Aschbacher als Zustand

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 78


ARMIN THURNHER

02.06.2020

Wir haben ein Bild. Nun haben wir auch den Ton dazu. Das Bild erschien in der Kronen Zeitung und zeigt eine maskenlose, biblisch-ländlich anmutende Konsi-Idealfamilie mit Mann, Frau und zwei Kindern, eines davon ein Baby. Die Familie neigt sich einer rechts im Bild stehenden Person zu, als empfange sie etwas, wie die Jungfrau eine Botschaft des verkündigenden Engels auf einem Renaissancegemälde. Der Engel steht rechts und verkündigt nicht, er schenkt. Er drückt dem Kleinkind Geldscheine in die Hand. Es ist die Ministerin Aschbacher. Im Text wird erläutert, die Not im Land sei groß, die Ministerin lasse es sich nicht nehmen, das Geld bei der Auszahlung nun selbst zu übergeben undsoweiter.

 

Kronen Zeitung vom 30. Mai 2020

Der Journalist Armin Wolf gab Bild und Text auf Twitter wieder und stellte drei Fragen, die er gewiss beantworten konnte, aber nicht beantworten wollte: „1. Warum macht man als Politikerin sowas? 2. Warum ist ein Fotograf des Kanzleramts dabei? 3. Vor allem aber: Warum druckt ein Medium dieses Bild unkommentiert ab?“

Ich darf ihm meine drei Antworten sagen, auch weil es mir persönlich guttut, auszusprechen, was Sache ist, und nicht nur pädagogisch vielsagend herumzufragen.

1. „Man“ macht es, weil man alles macht, um an der Macht zu bleiben. Alles, was einem die Propagandaabteilung vorgibt. Man macht es gern, weil man weiß, man ist nicht von selbst dort wo man ist, sondern nur als Minister-Darstellerin von Gnaden des Parteipropaganda-Apparats und seines Vorsitzenden.
2. Der Fotograf ist dabei, weil der Apparat Bild- und Textproduktion zu kontrollieren versucht. Entgleitet ihm die Kontrolle, entgleitet ihm die Macht.
3. Das Medium macht es, weil der Machterhaltungs- und Propagandaapparat auf struktureller Medienkorruption beruht. In diesem Fall entrichtet das Medium offenbar einen Tribut für reichlich geflossene Inserate und Corona-Hilfszahlungen. Das muss nicht einmal als offenes Geschäft laufen, beide Partner wissen gefühlsmäßig, was sie einander schuldig sind.Sie fühlen sich als Einheit.

Am heutigen Tag führte der Journalist Klaus Webhofer im Morgenjournal auf Ö1 mit Frau Aschbacher ein Gespräch und kam auch auf die Verkündigungs-Aushändigungs-Szene zu sprechen. Im folgenden ein Teil der Transkription dieses Gesprächs, ein gnadenloses Dokument unseres politischen Zustands. Man hört es und bewundert den Fragesteller ob seiner Contenance, man bestaunt die Ministerin ob ihrer abgrundtiefen Dreistigkeit. Man fragt sich, wie lange und wie weit man solches noch treiben kann und gibt sich die deprimierende Antwort: noch lange!

Klaus Webhofer (ORF): Frau Aschbacher, Sie sind auch für Familien und damit auch für den Familienhärtefallfonds verantwortlich. Der soll in Not geratene Familien unterstützen und da gab es Ende letzter Woche ein Bild in der „Kronen Zeitung“, wo Sie persönlich einem Baby Geld aushändigen. Finden Sie, das ist die richtige Form, Steuergeld unter die Menschen zu bringen?
Christine Aschbacher (ÖVP): Wichtig ist an dieser Stelle zu sagen, dass wir alle Familien, die unverschuldet in Not geraten sind, durch die internationale Corona-Krise unterstützen wollen. Dementsprechend haben wir den Familienhärtefonds aufgesetzt und jetzt starten die Auszahlungen und tatsächlich werden tausende…
Es geht mir jetzt um dieses Bild, Frau Ministerin! Es geht mir jetzt um das Bild. Da stehen Sie in einer Reihe mit Jörg Haider und dessen Geldverteilaktionen in Kärnten.
Aschbacher: Also bei dem angesprochenen Bild handelt es sich um eine Familie, die Anspruch auf den Corona-Familienhärtefonds hat und eben auch dieses bereits erhalten hat.
Schon, aber würden Sie es wieder so machen, dass Sie sozusagen persönlich da einem Baby das Geld aushändigen?
Aschbacher: Also grundsätzlich war es so, dass die Eltern das Geld übernommen haben und das Baby kurz zu dem Geld auch greifen wollte und dementsprechend ist es uns wichtig, dass das Geld nun betroffenen Familien ankommt. Wir haben auch hier massiv aufgestockt im Interesse von allen Familien Österreichs und, muss ich auch dazu sagen, auch in der Verwaltung herrschen bei uns enorme Herausforderungen, weil es über 100.000 Familien sind, die nun beantragt haben.
Gut. Gut. Ich nehme mit, Sie stehen zu dieser Werbeaktion. Vielen Dank, Frau Aschbacher, für dieses Interview!
Aschbacher Christine: Schönen Tag, auf Wiederhören!
Wiederhören!

