Zwei Familien: die Bachstelzen und die Dichands

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 71


ARMIN THURNHER

26.05.2020

Das Wichtige zuerst: unsere vier Bachstelzenküken sind flügge geworden. Tagelang von den Eltern gefüttert, erst nur dahockend, dann hin und herwandernd, Flügelbewegungen machend, aber nicht fliegen könnend. Dann hebt das erste ab und ist weg; am dritten Tag ein zweites.

Die beiden anderen Küken bleiben zurück, kuscheln sich aneinander, es sieht fast so aus, als wolle das stärkere das schwächere nicht zurücklassen. Inzwischen setzt starker Regen ein, es wird kälter, die beiden drücken sich an die Hauswand, werden trotzdem nass. Die Eltern lassen nicht nach mit ihren Anstrengungen, fliegen zirpend immer wieder herbei und versuchen, die beiden Spätlinge zu animieren.

Am zweiten Tag. Drei Bachstelzenküken sind noch da, eines ist schon ausgeflogen. Foto © Irena Rosc

Dann, am vierten Tag, werden ihre Spaziergänge durch den Hof länger, das eine hebt schon ab und schafft es bis auf den Tisch, dann auf die Dachrinne. Aber es fliegt nicht weg, lässt das Kleinste nicht allein. Endlich flattert auch dieses dahin, und schon sind sie alle weg. Der Kater, die ganze Zeit unter Verschluss gehalten, geht leer aus. Aber die Saison ist nicht vorbei. Die Rotschwänzchen schauen schon aus dem Nest.

Corona sei Dank, dass wir dabei sein konnten!

Nun zu etwas ganz anderem. Österreich wird bekanntlich von der Kronen Zeitung regiert. Dieser Satz impliziert einiges. Erstens, es wird rechts regiert. Zweitens, seine Öffentlichkeit wird mit gegenaufklärerischer Mentalität infiziert. Drittens, Österreich wird von Familien beherrscht. Viertens, wer die Krone kritisiert, den versucht sie zu vernichten.

Punkt vier können der Falter und ich biografisch bezeugen, die Krone führte, viele wissen es nicht mehr, gegen den Falter einen Prozess, der darauf abzielte, uns wirtschaftlich zu erledigen. Die Eigentümer der Krone sagten damals ganz offen, dass der Grund für diesen Prozess ein Satz war, mit dem ich zwanzig Jahre lang jeden meiner Kommentare beendete: „Im Übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex muss zerschlagen werden“ – soll heißen, kartellrechtlich zerlegt werden.

Aus der Mediaprint machte ich Mediamil, als die Newsgruppe der Gebrüder Fellner in die Mediaprint eingebracht wurde, und die rivalisierenden Magazine Format und Profil unter ein Dach kamen – ein Zusammenschluss, der flagrant dem Kartellrecht widersprach, aber von Schwarzblau genehmigt wurde; keine Sekunde zweifle ich daran, dass ihn auch Schwarzrot genehmigt hätte.

Schnee von vorgestern, könnte man sagen, aber die Krone regiert noch immer. Nebenregierungen wie die rivalisierende Familienbande der Fellners haben keine Chance.

Die Familie Dichand kämpft allerdings mit ihren Mitgesellschaftern um die Macht; statt Mitgesellschafter sollte man besser Gegengesellschafter sagen. Sie beeinspruchen die vertraglich festgeschriebenen Rechte der Familie Dichand: erstens, die Personalangelegenheiten der Krone zu bestimmen, zweitens, einen jährlichen Vorabgewinn von sieben Millionen Euro zu kassieren, egal wie das Geschäftsergebnis ausfällt.

Die Gegengesellschafter, ehemals die deutsche WAZ, heute die deutsche Funke-Gruppe und der Immobilientycoon René Benko (dieser mit der Option auf die Mehrheit, wenn der Gesellschafterstreit geklärt ist) hatten mit der Familie Dichand 1987 vereinbart, ihre Streitigkeiten vor einem Schweizer Schiedsgericht zu regeln.

Sie streiten nicht nur über Personalrechte und Vorabgewinn, sondern auch über Stimmrechte. Formal steht es 50:50. Aber Benko und die deutsche Funke-Gruppe behaupten, es würden nur ganze Prozentpunkte bei der Stimmenzählung gelten. Womit die vier Teile der Dichands (Mutter und drei Geschwister halten je 12,5 Prozent) nicht 50 Prozent, sondern nur 48 Prozent zählen würden; Benko und Funke hätten also die Mehrheit.

Das Schweizer Schiedsgericht gab nun der Familie Dichand recht. Die Krone jubelte und Christoph Dichand stieß sofort folgende gefährliche Drohungen aus: „Die Krone, ihre Redaktion und die Familie Dichand sind seit Jahrzehnten untrennbar miteinander verbunden. Zusammen waren und sind wir der Garant für den Erfolg bei den Leserinnen und Lesern in ganz Österreich. Sie können sich auf unsere Grundwerte – Mut, Haltung und Unabhängigkeit – verlassen. Umso mehr werden wir gemeinsam mit der Redaktion den eingeschlagenen Weg ganz im Sinne des Vermächtnisses meines Vaters auch in Zukunft unbeirrt und bestärkt weitergehen: die Meinungs- und Pressefreiheit hochzuhalten und weiterhin zu 100 Prozent den Leserinnen und Lesern verpflichtet zu sein.“ Ein herrlicher Text, einer eigenen Analyse wert (kommt noch).

Funke und Benkos Signa gaben sofort bekannt, „wegen Unregelmäßigkeiten beim Verfahren“ den Spruch des Schiedsgerichts vor einem regulären Gericht zu beeinspruchen. Die Dichands können also vorläufig nicht die Mehrheit an der Krone kaufen, und auch René Benko ist noch nicht Österreichs neuer Medienfürst. Wir Untertanen dürfen weiter bangen, wie die Sache ausgeht. –

Nein, mir fiel die Saga von den vier Dichands nicht ein, weil ich an unsere vier Bachstelzen-Küken dachte. Die Familie Dichand, ergänzt um Heute-Chefin Eva, die Frau des Herausgebers Christoph, ist, was Schlagkraft und Macht betrifft, das genaue Gegenteil dieser Singvögel. Der Nutzen für die Menschheit überwiegt allerdings deutlich auf Seite der Bachstelzen.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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