Über George Floyd und die USA reden

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 70


ARMIN THURNHER

04.06.2020

Schaut man bei uns in den Fernseher und bekommt die Unruhen in den USA erklärt, reibt man sich schon die Augen. Da gibt es Bush- und Trump-Berater, die gut deutsch sprechen, und „sehr gut die republikanische Sicht der Dinge einbringen können“ und das bei der charmanten Hannelore Veit auch sehr gern tun. Das ist wichtig, denn ohne solchen Hinsichtl-Rücksichtl-Journalismus würden wir ununterbrochen zu vorschnellen Urteilen kommen und nicht erkennen, dass bei den Protesten nach der öffentlichen Ermordung des George Floyd „teilweise Profidemonstranten mit kriminellem Hintergrund“ am Werk sind. Das ist wichtig!

Aus dem Jim-Crow-Museum der Ferris-Universität https://www.ferris.edu/jimcrow/what.htm

Ich hingegen würde andere Stimmen aus den USA fragen, weniger seriöse, zum Beispiel den Journalisten und Autor Matt Taibbi. Vielleicht sollte ich zuerst ein paar Sachen über Taibbi sagen. Ich lernte ihn durch seinen fulminanten Aufsatz über die Finanzkrise kennen, den man auch auf deutsch lesen kann. Auf diesen Text stützte sich einst auch der Soziologe Wolfgang Streeck, weil Taibbi darin die unglaublichen Vortragshonorare von Goldman Sachs für Spitzenbeamte und Minister nannte, was sie sind: Korruption.

Taibbi hat eine bizarre Biografie. Sohn eines NBC-Journalisten, ausgewandert in die Sowjetunion, spielte Profi-Baseball in Russland und Usbekistan und Profi-Basketball in der Mongolei. Allein das muss einen für den Mann einnehmen. Außerdem wurde er als Reporter 1992 aus Usbekistan abgeschoben, weil einer seiner Artikel den Präsidenten Islam Karimov ärgerte. Drogen, Sex, schlechtes Benehmen.

Dann Journalist in den USA , immer wieder wegen frecher Beiträge von Zeitungen gefeuert, regelmäßiger Kolumnist des Rolling Stone, später kurz an leitender Stelle bei dem von e-Bay-Gründer Pierre Omidyar finanzierten digitalen Verlagshaus First Look-Media, wo The Intercept erscheint und Taibbi ein Magazin mit dem schönen Namen Racket publizieren sollte. Er verließ First Look Media nach wenigen Monaten im Streit. Mittlerweile publiziert er auf einer eigenen Website bei Substack.

An dieser Stelle ist es mir wichtig zu sagen, ich bin ein Fan von Matt Taibbi, auch wenn ich klarerweise nicht alle seine Ansichten teile. Die Ukraine-Vorwürfe gegen Trump bezeichnete er als Coup, die Ermittlungen der seriösen Blätter zu Russlands Interventionen im Wahlkampf als Russiagate. Als der rechtsextreme Verleger Andrew Breitbart starb, schrieb er in seinem Rolling-Stone-Nachruf „Good! Fuck him. I couldn’t be happier that he’s dead.“

Sie haben schon verstanden, Mr. Taibbi, ein Nachfahre von Hunter S. Thompson, ist das lebende Gegenteil von Mr. Rough, den der ORF sprechen lässt. Also lassen wir einmal Mr. Taibbi sprechen. Was sagen Sie zur Ermordung von Georg Floyd?

„Sie erinnert mich an die von Eric Garner vor fünf Jahren. Erstickt durch einen Polizisten, der auf ihm kniete. Andere Polizisten sahen zu. Als ich ein Buch darüber plante, schlug der Lektor vor, ich solle die Sache breiter anlegen. So stelle ich mir die Frage, wie die amerikanische Polizei entstanden ist.“

Wie?

„Zuerst entstand sie aus Slave Patrols im Süden, und seitdem ist das amerikanische Polizeiwesen immer damit beschäftigt gewesen, Rassentrennung aufrechtzuerhalten.“

Ist das nicht etwas eindimensional gesehen?

„Nein. 1982 wurde es noch schlimmer, als ein Vollzugsbeamter namens George Kelling die Broken Windows Theorie entwickelte. Weiße fühlen sich sicherer, wenn sie keine zerbrochenen Fenster oder keinen Müll auf der Straße sehen, egal ob sie nun sicherer sind oder nicht. Der Stanford Frscher Philip Zimbardo spitzte es dann so zu: ,If a window in a building is broken and left unrepaired, all of the rest of the windows will soon be broken.‘ Ab da ging es darum, das Verbrechen nicht zu bekämpfen, nachdem, sondern ehe es geschehen war. ,Community policing‘ lautet der Euphemismus dafür. Die Polizeimethoden wurden brutaler, vor allem aber beschränkten sie sich auf gefährliche und gefährdete Viertel. ,Where the crime is‘, wie New Yorks Ex-Bürgermeister Bloomberg sagt. Die Polizei ging quantitativ vor, verhaftete in einigen Städten mehrere Hunderttausende im Jahr, wurde immer brutaler und damit auch immer verhasster. Im Gefängnis saßen im Schnitt im 20. Jahrhundert etwas mehr als 110 Menschen pro 100.00, heute: 655 Menschen pro 100.000. Am Ende hatte Amerika zwei Polizeisysteme, ein mildes für Weiße und ein militantes, scharfes für Schwarze. Selbst in der Corona-Seuche zeigt sich das: 80 Prozent der Strafen wegen nicht eingehaltenen Social Distancings wurden gegen Schwarze und Hispanics verhängt.
Die Polizei fühlt sich zu Recht gehasst und kultivierte dagegen ihr „Krieger“-Ethos der konstanten Bedrohung. Polizisten werden ausgebildet wie Okkupanten und sehen deswegen aus, als würden sie gerade in Mossul Häuser besetzen. Deswegen behandeln sie gewöhnliche Autofahrer wie Terroristen. Deswegen so viele Knie im Genick, soviele Tausende Würgegriffe, Overkill überall – 41 Schüsse auf Amadou Diallo, 50 auf Sean Bell, 137 auf Timothy Russell and Malissa Williams in Cleveland. Deswegen Morde wegen 20 Dollar.“

Ich habe Matt Taibbi übrigens nicht interviewt, sondern nach seinem Artikel „Where did policing go wrong“ zitiert.

Heute: Um 17 Uhr Blacklivesmatter-Demo am Platz der Menschenrechte in Wien. Anbei noch eine kleine Handreichung für Corona-gerechtes Verhalten bei Demos (via dem Virologen meines Vertrauens).

Und trotzdem: Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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