Ausgeschossen! Ein Streich im Parlament

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 81


ARMIN THURNHER

05.06.2020

Mein Irrtum. Ich dachte, in der Mediendemokratie wäre es klar, dass wir den Untersuchungsausschuss im Parlament per Livestream verfolgen könnten. Da saß ich nun. Nachdem sie die Vorabstatements der Fraktionsführer übertragen hatten, schlossen sich die Türen und wie zum Hohn zeigte man mir Selbstisoliertem noch minutenlang maskierte Adlati, die leicht aufgescheucht herumliefen und –standen, wenn man aufgescheucht herumstehen kann (das Bild zeigte, man kann).

Dann noch ein kurzer Schuss (nur ein Kameraschuss, keine Angst) auf den vor Vergnügen zähnefletschenden Sobotka. Wahrlich, in ihm ist sie wiederauferstanden, die zähnefletschende Herzlichkeit von einst. Dieser militante Musensohn hatte uns eingangs versichert, die räumlichen Verhältnisse seien betriebsärztlich abgesegnet; das im Bild sichtbare Getriebe und Geschiebe machten das Parlament aber eher zum journalistischen Kitzloch. Der Mann, der mit seinem Schwurbelsprech die geistige Gesundheit seines Publikums gefährdet, attackierte nun die reale Gesundheit der coronisierten Nation. Am nächsten Tag wurden die abgesegneten Arrangements geändert.

Drinnen, das konnte man später sehen, waren die Verhältnisse besser, alles saß räumlich abgesichert hinter Plexiglas; die Pleximasken der Aussagenden hatten etwas von den Helmen, die man früher an Vespafahrern bei Schlechtwetter beobachten konnte; als Heinz-Christian Strache später mit einer türkisen Stoffmaske auftauchte, sah er aus wie ein Bandit. Ein visuelles Geständnis in Ermangelung von Abgeordneten, die des Fragens mächtig wären. Aber er war ja eh nur als „Auskunftsperson“ geladen, wie alle anderen.

Florian Klenk im U-Ausschuss. Foto: Karl Satzinger

Klenk wirkt gut gelaunt hinter seiner blankpolierten Vespa-Schutzscheibe und läuft gleich zur Hochform auf, als er vom ÖVP-Fraktionsführer Wolfgang Gerstl befragt wird, als sei er nicht Auskunftsperson , sondern beklagter Prozessgegner. Die ausschussbeobachtende Journalistin Leila Al-Serori von der Süddeutschen Zeitung kommentiert das auf Twitter so: „Falter-CR Florian Klenk wird von der ÖVP gefragt, ob er Unterlagen seiner Quellen auf legalem Weg bekomme. Inhalt des Videos ist bereits nach wenigen Minuten nicht mehr Gegenstand der Befragung.“

Die ÖVP, das ist Gerstl. Er fiel schon vor Ausschussbeginn durch die markige Erklärung auf, Strache und Gudenus hätten „Grundhaltungen gesetzt“ was immer das bedeuten sollte, und Dinge geredet, „die man sich in der Politik nicht vorstellen konnte.“ Ich fürchte, der kleine Maxi hat sich Politik genauso immer vorgestellt, zwischen Zackzackzack und Wasser marsch! Als dieser Gerstl nun begann, den Klenk zu massieren, der ja nur da war, weil er den Abgeordneten erzählen sollte, was sie nicht wussten, den Inhalt des gesamten Ibiza-Videos nämlich, was er dann auch tat, aber als ihn der Gerstl so befragte, da kam dem Klenk eine Idee, weil ihm der Gerstl bei der Befragung unwissentlich einen Elfer auflegte.

Klenk, Sie wissen es vielleicht nicht, ist so etwas wie der journalistische Hofstädter aus der Billa-Werbung. Nicht äußerlich oder dem Alter nach, aber haltungsmäßig, würde Gerstl sagen. „Jetzt hat sich der Klenk wieder was erlaubt…“ Klenk ist ein journalistischer Edelschlingel, und diese Eigenschaft hat ihm manches Dokument verschafft und auf manche Weise zur Erheiterung und Verbesserung des Landes beigetragen. Der Autor sieht darin seinen eigenen Unernst auf würdige Weise aufgehoben und fortgeführt (was übrigens etwas anderes bedeutet als „weggebracht“, Herr Gerstl).

Man soll also den Klenk lieber nicht provozieren. Was geschah? In Klenks eigenen Worten auf Twitter:

„Hinweis für die Kolleginnen und für Interessierte: ich habe heute ein bisserl während der Einvernahme in U-Ausschuss ,recherchiert‘. Ich hab bei der Befragung durch den ÖVP Abgeordneten Gerstl von diesem wichtige Dokumente erhalten, damit ich seine Fragen beantworten kann. Und zwar: die Einstellungsbegründung im Schredderverfahren. Dann bat ich Abgeordnete um die Vorlage eines Berichts der WKStA über einen befangenen ÖVP-Beamten, der Beweise nicht sicherte. Und ich bat um den umstrittenen Erhebungsbericht dieses Beamten in der Schredder-Affäre. Ich habe die Dokumente auf diese Weise legal gekriegt und dann in meine Antwort verpackt und verlesen. Ich gebe zu, das war ein bisserl ein Trick. Denn ich hatte die Dokumente im O-Ton noch nicht. Jetzt ist das, was streng geheim war, in stenografischen Protokollen dokumentiert. Ich glaube, es ist für euch sehr spannend nachzulesen, wie dieses Schredderverfahren ,enderledigt‘ wurde.“

Den Background schildert er in diesem Falter-Maily.

So nebenbei ließ Klenk heute früh eine kleine Bombe platzen, die aus einem Medienskandal einen Polizeiskandal macht. Das Bundeskriminalamt wusste ganz genau, dass es die sogenannte Oligarchennichte in Gefahr brachte, als es die Fahndungsfotos herausgab. Das wird den Innenminister Karl Hase auch nicht jucken, der ab heute so heißt, weil er im Ausschuss zeigte, dass er von nichts etwas weiß (obwohl er dann zugeben musste, dass er die Justizministerin wochenlang im Dunkeln darüber ließ, dass seine Beamten das Video längst hatten).

Die Dokumente hat Dr. Klenk nach der Verlesung im Ausschuss übrigens artig zurückgegeben. Wie es das Gesetz es befiehlt, vergiss er nicht, mitzuteilen. Er ist halt doch ein Braver, der Klenk!

Umso mehr: Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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