Kommunikation als Verachtung

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 79


ARMIN THURNHER

03.06.2020

Es gibt Seuchen und Seuchen. Für Corona sind Epidemiologen und Virologen beiderlei Geschlechts zuständig. Für die emotionale Pest konsultiere man die Psychotherapie, für Pestzeiten die Politikwissenschaft. Für die Sprechseuche fühle ich mich zuständig. Als ich mich gestern mit literarischen Mitteln des Gelabers der Frau Aschbacher annahm, einer Ministerin im türkisen Team Kurz, war ich zwar durch das zitierte Radiointerview erbost, aber meine Erregung ragte nicht über den Durchschnitt meiner sonstigen Alltagsempörung hinaus.

Reaktionen, die mich in den mir zugänglichen sozialen Medien und per Email erreichten, zeigten mir, dass sehr viele Menschen diese Empörung teilten, sich aber gleichzeitig um meine Gemütsverfassung sorgten. Das erstaunte mich, denn was immer ich sonst tue, meist bleibt alles ruhig. Mehr noch erstaunte mich die Tatsache, dass Menschen sich immer wieder wundern, wenn ich etwas literarisch ausdrücke.

Das verblüfft mich, denn meine wöchentlich im Falter erscheinende Kolumne „Seinesgleichen Geschieht“ versucht, Traditionen des literarischen Journalismus aufzunehmen und hat selbst durchaus literarische Ambition. Abgesehen davon habe ich zwei Romane geschrieben; aber wenn ein Autor in Österreich wütend wird, muss man gleich Thomas Bernhard evozieren, der nun – bei allem Respekt für einen großen Schriftsteller – gerade nicht zu meinen literarischen Vorbildern zählt.

Ich wollte aber von der Sprechseuche reden. Es ist eine Krankheit, die nicht die ÖVP allein über uns gebracht hat. Sie war immer vorn dabei. Jedoch sowohl Erhard Busek als auch Wolfgang Schüssel hatten intellektuelle Ambitionen und eine spitze Zunge; beides ließ nicht zu, sich bedingungslos Sprachregelungen zu unterwerfen. Diese bedingungslose Unterwerfung zeichnet einen neuen Typus aus, der bei uns erstmals mit Karl Heinz Grasser sichtbar wurde. Eine politische Nullstelle, die ich damals New Egonomy nannte; sie stand für nichts als für sich und den Anspruch auf Macht und Geld. Sebastian Kurz konzentriert sich vorläufig auf Macht; Geld kommt später. Das ist etwas intelligenter. Er kennt jedoch ebenfalls keinerlei persönlichen Ehrgeiz, was Ideen, Gedanken und Formulierungen betrifft. Im Gegenteil: Er verkörpert den totalen Willen zur Aufgabe von Individualität, wenn diese seinem Machtanspruch im Weg steht. Er ist ein Kanzler-Avatar, bei dem nicht mehr auszumachen ist, was politischer Wille ist, weil alles der taktischen Notwendigkeit des Augenblicks gehorcht, übersetzt in günstige und gunstheischende Phrase.

Die meisten seiner Gegner sind nicht imstande, dagegenzuhalten, weil das einer gewissen Fantasie bedürfte, auch der sprachlichen. Weil sie, wenn schon, ihren Ehrgeiz eher darauf richten, die Türkisen zu übertreffen als sie öffentlich zu dekonstruieren. Zu dieser Dekonstruktion will ich beitragen, schon aus Gründen des Selbstachtung. Mag sein, die Welt will beschissen werden, ich nicht. Gestern lasen Sie hier also nicht den Ausbruch eines psychisch Mitgenommenen, sondern den Versuch einer solchen, selbstheilenden Dekonstruktion.

Unsere Kommunikation ist hochgefährdet, weil noch nie so viel kommuniziert wurde wie jetzt. Weil (oder obwohl) fast allen fast alle Mittel zur Verfügung stehen, ist die Asymmetrie in dieser Kommunikation riesengroß. Wir fühlen uns der demokratischen Utopie so nahe und sind ihr so fern wie nie.

Man kann Medien und Menschen danach klassifizieren, ob sie das öffentliche Gespräch retten oder zerstören wollen. Die zweiten sind Feinde der Demokratie und bereiten den Boden für jeglichen Autoritarismus. Insofern sind Trump und Kurz einander verwandt. Ob einer „Fake News“ bellt oder auf eine ganz konkrete Frage nullmeldet: „Wichtig ist an dieser Stelle zu sagen“, wie es Frau Aschbacher exemplarisch vorgeführt hat, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass beide ihr Publikum verachten. Wichtig wäre, dass alle darauf aufmerksam werden, und wenn der Phrasenkanzler eine seiner alten oder neuen Phrasen loslässt, laut zu lachen beginnen, statt dieses auswendig gelernte Zeug für „Rhetorik“ zu halten. Rhetorik ist die Lehre, wie man sprechen, also Gedanken ausdrücken soll, nicht die Lehre, wie man ein Gespräch durch Sprechen zerstören soll.

