waren, machten wir, dass wir nach Hause kamen. –

Wollte nur sagen: Black Lives Matter! Schön, dass so viele dafür demonstrieren. Hoffentlich setzen sie dabei nicht das eigene Leben aufs Spiel. Bewunderns- wie beklagenswert, dass es ihnen egal zu sein scheint. Jetzt habe ich mich glatt verplaudert. Mehr über Tante Elfi ein andermal.

Umso mehr: Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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