Eigenverantwortung! Pfingsten lockert die Phrasenzunge

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 76


ARMIN THURNHER

31.05.2020

Haben wir die Covid-19-Sache hinter uns? Scheint so auszusehen, ist aber nicht so.

Der Virologe meines Vertrauens war vor ein paar Tagen Schwimmen. Er ist ein harter Bursche, im Innsbrucker Tivoli-Freibad, berichtet er, „war es sonnig,  aber frisch, 17°, weshalb es kein Problem wegen der Abstandsregeln gab (hatte ich richtig eingeschätzt). Sie haben im Sportbecken aus acht Bahnen vier gemacht, sodass die neue Breite der Schwimmbahnen, beim üblichen Im-Kreis-Schwimmen, meist einen ungetrübten Genuss erlaubt. Vielleicht nicht an überlaufenen Tagen, aber man weiß ja, wann die sind.“

Ist der gute Robert Zangerle gar bei allen Lockerungsübungen unter den ersten? Bei Après-Ski-Bars wird er sich sicher zurückhalten, meint er. Auch sonst sieht er manche Lockerungen kritisch.

Zum Beispiel die der Maskenpflicht. Er schickt mir einen Link zu einem grundlegenden Artikel der englischen Ärztin und Oxford-Universitätsprofessorin Trisha Greenhalgh „Face masks for the public during the covid-19 crisis“ im sehr angesehenen British Medical Journal (BMJ). Dieser Review hat auch einen am IHS in Wien tätigen Koautor, Thomas Czypionka. „Ob Kurz und sein Krisenstab diese Argumente kennen?“, fragt Zangerle. „Jedenfalls wollen sie den Inhalten nicht folgen.“

Trisha Greenhalgh @ University of Oxford

Greenhalgh kann selbst in wissenschaftlichen Publikationen witzig schrieben. Sie plädiert für das Tragen von Masken, weil diese nicht den Träger schützen, sondern die anderen. Wenn wir viele Masken sehen, dürfen wir uns also geschützt fühlen. Gesichts-Irritationen und Ähnliches wischt sie weg. Ich darf nebenbei berichten, dass  bei meiner Friseurin, die keine Wehleidige ist, sie und ich das beidseitige Maskentragen mit edlem Gleichmut absolvierten.

Greenhalgh schließt ihre Antwort auf eine Kritik an ihrem Review so ab: „Ich gratuliere Martin et al. (den Autoren der Kritik, Anm.), dass sie sich meiner Aufforderung gestellt haben, eine Kritik meiner Veröffentlichungen zu Masken und Gesichtsbedeckungen für die Öffentlichkeit zu produzieren. Während akademisches Sparring einen wichtigen Platz einnimmt, um uns auf Trab zu halten, dürfen wir unsere moralische Rechenschaftspflicht gegenüber der Gesellschaft in der Krise nicht vergessen. Die unerbittlichen, alltäglichen Geschichten über vermeidbare Todesfälle durch diese schreckliche Krankheit machen mich krank. Ich werde als Akademikerin, Ärztin und Bürgerin alles tun, um die Zahl der Todesopfer zu senken und die Gesellschaft wieder in Schwung zu bringen.“

Virologe Zangerle: „Mit pfingstliche Engelszungen wird bei uns die Aufhebung der Maskenpflicht verkündet. Die Maskenpflicht sei ein Kulturwandel gewesen, und jetzt komme die Zeit für ,weniger Regeln, mehr Eigenverantwortung‘. Meint die österreichische Bundesregierung, dass jetzt alle FFP2 (oder KN95) Masken besorgen und dann tragen sollen, um sich durch solches Maskentragen eigenverantwortlich selbst zu schützen?“

Keine Ahnung, was die meinen. Und wie hält’s der Virologe?

„Ich mache das seit drei Wochen empfehle es auch Freunden. Aber Achtung, in diesem Wildwest-Markt wurde nicht selten Ramschware bezogen, die jetzt unter die Leute gebracht wird. Auf europäische Zertifizierung achten! So ganz nebenbei werden die Stoffmaskenhersteller ökonomisch geschädigt. Ist auch das unüberlegt oder wird es einfach in Kauf genommen? Bei Maskenpflicht erfüllen die Stoffmasken ihren Zweck. Aber wenn wir jetzt eigenverantwortlich handeln müssen?“

Soll heißen, wenn weniger Menschen Masken tragen, entfällt der gegenseitige Schutz.

Das Wort, das Zangerle, wir haben es bemerkt, am meisten ärgert, ist Eigenverantwortung. Zu Recht, denn es ist einer jener Neusprech-Pleonasmen, die exzessiv nerven, wie „pro-aktiv“. Entweder man ist aktiv oder nicht. Das heißt man tut etwas, von sich aus. Aktiv reicht dafür völlig. Genauso übernimmt man Verantwortung oder nicht. Man kann nicht etwas fremdverantworten. Eines steckt aber in dieser neuerdings vom Bundeskanzler bis zu manchen Landeshauptleuten gern gebrauchten Phrase von der ,Eigenverantwortung‘. „Dieses neoliberale Schlagwort“, sagt der Virologe, „erfüllt keinen anderen Zweck als die Schwächung des Sozialstaats. Das ist schon lange so und bleibt so. Naiv, wer da was anderes annimmt. Da kann Kogler noch so viel die Ärmel aufkrempeln.“

Letzter Hinweis auf eine fehlgeleitete Lockerung: bei Kulturveranstaltungen Buffets zuzulassen, ist ein schwerer Fehler, sagt Zangerle. Die Salzburger Festspiele wollen darauf verzichten. In diesem Sommer keine Buffets bei Kulturveranstaltungen, fordert er.

Demnächst mehr von ihm. Ihnen ein schönes, phrasenfreies Pfingstwochenende!

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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