Das Paradox der Prävention


ARMIN THURNHER

16.05.2020

Der gestern hier aufgetretene Virologe meines Vertrauens macht mich dankenswerterweise ständig auf neue Entwicklungen aufmerksam. Da ich kein Wissenschaftsjournalist bin, erzielt er bei mir den Effekt publizistischer Zurückhaltung. Ich mache bei Entwarnungsübungen nicht mit, die in ausgefeilten Rechnungen medizinische gegen ökonomische Wirkungen abwägen, wobei die Rechner bestenfalls Mathematiker sind, schlechtestenfalls Besserwisser, sicher aber weder Ökonomen noch Epidemiologen.

Mit war klar, dass Ökonomie Voodoo ist, und auch die härtesten Wissenschaftsverehrer müssen zugeben, dass die Unsicherheit bei der Feststellung neuer naturwissenschaftlicher Fakten überwältigend viel größer ist, als wir es uns selber eingestehen. Epidemiologie bewegt sich, wie jede Wissenschaft.

Alarmismus ist nicht angebracht, fröhliche Entwarnung ebenso wenig, Skepsis immer. Auch gegenüber den Skeptikern, was nichts leichter macht. Der Virologe schickte mir den berührenden Bericht eines seiner allerprominentesten Kollegen, Peter Piot, Direktor der London School of Hygiene & Tropical Medicine, weltberühmt geworden im Zug der Ebola-Epidemie und 1976 Entdecker des Ebola-Virus.

Peter Piot, Entdecker des Ebola Virus, selbst Corona-infiziert @Heide Larson

Piot wurde selbst mit Sars Cov2 infiziert und schreibt: „Viele Leute denken, COVID-19 tötet ein Prozent der Patienten, und der Rest kommt mit ein paar grippeartigen Symptomen davon. Aber es ist komplizierter. Viele Menschen bleiben mit chronischen Nieren- und Herzproblemen zurück. Sogar ihr Nervensystem ist beeinträchtigt. Es wird weltweit Hunderttausende von Menschen geben, möglicherweise mehr, die für den Rest ihres Lebens Behandlungen wie Nierendialyse benötigen. Je mehr wir über das Coronavirus erfahren, desto mehr Fragen stellen sich. Wir lernen, während wir segeln. Deshalb ärgere ich mich so über die vielen Kommentatoren am Spielfeldrand, die ohne viel Einsicht die Wissenschaftler und politischen Entscheidungsträger kritisieren, die sich bemühen, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Das ist sehr unfair.“

Piot hat überlebt und ist nach sieben Wochen wieder einigermaßen arbeitsfähig; er wird nun Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beraten. Er ist übrigens 71, genauso alt wie ich.

Das wandelbare Virus ist wie ein Abbild der Wissenschaft, die es jagt und versucht, es einzuschränken, in seiner Ausbreitung zu hemmen und seine Wirkungen abzumildern. Die publizistische Situation ist bekanntlich ebenfalls viral geworden, mit den bekannten Konsequenzen: der redaktionelle Journalismus wird schwächer, gerät unter Attacke vieler nun selbst ermächtigter Akteure, die naturgemäß keiner redaktionellen oder anderen Kontrolle unterliegen (außer jener durch Tech-Konzerne und Nachrichtendienste, die ihnen aber wurscht ist).

Analog verhält es sich bei wissenschaftlichen Publikationen zur Coronaseuche. Virologe Robert Zangerle skizziert die Lage so: „Es gibt krasse Änderungen seit Covid, Artikel sind fast ausnahmslos sofort über so genannte Preprint Server wie diesen zugänglich, aber die dort abgelegten Arbeiten sind nicht begutachtet. Es ist deshalb schwierig und für mich oft unmöglich, Wichtiges aus der schieren Unzahl heraus zu fischen. Viele der dort abgelegten Arbeiten werden nie in anerkannten Journalen erscheinen. Auch renommierte Verlage wie der milliardenschwere Elsevier Verlag machen  das jetzt extensiv.“

Der Sofortismus hat die Wissenschaft infiziert, sozusagen. Die Rede von knallharten, zweifelsfreien bestehenden Fakten vergeht einem da sehr schnell. Was die Ökonomie betrifft: da lässt uns die Regierung sowieso im Dunkeln. Die Kleinen werden verhöhnt, so viel ist aus zahlreichen empörtenEinzelmeldungen bekannt; die Großen langen diskret zu. Aber auch das ist mangels Transparenz eine Mutmaßung. Wer will da Folgen abschätzen? Überhaupt, wenn man Änderungen der Mentalität ins Kalkül zieht. Wie die Debatte über die AUA und den wiederaufflackernden Tourismus zeigt, sind Mentalitätsänderungen weniger zu erwarten, als viele auf dem Höhepunkt der Krise dachten. Die Kurve menschlicher Vernunft verläuft zwischen Alarm und Verdrängung. Beides kann, muss kritisch beleuchtet werden, bei beidem ist es schwer, das richtige Maß zu treffen.

In der Epidemiologie gibt es ein Phänomen, auf das mich Zangerle ebenfalls aufmerksam machte. Es ist das „Paradox der Prävention“. Es handle sich um ein Klischee, so alt wie die Disziplin selbst, sei aber deswegen nicht weniger wahr. Michael Leavitt, Gesundheitsminister unter George W. Bush, formulierte es so: „Everything we do before a pandemic will seem alarmist. Everything we do after will seem inadequate.“

Oder, wie es meine Mutter nach einem üppigen Essen ausdrückte: „Weniger wäre auch genug gewesen.“ Ein Satz, der in der Verwandtschaft zum geflügelten Wort wurde. Meine Frau ließ ihn in ein Kissen sticken. Ein Satz, der nur nach dem Essen gilt, davor aber falsch ist oder sich zumindest nicht falsifizieren lässt. Vielleicht kann man es so sagen: Epidemiologie ist eine Wissenschaft, deren Scheitern man in der Zahl von Toten misst, deren Erfolg aber in der Zahl der Besserwisser, die sie hervorbringt. Die Politik dazu steht noch einmal auf einem anderen Blatt.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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