Moderieren, Zuhören, Feststellen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 57


ARMIN THURNHER

12.05.2020

„Eine faktische Feststellung“. So lapidar antwortete mir Armin Wolf auf Twitter auf meine Frage, was eine Bemerkung von ihm sei, Lob oder Tadel. Wolf, stellvertretender Chefredakteur der ORF-TV-Information und  Moderator der ZiB 2, hatte zu einer Sendung getwittert: „Ich glaube, das war die längste Antwort, die es je in einem ZiB 2-Interview gegeben hat“ (es ging um die   Republik-ZiB mit Franz Vranitzky und Wolfgang Schüssel, moderiert von Lou Lorenz-Dittlbacher).

Zugegeben, meine Nachfrage war von zarter Hinterfotzigkeit, denn ich fügte hinzu: „Soll heißen: Wird in der ZiB2 zu kurz geantwortet oder zu oft gefragt?“ Wolf wird bekanntlich von seinen Gegnern und Kritikern gern vorgeworfen, seine Gäste zu unterbrechen. Er wiederum stellt das immer wieder in Abrede. Fakt ist, er unterbricht sie, denn würde er das nicht tun, könnte er seine Rolle als Moderator nicht spielen und fiele in jene des Zuhörers zurück.

In dieser Rolle befinden uns wir. Wir, die Zuhörer. Der Zuhörer will Moderator sein, man sollte einmal zu hören bekommen, was die Hunderttausenden Co-Moderatoren zuhause von sich geben, aber nix da, sie sind zum Zusehen verurteilt und hindern höchstens ihre mitzuschauenden Partner daran, zu hören, was da im TV gesagt wird. „Biete den beiden Herren doch etwas zum Trinken an, die reden so viel“, sagte dazu einmal eine freundliche Oma.

Den Moderator erkennt man daran, dass er unterbrechen kann. Seine Rolle definiert sich geradezu durch das Unterbrechenkönnen, während der zeitgemäße Gast seine Rolle auch nicht als die eines Gesprächspartners interpretiert, sondern als die eines Dauerredners, der seinerseits den Moderator zum Zuhörer machen will.

Und der Zuhörer? Der Moderator will sich ihm als Moderator präsentieren, der Gast will ihm was aufschwatzen, vor allem, wenn es sich um Politiker handelt. Mittlerweile hat dieses Muster auch auf andere Gäste, sogenannte Experten, übergegriffen, sodass man Gespräche im Fernsehen nur mehr selten hört; im besten Fall sind es gut simulierte „Gespräche“, in denen Gast und Moderator einander in ihren Rollen nicht gefährden und somit etwas vom Sachverhalt aufblitzen lassen, um den es geht. So war das zum Beispiel beim „Gespräch“  zwischen Armin Wolf und dem Virologen Christian Drosten.

Was hat es nun mit der „faktischen Feststellung“ auf sich? Kurz gesagt, bedeutete die Bemerkung Wolfs soviel wie „kusch“. Andererseits ist sie eine pleonastische Stilfigur, etwa wie „tote Leiche“ oder „feuchter Regen“. Journalismus, der sich auf bloße Fakten zurückzieht, macht sich entweder lächerlich, wie der unvergessene Focus-Herausgeber Helmut Markwort, dessen im TV vorgetragener Werbespruch „Fakten, Fakten, Fakten – und immer an die Leser denken!“ jahrelang für Heiterkeit bei der Kollegenschaft sorgte.

Immanuel Kant

Armin Wolf

Oder er ist getragen von philosophischem Hochmut. „Faktizität bezeichnet die Tatsächlichkeit von etwas in seinem (nicht-notwendigen) bloßen Gegebensein“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie) und verweist damit auf die Tradition von Heidegger und Sartre, wo Faktizität die Grundbestimmung unserer Existenz bedeutet, über die uns keine Transzendentalität hinweghilft. Hineingeworfen in die Tatsachen sind wir. Basta.

Doch gibt es ganz andere Denktraditionen der Tatsachen. Ich sage nur Empirismus gegen Kritizismus! Was Fakt ist, muss erst festgestellt werden, deswegen ist die Rede von der „faktischen Feststellung“ ein Arbeitsauftrag und keine vollendete Tatsache. Was wollte mir Armin Wolf also sagen? Vielleicht: Wenn uns die Corona-Krise etwa lehrt, dann dass die Erkenntnis der Wissenschaft prozesshaft fortschreitet, die Epidemiologie etwa den Entwicklungen der Natur folgt. Was gestern Fakt war, gilt heute nicht mehr.

Nach Kant (Kritik der Urteilskraft II, § 91) sind Tatsachen „Gegenstände für Begriffe, deren objective Realität (es sei durch reine Vernunft oder durch Erfahrung und, im ersteren Falle, aus theoretischen oder praktischen Datis derselben, in allen Fällen aber vermittelst einer ihnen correspondierenden Anschauung) bewiesen werden kann“.

Hegels berühmter Satz „desto schlimmer für die Tatsachen“ war in seiner Entstehung Rechthaberei, verweist aber auch darauf, dass sich Fakten immer nur höchst vorläufig feststellen lassen. Oder, wie es der Philosoph Ernst Bloch formuliert: „…weil in Geschichte wie Natur die Fakten als verdinglichte Prozessmomente nicht aus dem Prozess herausfallen in dem die Erscheinungen zu ihrem historisch und naturhaft noch in einem Spannungsverhältnis stehen. Dieses Spannungsverhältnis folgt aus der Unfertigkeit des Wesens…“

Der Marxist Bloch denkt anti-positivistisch, und Wolf wird mir nun gewiss mit Karl Popper antworten. Twitter aber wird uns einen neuen Positivismusstreit ersparen. Das wiederum sind keine faktischen Feststellungen, nur Vermutungen.

 

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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