Als der ORF einmal einen Porno zeigte

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 72


ARMIN THURNHER

27.05.2020

Der ORF ist das wichtigste Medium des Landes. Wenn ich ihn kritisiere, dann nicht, weil ich ihn kleinkriegen will, wie manche andere Journalisten im Interesse ihrer Medieneigentümer. Im Gegenteil. Ich meine, dass ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk als Korrektiv anderer Medien für die Demokratie unerlässlich ist. Korrektiv nicht verstanden als Besserungsanstalt, sondern als abweichende, vorbildliche Praxis.

Also fällt meine Kritik doppelt scharf aus, wenn ich das Gefühl habe, der ORF erfüllt seine Aufgabe nicht.

Ich kritisierte, dass der ORF beim medialen Strache-ist-wieder-da-Zirkus mittat und nannte die Idee, ihn in die Diskussionssendung „Im Zentrum“ einzuladen „verkommen.“

Strache am 17.5.2020 als Gast der ORF-Sendung Im Zentrum, mit Peter Filzmaier, Moderatorin Claudia Reiterer, Irmgard Griss, Wolfgang Peschorn (von links) © ORF

Darauf erreichte mich folgender Brief.

Sehr geehrter Herr Thurnher,
ich habe mit Aufmerksamkeit Ihren Kommentar in der jüngsten Ausgabe des Falter gelesen. Vom dritten Teil, in dem es unter anderem um die Sendung „Im Zentrum“ vom 17. Mai ging, bin ich einigermaßen irritiert. Wir wollten am Jahrestag der Aufdeckung des Ibiza-Skandals nicht über die Authentizität des Videos diskutieren. Diese ist für uns unbestritten. Die Journalist*innen von Süddeutscher Zeitung und Spiegel sind über jeden Zweifel erhaben. Für den Skandal haben im Mai 2019 letztlich auch die veröffentlichten Ausschnitte gereicht. Uns ging es um die Frage eines moralischen Maßstabs in der Politik: Warum kann die zentrale Figur des Ibiza-Skandals überhaupt in die Politik zurückkehren? Mit dieser Frage wurde Heinz-Christian Strache „Im Zentrum“ auf souveräne Weise von Irmgard Griss, Wolfgang Peschorn und Peter Filzmaier konfrontiert.
Man kann die Auswahl von Gästen natürlich immer kritisieren. Aber ich ersuche Sie höflich, Ihre Wortwahl zu überprüfen, wenn Sie von „Verkommenheit“ eines Journalismus schreiben, der „nicht mehr Nein zur Quote sagen kann“. Apropos Quote: In der Sendung „Im Zentrum“ am 3. Mai 2020 waren aus Anlass 75 Jahre Zweite Republik der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer, der ehemalige Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker, Justizministerin Alma Zadic und die Historikerin Barbara Stelzl-Marx zu Gast, um über die Lehren aus Krieg und Krisen zu diskutieren. Mit der Quote – auch wenn sie nur halb so hoch war wie die der „Ibiza-Sendung“ – waren wir sehr zufrieden. Nur die mediale Aufmerksamkeit war in diesem Fall leider mehr als enttäuschend.
Mit freundlichen Grüßen,
Matthias Schmelzer, interimist. Leiter Redaktion Diskussionen

Sehr geehrter Herr Schmelzer, ich weiß nicht, ob die Kolleginnen und Kollegen des Spiegel und der Süddeutschen Zeitung „über jeden Zweifel erhaben“ sind. Grundsätzlich nehme ich als skeptischer Mensch an, dass jeder verdient, einem gewissen Zweifel ausgesetzt zu werden. Dass die Erwähnten in diesem Fall den Test bestehen, halte ich in Kenntnis einiger Umstände des Ibiza-Videos für sehr wahrscheinlich.

Schön auch, dass wir uns einig sind, dass das Ibiza-Video authentisch ist. Das hat ja nicht einmal Hazeh Strache in Frage gestellt, aber es ist sicher gut, dass Sie es erwähnen.

Dann kommt unsere Differenz: „Uns ging es um die Frage eines moralischen Maßstabs in der Politik“, schreiben Sie: „ Warum kann die zentrale Figur des Ibiza-Skandals überhaupt in die Politik zurückkehren?“ Ja, das frage ich mich, seit diese Möglichkeit von Medien warm gehalten wird, also seit dem Erscheinen des Ibiza-Videos. Indem man listig immer wieder die Frage stellte, ob er zurückkommen würde, machte man die Möglichkeit, dass er zurückkommen würde, immer wahrscheinlicher. Die moralische Frage wurde nicht gestellt. Sie lautet einzig: ist er nach Ibiza dazu berechtigt oder nicht? Sie bedarf kaum einer Diskussion und ist leicht mit Nein zu beantworten.

Diese kinderleichte Frage kann man gut ohne Herrn Strache diskutieren. Sie mit ihm zu diskutieren, heißt bereits, sie zu seinen Gunsten zu beantworten. Denn damit ist er ja, wie man sieht, wieder da.

Sie haben Irmgard Griss, Wolfgang Peschorn und Peter Filzmaier eingeladen, und die haben gewiss souverän agiert. Ihr Formulierung ist aber auch hier verräterisch. Für die Konfrontation haben nicht diese, sondern der ORF gesorgt, und zwar vollkommen ohne Not, indem er Herrn Strache in die Sendung einlud. Der konnte erwartungsgemäß nichts beitragen außer seinem üblichen Geschwurbel. Ihr Beitrag bestand darin, ihn auf eine Ebene mit den zitierten Damen und den Herren zu heben und ihm eine Öffentlichkeit von 780.000 Menschen zu geben.

Als „verkommen“ bezeichne ich es, wenn ein Medium vorgibt, über Moral zu diskutieren, nicht um eine moralische Frage zu klären, sondern um Unmoralisches zu zeigen. Das wäre wie eine Diskussion über die Folgen von Porno als Vorwand, um hauptsächlich Porno zu zeigen. Damit man weiß, wovon man redet. Nein, der ORF hat mit Strache seinen Tiefpunkt erlebt, weil er dachte und agierte wie ein Boulevardmedium. Ich wünsche ihm gute Erholung. Dabei sollten Kritik und Selbstzweifel der erste Maßstab sein, die erzielte Reichweite höchstens der zweite.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit und freundliche Grüße.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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