Rassismus und Corona in den USA

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 77


ARMIN THURNHER

01.06.2020

Sie schießen mit Hartgummikugeln auf Protestierende, wie in Kaschmir. Dritte Welt in Minneapolis, Hauptstadt des seenreichen Minnesota, Stern des Nordens und Land der Streifenhörnchen. Twin-City mit indianisch-griechischem Namen, Wasser-Stadt, jetzt Feuerstadt, Plündererstadt, Stadt brutaler mörderischer Polizei, Stadt des öffentlich ermordeten Schwarzen George Floyd.

Ich hatte mehrere Verwandte in Minnesota, die ich während meines USA-Aufenthalts nie besuchte; noch heute bin ich nicht stolz darauf. Es waren rechtschaffene Auswanderer, die es mit einer Wurstfabrik und mit Immobilien zu Vermögen brachten.

In den Jahren 1967/68 hatte ich andere Interessen, als wohlbestallte Verwandte in Minnesota zu besuchen und ihnen zu erklären, warum meine Haare so lang waren. Es war das Jahr nach dem Summer of Love, das Jahr, in dem Revolten gegen den Vietnamkrieg durch die USA zogen. Das Jahr, nach dem Städte gebrannt hatten und die Nationalgarde in die Schwarzenviertel einzog, in Newark und Detroit, als so etwas wie ein bewaffneter Kampf aufflackerte, der mit Waffengewalt erstickt wurde.

Ein bisschen davon habe ich begonnen, in einem Erinnerungsbuch Fähre nach Manhattan aufzuschreiben; den Schock über die Entdeckung, dass jenes Amerika, an das ich fast bedingungslos glaubte, ein gewalttätiger, rassistischer, ungerechter Staat war. Aber, das muss man auch dazu sagen, nur zur Hälfte, wenn überhaupt: stets gab es nicht nur die Sklaverei, sondern jene, die gegen sie revoltierten und Bürgerkrieg zu ihrer Abschaffung führten. Die Stärke des institutionellen Rassismus konnte ich erst an Ort und Stelle ermessen. Der Anblick schwarzer Obdachloser, die in Kartonschachteln in der Bowery auf der Straße übernachteten, mitten in Manhattan, änderte mein Leben. Die Bowery war mein Damaskus, sozusagen.

28.5., Minneapolis. Protestierende haben die Polizeiwache des 3. Bezirks angezündet. @ Foto Nick Woltman / Pioneer Press

Aber Minneapolis. Polizeibrutalität fast ähnlicher rassistischer Art, man wagt es kaum zu sagen, hatten wir auch in Wien, als Cheibani Wague im Stadtpark öffentlich erstickt wurde. Auch damals war es ein Video, das unbeteiligte Zuseher von einem Fenster aus aufnahmen. Allerdings glaubten sich die Täter damals unbeobachtet, und keine Menge protestierte.

Bei uns gibt es Rassismus genug, allerdings fehlt ihm der soziale Grund. In Minneapolis muss der Polizist in einen Tötungsrausch verfallen sein, denn in der Nähe Stehende hielten dem Mörder ihre Handys entgegen und schrieen ihn an, er solle aufhören.

Dann brach der Aufruhr aus. Eine liberale Stadt, keineswegs eine Rassistenmetropole, mitten in der Corona-Pandemie, begann zu revoltieren. Plünderungen auf der einen Seite, auf der anderen Nationalgarde und eine Polizei, die unterschiedslos Pfefferspray aus fahrenden Autos auf offenbar friedliche Demonstranten sprühte, Passanten, die wegen Gummigeschossen und Spray nur noch mit Helm, Schutzbrillen und wattierten Westen aus dem Haus gehen und dazu der verrückte Präsident Ubu, der mit hetzerischen Tweets die Stimmung lustvoll anheizt.

Warum dieser Ausbruch, der manche Kriegskorrespondenten an Dinge erinnert, die sie in Irak oder in Afghanistan erlebt haben? Der so heftig ist, dass selbst gestandene Fotoreporter es teilweise aufgegeben haben, sich Kampfzonen anzunähern? Der sich längst auf Metropolen in den ganzen USA ausgebreitet hat?

Liberales Image von Twin-Cities hin oder her, es ist bereits der fünfte Vorfall von mörderischer Polizeibrutalität in Minneapolis/St. Paul seit 2018. In vier Fällen ging es um Gewalt, die weiße Polizisten Schwarzen antaten. Nichts davon kam vor Gericht; nur ein Fall, in dem ein schwarzer Polizist eine weiße Frau tötete, wurde angeklagt.

48 Stunden nach dem Vorfall war der mörderische Polizist noch immer auf freiem Fuß! Selbst der Bürgermeister stellte dann öffentlich die Frage, wie das sein könne Die überwiegende Zahl der Demonstrierenden war selbstverständlich friedlich; es waren sogar Amishe von den Farmen gekommen, die gewiss nichts mit Plünderungen im Sinn haben.

Die USA haben ihren strukturellen Rassismus seit der Bürgerrechtsbewegung sichtbarer gemacht, sie hatten sogar einen schwarzen Präsidenten, aber sie sind weit davon entfernt, das Problem auch nur ansatzweise zu lösen. Allein in Minneapolis sind sechs Prozent der Bevölkerung, aber 30 Prozent der Coronainfizierten schwarz. Mitten im Protest veröffentlichte die Gesundheitsbehörde von Minnesota die höchste Todeszahl seit Ausbruch der Pandemie: 35.

Eine der bitterste Ironien dieser Ereignisse erzählt ein Artikel aus der New York Review of Books, auf den sich diese Kolumne weitgehend stützt: Ein fast fertiggestellte Wohnsiedlung mit 189 Einheiten, eine große Zahl dafür vorgesehen für Menschen mit niedrigem Einkommen, wurde bei den Unruhen zerstört.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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