Palmen putzen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 74


ARMIN THURNHER

29.05.2020

Gestern ging eine Serie zu Ende, der ich nachtrauere. Nein, nicht Amazon oder Netflix, sondern Lyrik. Die Ö1-Sendung Leporello brachte während der Seuchen-Zeit ein paar Mal in der Woche Gedichte, gelesen vom famosen Robert Reinagl, der auch einen eigenen Youtube-Kanal für Lyrik betreibt. Dass auch ich erstmals zwei meiner Gedichte öffentlich vorgetragen hörte, ja überhaupt von jemandem anderen vorgetragen hören durfte, von einem, der es kann – das hat mich schon sehr bewegt. Hat mich sehr schön bewegt.

Lyrik ist vor allen Dingen unpopulär. Nicht nur deswegen hat sie meine Sympathie. Ich habe in meinem Leben immer wieder über Lyrik geschrieben; einmal hatte ich sogar eine Lyrik-Kolumne in einem entlegenen Magazin. In der „eigenen“ Zeitung, dem Falter, kümmert Lyrik nicht nur niemanden, sie wird von den meisten als eine Art sonntäglicher Zeitvertreib aus einer verstaubten Ära betrachtet, in der die Geschlechterverhältnisse noch andere waren und der Tag mit einer Schusswunde begann, wie das der Dichter Wolf Wondratschek einmal ausdrückte.

Ein Gedicht ist in dieser Auffassung so etwas wie eine Häkeldecke.

Die Seuchenkolumne ist so etwas wie die Häkeldecke des Meinungsgewerbes.

Auch deswegen kommt hier des öfteren Lyrik vor.

Der von mir verehrte Dichter Wystan Hugh Auden, von dem ich hier die Übersetzung eines Gedichts publiziert habe (jetzt werde ich diesbezüglich schon keck), sagt, 80 Prozent seiner Gedichte seien Schrott.

Auf meine Gedichte trifft die Quote zu, ich fürchte in höherem Ausmaß. Wahrscheinlich gilt das für alles Gedichtete. Und doch ist es wert, gedichtet zu werden. Warum?

Weil Lyrik eine eigene Sprache ist, eine Fremdsprache, in der die Welt nicht aus den Angeln, aber aus dem Alltag gehoben wird. Der Alltag ist ja das Gegenteil des Alls, und so kann das Herausgehobenwerden aus jenem dazu beitragen, sich diesem näherzufühlen.

Musik und die anderen Künste können den Trick natürlich auch. Wer zu Schuberts Quintett nicht weinen oder zu mancher Haydn-Sonate nicht lachen kann, hat zumindest etwas versäumt, wenn schon nicht das Beste am Leben. Sie können an fast jede andere Musik denken.

Aber Lyrik ist nicht bloß Kunst, sie ist eine Sprach-Sprache, eine Fremdsprache, wie der Dichter Kenneth Koch sagt, den ich ebenfalls sehr gern lese. Er hat das nicht selbst erfunden, sondern von Paul Valéry, bei dem Dicht- und Denkkunst so sehr zusammenfielen, dass die französische Republik ihm ein Salär aussetzte, eine Sache, die unser Finanzminister, ein Meister der budgetären Klarheit, bei mir schon wieder versäumt hat, und auch die neue Kunststaatssekretärin hat daran noch keinen Gedanken verschwendet.

Kenneth Koch, Porträt von Alex Katz @ Alex Katz

Wenn die Schönheit des Films darin besteht, zu zeigen, wie der Wind die Blätter der Bäume bewegt (D.W. Griffith), so findet ein Gedicht die Blattbaumwind-Sprache dafür, in unserer Sprache, und doch wieder nicht.

Kenneth Koch veranschaulicht diese Doppelung dadurch, dass „eine unsinnige Aussage einfach wegen ihrer Musik eine Art Wahrheit zu präsentieren scheint, oder zumindest etwas zu sein scheint – in gewisser Weise etwas Unvergessliches. Zum Beispiel:

Two and two
Are rather blue“

Was nicht wahr ist, denn wahr ist, dass zwei und zwei vier ist. Auch die Behauptung, zwei und zwei sei grün, hat wenig oder gar keine Bedeutung, sagt Koch, „two and two are rather blue“ hingegen schon. „Es sind eben verschiedene Bedeutungen. ,Ich weiß nicht, ob ich Selbstmord begehen soll oder nicht‘ hat eine andere Art von Bedeutung als ,Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.‘ Wiederholung und Variation von Tönen machen die zweite Version meditativ, traurig und denkwürdig, während die erste keine solche Musik hat, die sie über Wasser hielte.

Die Natur der Prosa, sagte Paul Valéry, ist vergänglich. Poesie bleibt, weil sie das mehrdeutige und wechselhafte Vergnügen bietet, zugleich eine Aussage und ein Lied zu sein.“ So weit der bei uns wenig bekannte Dichter Koch, von dem es aber eine (längst vergriffene) deutsche Übersetzung gibt, vom zu früh verstorbenen Nicolas Born. Hier ein kleines Beispiel daraus, ein Auszug aus dem Gedicht „Vielen Dank“:

Danke, dass ich dies Kriegsschiff waschen soll,
aber ich hab Ausschlag an den Händen und die Augen tun mir weh,
ich hab auch wenig Ahnung wie man ein Schiff wäscht,
so dass ich eher eine Insel waschen würde.
Da weiß man, worum es geht – Palmen putzen, Sand zusammenkehren, Kokosnüsse polieren;
dann eine kurze Pause, und schon wird es Zeit, das Gras zu schneiden und einzelne Halme voneinander zu trennen, wo klebrige Substanzen sie zusammenhalten und hässliche Büschel bilden; und dann
die tote Rinde von den Stämmen schälen und die Insel ein bisschen parfümieren , mit einem Lied…
Das ist einfach – aber ein Kriegsschiff!
Wo fängt man an und wie macht man die Luken dicht?
Lieber würde ich eine Million Palmen reinigen.

Auf geht’s, lasst uns Inseln waschen!

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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