Fürst Kurz und das Viren-Beraterwesen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 53


ARMIN THURNHER

08.05.2020

Danke, dass Sie meine Ausflüge in die Poesie so gutmütig aufnehmen und mich dafür nicht mit Hohn überschütten. Ich bin diesbezüglich furchtsam, als Angehöriger der genetisch zynischen Zunft Journalismus mit täglich frischem empirischem Material versorgt.

Eine andere Beziehung zu Sprache und Dichtung täte dem Land not. Ich kann es nicht anders begründen, als dass ich gern nicht radebrechende, stammelnde, Auswendiggelerntes wiederholende, von Kommerzberatern lustvoll abgerichtete Menschen in der Öffentlichkeit hören möchte, sondern solche, die frei zu formulieren, also öffentlich frei zu denken wagen.

Poesie ist Weltanschauung und der Versuch, dieser Anschauung sprachliche Gestalt zu geben, wobei man bemerkt, die Gestaltung wird zu etwas eigenem, wiederum Realität Formendem, sodass die Hoffnung auf eine bessere Welt durch Dichtung zwar falsch, jene auf eine andere aber nie von der Hand zu weisen ist. Was für Poesie spricht: sie ist sich dieses Vorgangs bewusst, weil sie selbst dieser Vorgang ist.

Ich höre schon auf, denn ich will noch einmal von den Beratern reden. Kürzlich bemerkte ich, es sei wunderbar, in Seuchenzeiten  dem Schwall wässriger Instantmeinungen sogenannter „Politikberater“ für kurze Zeit entronnen zu sein. Andererseits gibt es Menschen, die wirklich Rat geben, manche sogar gratis. Zum Beispiel der lustige Rudi Fußi, dessen TV-Show auf Puls 24 ich schmerzlich vermisse (nach nur zwei Folgen wurde sie zum Seuchenopfer). Fußi bot der SPÖ gratis und franko auf Twitter ein Konzept an, das man durchaus diskutieren kann. Wobei man sicher sein kann, die letzten, die das tun, sind die Führungskader der SPÖ. Die haben schon wieder eine neue Selbstbeschäftigung gefunden.

Nun mag man fragen, ob es sinnvoll ist, Beratungskonzepte in der Öffentlichkeit anzubieten. Der Bundeskanzler bezieht seinen Erfolg zum Teil ja daraus, dass er seine Berater versteckt und damit einer Art Kabinettspolitik zu neuem Leben verhilft, gegen die sich einst eine politische Bewegung namens Bürgertum richtete, deren stolzer Exponent der Herr Kanzler zu sein vorgibt. In Wahrheit trägt er eine virtuelle Perücke, ein Feudalfürst neuen Zuschnitts, virtuell gegroomt und gestützt auf digital, algorithmisch, desinformativ und phrasendrechselnd gewiefte Vasallen. Sie legen fest, wie Fürst Kurz öffentlich wahrgenommen wird. Er repräsentiert vor der Öffentlichkeit, wie man früher sagte. Verglichen mit den Anweisungen, wie er aufzunehmen sei, wie formalisiert er spricht und wie er sich in seinen Maturantenanzüglein präsentiert, sind die Levers und Couchers des Sonnenkönigs und das spanische Hofzeremoniell ein Abklatsch.

Ludwig XIV empfängt einen Gesandten. Ölbild von Charles Lebrun , 1678

Wenn dann einmal etwas über die Vasallen offenkundig wird und man sieht, wie schwach sie wirklich sind, etwa am Beispiel der Frau Mei, wird einem auch nicht wohler. Und man denkt an die Riege politischer Dilettanten, mit der er sich Fürst Kurz umkränzt, damit er umso heller glänzt; in der Krise müssen wir alle das büßen, vor allem jene, denen nun mit großem bürokratischem Bahö nicht geholfen wird.

Es ist gegen dieses Geheimregime, dies Arkanpolitik, wie man früher sagte, also bereits ein Akt der Revolte, Beratungskonzepte offen zur Diskussion zu stellen, wie das Fußi tat. Und wie das Robert Misik tut. Dieser Publizist hielt es nicht mehr aus, dass der sogenannte „Wiederaufbau“ (Vasallenphrase) von Leuten beraten wird, deren ökonomische Kompetenz sich etwas einseitig auf die Seite der Wirtschaft, also der großen Unternehmen neigt, um es dezent zu sagen. Misik stellt ein Gegenkonzept ins Netz, das diskutabel ist und von Experten diskutiert werden sollte. Dass Markus Marterbauer, Chefökonom der Arbeiterkammer mit seinen Leuten auf dem AK-Blog ebenfalls interessante Konzepte anbietet, oder auch Kurt Bayer in seinem Blog, versteht sich ebenso wie dass keiner von ihnen und auch nicht Stephan Schulmeister zu den Experten der Regierung zählt. Soviel Sozialpartnerschaft soll nun auch wieder nicht sein. Wir werden versuchen, dafür zu sorgen, dass diese Debatte öffentlich geführt wird. Behalten Sie den Falter und seinen Podcast im Auge.

Ich telefonierte übrigens gestern mit einem befreundeten Unternehmer, politisch keineswegs ein Gesinnungsfreund. Er schicke niemanden auf Kurzabeit, sagte er, es sei bei ihm nicht notwendig. Er käme sich schäbig vor, das ohne Not zu tun. Einbrüche an einer Stelle konnte er durch gestiegene Einnahmen an anderer Stelle wettmachen. