Beifall von der falschen Seite

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 54


ARMIN THURNHER

09.05.2020

Keine Angst, heute wird es nicht poetisch. Obwohl ich poetisch einsteige. Als 16- oder 17jähriger stand ich in Bregenz vor dem Schaufenster der Buchhandlung Lingenhöle und dem der Buchhandlung Teutsch; beide waren voneinander nur durch die Hauptstraße am städtischen Knotenpunkt, dem Leutbühl getrennt.

In diesen Schaufenstern lagen neben den dominierenden Werken aus Ökonomie und Heimatkunde schüchtern kleine Bändchen mit einfarbigem Papierumschlag. Es war die Bändchen der edition suhrkamp, die allein durch ihr Erscheinungsbild Neues und Aufregendes verhießen.

Man hatte sein Taschengeld durch Nachhilfestunden soweit aufgebessert, dass man hier zulangen konnte. Die Titel allein verlockten: Landessprache, Blindenschrift… Ich kaufte also die ersten Gedichtbände des Hans Magnus Enzensberger, der sich später als geistreicher Prosaist und Herausgeber hervortat, aber sein Leben lang Poesie schrieb.

In einem dieser Bändchen mit dem reizenden Titel „Die Verteidigung der Wölfe“ (die ursprüngliche Kleinschreibung wurde in späteren Auflagen normalisiert) fand ich Sätze, die ich mir merkte: „Die Weißen nennen mich schwarz. Das höre ich gern. Es könnte bedeuten: Ich bin auf dem richtigen Weg.“ Aber das war nicht alles. das ganze Gedicht geht so:

Ich höre aufmerksam meinen Feinden zu.
Wer sind meine Feinde?
Die Schwarzen nennen mich weiß,
die Weißen nennen mich schwarz.
Das höre ich gern. Es könnte bedeuten:
Ich bin auf dem richtigen Weg.
(Gibt es einen richtigen Weg?)

„Zweifel“ heißt das Gedicht, es war politisch wie poetisch, und ich habe es stets als Trost genommen, wenn ich Beifall von der falschen Seite erhielt. Die Kronen Zeitung lobte mich ein einziges Mal, als ich in der Waldheimzeit einer Kollegin widersprach, die im Profil behauptet hatte, Juden würden auf Wiens Straßen wieder physisch drangsaliert. Meine Nachfragen bei Polizei und der Kultusgemeinde hatten solche Vorfälle nicht bestätigt, und so warf ich der Kollegin „Alarmismus“ vor.

Mein vor dreizehn Jahren verstorbener Freund Leon Zelman, der Gründer des Jewish Welcome Service, vor nahm mich dann beiseite und erklärte mir, dass es sehr wohl solche Vorfälle gab, dass aber die frommen Ostjuden, die in ihrer traditionellen Kleidung und Haartracht Opfer solcher Übergriffe wurde, es vorzogen, nicht zur Polizei zu gehen, um die Sache nicht noch weiter eskalieren zu lassen und Nachahmer anzuregen. Zweifel und Beifall, lernte ich so, hängen immer zusammen. Je mehr Beifall man erhält, desto mehr sollte man an sich zweifeln: an sich und an denen, die ihn spenden.

Der Kurier berichtet über Donald Trumps Gratulation zu 75 Jahre Republik und sein Lob des Bundeskanzlers

Beifall von der falschen Seite erhält derzeit auch der Bundeskanzler. Bis zu einem gewissen Grad ist Politik die Kunst, den richtigen Leuten im richtigen Augenblick den richtigen Beifall zu spenden. Eine gewisse Virtuosität im öffentlichen Lügen gehört zum Geschäft. Als Kurz’ Vorvorvorvorgänger Wolfgang Schüssel dem „Freund“ Silvio Berlusconi zu einem Wahlsieg gratulierte, war dennoch eine Grenze überschritten.

Der Stolz, mit dem Sebastian Kurz erklärt, er habe sich mit seinen Corona-Maßnahmen an den Rat Benjamin Netanjahus gehalten, ist mindestens grenzwertig; denn die notwendige Solidarität mit Israel darf einem nicht die Augen dafür verschließen, dass Netanjahu dort gerade den Rechtsstaat abschaffen möchte. 2019 gratulierte Kurz, damals mit Partner Strache regierend, als erster dem Israeli zum Wahlsieg. Das fiel international auf. „Trump und Kurz gratulieren Netanjahu“, berichtete der Berliner Tagesspiegel. Noch heikler wird die Sache, wenn ein Mann wie Trump zum 75. Geburtstag der Republik gratuliert und hinzufügt, er kenne Kurz, der mache „einen fantastischen Job“. Nicht, weil Trumps Corona-Maßnahmen das genaue Gegenteil der von Kurz getroffenen darstellen. In der Israelpolitik ist man sich offenbar einig. Sondern weil Trump einerseits der Führer der noch immer mächtigsten Wirtschafts- und Militärmacht der Erde ist. Mit so einem scherzt man nicht.

Andererseits aber ist Trump einer, der Menschen aufhetzt, mit der Waffe in der Hand gegen die Anordnungen demokratisch gewählter Repräsentanten zu demonstrieren. Der in seinen Wahlreden zu physischer Gewalt aufstachelt. Der schamlosen Nepotismus betreibt, lügt, was das Zeug hält, desinformiert (demnächst erscheinen alle seine 16.000 Falschheiten als Buch) und gewiss zu den schlimmsten Gestalten zählt, die je ins Weiße Haus gewählt wurden.

Dass Kurz sein Kompliment nicht zurückweisen kann, versteht sich. Aber er wird nicht so naiv sein, nicht zu merken, dass Trump ihn mit solch billigen Schmeicheleien nur als Speerspitze benützen will, um die EU zu schwächen (ostentativ erwähnt er die glänzenden Handelsbeziehungen Österreich mit den USA; Österreich führte der Wirtschaftskammer zufolge 2019 nach Europa 79,6 Prozent aus, in die USA 7,6 Prozent). Zumindest sollte Kurz sich hüten, mit derart vergiftetem Beifall auch noch propagandistisch zu prahlen. Wer solche Freunde hat…

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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