WAS IST AN DIESER STELLE WICHTIG ZU SAGEN?
WICHTIG IST AN DIESER STELLE ZU SAGEN, WIR SCHAUEN UNS ALLES GEMEINSAM AN.
ICH ABER MÖCHTE EINWERFEN, WICHTIG WÄRE AN DIESER STELLE GEMEINSAM ZU SAGEN, WIR SCHAUEN UNS DAS NICHT MEHR AN, WEIL EIN MENSCH KANN SICH DAS NICHT ANSCHAUEN, OHNE DEN VERSTAND ZU VERLIEREN, ABER DAS IST ES WAS DIE WOLLEN, SIE WOLLEN UNS UM DEN VERSTAND BRINGEN, UND WIR SCHAUEN UNS DAS ALLE GEMEINSAM AN OHNE VORZUGREIFEN, WIE WIR LANGSAM UM DEN VERSTAND GEBRACHT WERDEN, UND DIESES GEMEINSAME SCHAUEN IST EIN TEIL DES UM-DEN-VERSTAND-GEBRACHT-WERDENS, UND DIESES EINSEIFEN, DIESES HIRNERWEICHEN, DIESE VERWEIGERUNG JEDES VERNUNFTGELEITETEN SPRECHENS, DIESES NUR VERFÜHRENDE AUSWEICHENDE, DIESES GELERNTE EINSTUDIERTE, DIESES FUNDAMENTAL VERLOGENE SPRECHEN IST EIN TEIL DER STRATEGIE, UNS UM DEN VERSTAND ZU BRINGEN UND DEMENTSPRECHEND SCHAUEN SIE UNS DABEI ZU, WIE WIR UND ALLE ANDEREN AUCH UM DEN VERSTAND GEBRACHT WERDEN SOLLEN, UND DAS ERGEBNIS DIESES UM-DEN-VERSTAND-GEBRACHT-WERDENS SOLL DANN SEIN, DASS WIR SIE WIEDER WÄHLEN, WAS NUR MÖGLICH IST, WENN WIR UM DEN VERSTAND GEBRACHT WORDEN SIND, WAS IN DIESEM AUGENBLICK, IN DIESEM ASCHBACHER-KÖSTINGER-EDTSTADTLER-NEHAMMER-KURZ-MAHRER-MOMENT SCHON GESCHEHEN IST, UND WÄHREND WIR UNTER NAMENLOSEN SCHMERZEN DEN REST UNSERES GEQUÄLTEN HIRNS ZU RETTEN VERSUCHEN, SAGEN JENE MIT DER ERBARMUNGSLOSIGKEIT EISKALT GEWORDENER FOLTERSCHERGEN: WICHTIG IST AN DIESER STELLE ZU SAGEN, WIR SCHAUEN UNS ALLES GEMEINSAM AN!

Und trotzdem: Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


Zuletzt erschienen:

Nr. 196 Gernot Blümel, der oberschlaue Zensor, und seine schlauen Verteidiger (28.09.2020)
Nr. 195 Alles steuerte auf Beethoven zu. Eine Sonntagsgeschichte (27.09.2020)
Nr. 194 „Wer Charakter hat, hat kein Schicksal“. Zu Walter Benjamin (26.09.2020)
Nr. 193 Holz schlichten. Streit schlichten. Unter Schlichten. (25.09.2020)
Nr. 192 Was Twitter aus einem machen kann (24.09.2020)
Nr. 191 Wie ich 50 Jahre Profil erlebte. Szenen einer kritischen Freundschaft (23.09.2020)
Nr. 190 Ein oder zwei Meter? Abstand nehmen von falschen Dichotomisierungen! (22.09.2020)
Nr. 189 100mal „Herr Sobotka, treten Sie zurück!“ (21.09.2020)
Nr. 188 Quellwolken voller Zweifel (20.09.2020)
Nr. 187 Himbeermarmelade und Herzensdemokraten (19.09.2020)
Nr. 186 Man sollte besser über Sport berichten. (18.09.2020)
Nr. 185 Narzissmusdusche und Bedeutungseisbad. Über Coronakommunikation (17.09.2020)
Nr. 184 Wer die ÖVP wirklich regiert. Appell an Ö1. Monster. Falken. (16.09.2020)
Nr. 183 Dominic Thiem besiegte die Schlümpfe. Ich weiß, was er meint. (15.09.2020)
Nr. 182 Ampelologie: bald kennt jeder jemanden, der die Ampel nicht versteht (14.09.2020)
Nr. 181 Zwei Herzen, eine Seele: der Kanzler ohne Milde und die Krone (13.09.2020)
Nr. 180 Corona, Moria und unser europäisches Wir. (12.09.2020)
Nr. 179 Dieses Blümelkurz-Österreich ist nicht mein Österreich (11.09.2020)
Nr. 178 Glückspräsident Sobotka klärt die Presse auf. Eine Ansprache (10.09.2020)
Nr. 177 Der „Lockdown“ und seine Folgen für Patienten abseits von Covid-19 (09.09.2020)
Nr. 176 Wie privat ist „privat“ auf Twitter? ICH sage: eher nicht. (08.09.2020)


Alle bisher erschienen Kolumnen finden Sie hier.