Noah, geh du voran!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 59


ARMIN THURNHER

14.05.2020

Reden wir zwischendurch wieder einmal von der Presseförderung. Noah Falk zum Beispiel, der Verleger der Ganze Woche, jener unauffälligen Postille, die es zur größten Reichweite aller österreichischen Wochenschriften bringt, ohne je merkbar in politische Entscheidungen oder Vorgänge eingegriffen zu haben, erklärt nun, überhaupt auf Presseförderung zu verzichten.

Noah Falk
Foto: @ STANDARD/Newald

Noah Falk ist der Sohn des Gründers Kurt Falk, legendärer Geschäftspartner von Hans Dichand bei der Kronen Zeitung. Ich denke nie ohne heitere Wehmut an das schöne ehemalige Verlagsgebäude dieser Zeitung in Floridsdorf. Einmal war ich dort, mit dem heutigen Profil-Redakteur Martin Staudinger, dem sogenannten Staudl, als wir einen Besuch beim frisch gefeuerten Peter Bartels machten, dem berüchtigten Bild-Journalisten, den Kurt Falk engagiert hatte, um seine Tageszeitung Täglich alles etwas in Schuss zu bringen.

Das ist eine lange Geschichte, denn Falk hatte sich von seinem Partner Dichand getrennt und war mit viel Geld ausbezahlt worden, was Dichand wiederum nötigte, Kredite aufzunehmen und Partner ins Boot zu holen, woraus sich das Oligopol der Mediaprint ergab, aber das führt vielleicht zu weit und ist schon so lange her (allerdings prägt es noch immer das Land, aber dem war schon immer wurscht, wer oder was es gerade prägt).

Falk jedenfalls hatte zuerst versucht, seine Tageszeitung richtig nett zu machen, anders als die haifischzähnige Krone, die mit ihrem Populismus und ihrer Machtgier zwar auch familienmäßig tat, aber eine ressentimentsatte Blutspur durchs Land zog. Aus ihrer Haifischzahnsaat wuchsen die Haiders, Straches, Grassers, Faymänner, Kickls und Kurze, und wer sonst noch Segen über uns brachte.

Aber das nette Täglich alles verfing nicht, so suchte auch Falk seinen Haizahneinsetzer. Bartels eben. Bartels bekam in der Falk’schen „Arche Noah“, wie man das Haus nannte, eine eigene Wohnung eingerichtet. Der Sportredakteur, der eines Tages die Tür aufmachte und sich an seinen Schreibtisch setzen wollte, fand ein Loch vor – Bartels’ Nasszelle war im Entstehen. So kommunizierte man früher.

Bartels führte uns Cohiba rauchend auf Zehenspitzen heimlich in sein Reich, wo nackte Damen gläserne Tische trugen und leopardenfellbezogene Sessel auf Raubtierklauen standen. 1996 war das. Sein Einsatz nützte am Ende nix. Selbst Schlagzeilen wie „Klestil, wann gibst du die Löffler ab?“ retten Täglich alles nicht. Es ging ein, erst in Print und dann Online.

Die Ganze Woche aber, zahnlos, brav und bieder, behagt dem Land bis heute.

Falk starb, sein Sohn übernahm und traf jetzt seine Verzichtsentscheidung. Das ist schön von ihm, und es ist auch richtig, denn ein erfolgreicher Unternehmer, der nachhaltig Gewinne macht, braucht Förderungen nur aus einem einzigen Grund: Weil seine Konkurrenten ebenfalls Förderungen bekommen, ob sie sie brauchen oder nicht. Es handelt sich bei den Subventionen um eine Art Markt, aus dem sich Falk nun zurückzieht.

Sein Medium bekam bisher etwa so viel wie der Falter, 86.492 Euro im Jahr, und hätte heuer mit der Coronakrisenhilfe der türkisgrünen Regierung wohl über 200.000 Euro bekommen.

Leider irrt Noah Falk, der moralisch völlig richtig liegt, bei der Begründung. „Ich halte nichts davon, Unternehmen welcher Art auch immer gießkannenartig und unabhängig von tatsächlichen wirtschaftlichen Bedürfnissen und über Jahrzehnte der Erfolglosigkeit hinaus zu fördern“, sagte er dem Standard. „Moralisch fühlt sich das besser an.“

Falk erklärt dieses Gefühl so: „Wir brauchen uns aus diesem Grund eben nicht gefallen zu lassen, dass unsere Qualität in Bezug auf Förderungen von irgendwelchen angeblichen Fachleuten hinterfragt wird und anderen, unter Anschluss der Öffentlichkeit erscheinenden Medien doch vielleicht moralisch mehr Förderungen zustünde – und ähnliches Geschwodere.“ Nun, genau damit liegt er falsch.

Bezieht er sich auf meinen Vorschlag zur Medienförderung? Man weiß es nicht. Jedenfalls sollte Medienförderung Marktkorrektur sein und nur Medien zukommen, die nachhaltig keine Gewinne machen. Wer sie bekommt, darüber sollten Fachleute transparent und öffentlich befinden.

Ich behaupte ja nicht, dass Medienförderung prinzipiell Korruption bedeutet, wie der Salzburger Medienwissenschaftler Clemens Paul Murschetz in einem Diskussionsbetrag auf addendum meint, der mich in diesem Sinn zitiert. Ich meine, Medienförderung ist notwendig. Gerade diskursorientierte, redaktionell organisierte Medien müssen gefördert werden, wenn sie nicht selbst nachhaltig Gewinne machen, um auf dem Medienmarkt konkurrenzfähig zu sein.

Ich meine allerdings, dass die Praxis der Medienförderung in Österreich korrupt ist. Im übrigen scheint Murschetz so ziemlich das gleiche zu fordern, das auch ich schon seit Jahren  fordere  und fordere: Geld für Medien, die demokratiepolitisch wichtig sind (das schließt natürlich kulturell wichtige Medien mit ein). Transparente, öffentlich nachvollziehbare Entscheidung darüber. Mit einem Wort: Medienpolitik statt Medienkorruption. Noah Falk hat dazu immerhin einen ersten Schritt getan.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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