Dazu sage ich ein ganz unklares Ja

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 68


ARMIN THURNHER

23.05.2020

Welche Art von Land wollen wir haben? Diese Frage klingt natürlich etwas anders, wenn sie ein amerikanisches Magazin seinem Publikum stellt, wie vor kurzem die Essayistin Marilynne Robinson in der New York Review of Books. Bei uns klingt sie aufgrund der schieren Kleinheit der Alpenrepublik von Haus aus etwas lächerlich. Von Haus aus: wer weiß denn noch, was das bedeutet, Haus Österreich? Richtig, als Casa de Austria beherrschten die Habsburger die ganze Welt. Brachten als Kolonisatoren und Ausbeuter auch Seuchen nach Südamerika, die Millionen indigener Bevölkerung ausrotteten, wo nicht Feuer und Schwert der goldhungrigen Eindringlinge schon ganze Arbeit geleistet hatten. 

Trotzdem könnte man sich die Frage stellen: Welche Art von Land wollen wir haben? Eine Republik, das dürfte bei den meisten außer Frage stehen. Obwohl die Zustimmung zum starken Mann ständig steigt. Verdächtig sind, das wissen wir, starke schwache Männer an der Spitze. Ich frage mich, ob meine ständige Auseinandersetzung mit dem Bundeskanzler ein persönliches Problem darstellt, aber ich denke, bei nüchterner Betrachtung kann ich das verneinen.

Er weiß, welche Art von Land wir haben wollen, zumindest tut er so. Geht es nach ihm, sollen wir ein Land sein, das nicht Teil der Europäischen Republik ist, sondern Mitglied in einer auf englische Art konzipierten Freihandelszone der Vaterländer. Eine Art kapitalistische Internationale mit nationalistischer Grundstimmung.

Matthäus Merian d. Ä.: Die Habsburg in der Schweiz, Stammsitz der Habsburger, 1642

Dazu kommt eine ökonomische Ahnungslosigkeit, die natürlich nur ein Missgünstling wie ich so bezeichnen kann. Zu Unrecht, denn in seiner Ahnungslosigkeit steckt eine sehr gute Ahnung dessen, was hinter der Phrase von der schwäbischen Hausfrau an Kapitalakkumulation möglich und erwünscht ist. Er steht unbedingt zu den Milliardären, von Pierer bis Benko, die von einer globalen Finanzwirtschaft profitieren. Er ist bereit, sie – koste es was es wolle – zu subventionieren, während er die kleinen Wirtschaftstreibenden in einer geradezu schmerzhaft dilettantischen Organisation von Hilfe verkommen lässt. Dabei redet er wie ein biederer Kleinproduzent: Wir dürfen keine Schulden machen.

Seine Spezialität ist das „ganz klare Ja“. „Ich sage ein ganz klares Ja zur europäischen Finanzhilfe“, aber in Wahrheit sage ich ein ganz klares Nein zu dieser Hilfe, denn eine Finanzhilfe verdient diesen Namen nur, solange sie dem Financier hilft. Wie bei der Griechenlandhilfe, als man ein Volk auspresste und ihm alles nahm, damit französische, deutsche und anderwärtige Versicherungen und Banken nicht um ihr Geld umfielen. Solche Helfer mögen sich glühende Europäer nennen. In ihrem Feuer wird Europa zugrunde gehen.

Welche Art von Land wollen wir haben? Ein neutrales, demokratisches, hilfsbereites? Nicht einmal zehn Kinderlein aus dem Lager von Moria nehmen diese Hartherzigen auf. Aber vor ihrer eigenen Popularität wird ihnen das Herz weich wie Wachs. In Mittelberg waren die Folgen dieser Ego-Sentimentalität zu beobachten. Der Kanzler konnte sich nicht dazu aufraffen, dem Volk zu sagen, was er, maskiert und inszeniert, vor TV-Kameras hundertmal gesagt hatte. Er spürte die Liebe, die ihm in Mittelberg zuströmte und wurde schwach. Ein typischer Fall von ganz unklarem Ja.

Welche Art von Land wollen wir haben? Ein sentimentales und kitschiges? Ein verlogenes? Ein doppelzüngiges? Geiziges? Versteinertes? Verhärtetes? Müssen wir so sein, gerade weil wir klein, lieb, harmlos und herzig sind?

Wir haben genug weltweit Einzigartiges, von der Sozialpartnerschaft bis zum Roten Wien, von der Kunstpolitik bis zur Lebensqualität, Bio- und Klimabewusstsein inklusive, das wir uns von der Mentalität unserer politmedialen Führungsclique nicht madig machen lassen müssen.

Die Frage „welches Land wollen wir haben“ macht es uns nicht leicht. Wer sind wir, die da etwas wollen? Sind wir der Wille unserer boulevardisierten Medien, gegen die niemand regiert? Ist es wahr, dass sie ungefiltert nur Volkes Stimme ausdrücken, oder steuern sie Volkes Wünsche durch Auswahl und Ton ihrer Berichte? Können wir im Zeitalter der Desinformation und der digitalen Willenssteuerung überhaupt noch wollen, oder werden wir gewollt? Geht es den meisten so gut, dass sie eh nichts wollen?

Während ich das schreibe, läuft im Radio ein Feature über den Mai 1968. Diese Kolumne, ich kann nicht umhin es zu bemerken, trägt die Nummer 68. Wir wollen eine andere Welt, und wir wollen sie jetzt, sagte man damals. Manches hat sich danach tatsächlich verändert. Kann man am Land etwas ändern? Dazu sage ich ein ganz unklares Ja. Jedenfalls schadet es nicht, es zu wollen. Vielleicht beginnt es damit, dass man die richtige Frage stellt.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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