Gesprächszerstörung ist ein Gewerbe geworden, Dutzende Menschen verdienen rund ums Kanzleramt prächtig daran, die Verständigung der Bürgerinnen und Bürger miteinander zu verhindern, und die Beschaffenheit fast aller Medien ist so, dass sie sich dazu gern gebrauchen lassen oder die Gesprächszerstörung sogar befördern, weil sie ihren eigenen Geschäften günstig ist.

Das Vorbild: Anbetung in der Kirche Santa Maria Trastevere, Rom, byzantinisches Mosaik, ca. 1250

Das Nachbild: Anbetung der Aschbacher, Neobyzantinismus in der Kronen Zeitung, Wien 2020, Fotograf des Kanzleramts,

Wichtig ist an dieser Stelle zu sagen, dass meine ikonografische Auslassung mangelhaft war; es war nur der kunsthistorische Laie, der das ikonische Vorbild hinter der Aschbacher-Szene witterte. Ein besser als der Autor gebildeter Leser teilte ihm mit, was eine dieser möglichen Vorlagen ist: der Besuch der heiligen drei Könige in der Kirche Santa Maria Trastevere in Rom (hier der Parallelität wegen gespiegelt). Der Ministerin als Geschenke darbietende Königin. Timeo reginae et dona ferentes!

Eine Fälscherkönigin, überdies. Denn wenn sie in ihrem fatalen Radiointerview die Wahrheit sagte, war die Szene nicht nur gestellt, sondern die Familie hatte ihr Geld schon erhalten und musste extra noch einmal antreten, um die Sache zu mimen (übrigens bar jeder Corona-Vorsichtsmaßnahme).

„Also bei dem angesprochenen Bild handelt es sich um eine Familie, die Anspruch auf den Corona-Familienhärtefonds hat und eben auch dieses bereits erhalten hat“, sagte Aschbacher. Ein doppelter Missbrauch, denn das Modelling-Honorar sparte man sich wohl auch.

Ich tröste mich damit, ein wachsames und gebildetes Publikum zu haben.

Und trotzdem: Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


Zuletzt erschienen:

Nr. 196 Gernot Blümel, der oberschlaue Zensor, und seine schlauen Verteidiger (28.09.2020)
Nr. 195 Alles steuerte auf Beethoven zu. Eine Sonntagsgeschichte (27.09.2020)
Nr. 194 „Wer Charakter hat, hat kein Schicksal“. Zu Walter Benjamin (26.09.2020)
Nr. 193 Holz schlichten. Streit schlichten. Unter Schlichten. (25.09.2020)
Nr. 192 Was Twitter aus einem machen kann (24.09.2020)
Nr. 191 Wie ich 50 Jahre Profil erlebte. Szenen einer kritischen Freundschaft (23.09.2020)
Nr. 190 Ein oder zwei Meter? Abstand nehmen von falschen Dichotomisierungen! (22.09.2020)
Nr. 189 100mal „Herr Sobotka, treten Sie zurück!“ (21.09.2020)
Nr. 188 Quellwolken voller Zweifel (20.09.2020)
Nr. 187 Himbeermarmelade und Herzensdemokraten (19.09.2020)
Nr. 186 Man sollte besser über Sport berichten. (18.09.2020)
Nr. 185 Narzissmusdusche und Bedeutungseisbad. Über Coronakommunikation (17.09.2020)
Nr. 184 Wer die ÖVP wirklich regiert. Appell an Ö1. Monster. Falken. (16.09.2020)
Nr. 183 Dominic Thiem besiegte die Schlümpfe. Ich weiß, was er meint. (15.09.2020)
Nr. 182 Ampelologie: bald kennt jeder jemanden, der die Ampel nicht versteht (14.09.2020)
Nr. 181 Zwei Herzen, eine Seele: der Kanzler ohne Milde und die Krone (13.09.2020)
Nr. 180 Corona, Moria und unser europäisches Wir. (12.09.2020)
Nr. 179 Dieses Blümelkurz-Österreich ist nicht mein Österreich (11.09.2020)
Nr. 178 Glückspräsident Sobotka klärt die Presse auf. Eine Ansprache (10.09.2020)
Nr. 177 Der „Lockdown“ und seine Folgen für Patienten abseits von Covid-19 (09.09.2020)
Nr. 176 Wie privat ist „privat“ auf Twitter? ICH sage: eher nicht. (08.09.2020)


Alle bisher erschienen Kolumnen finden Sie hier.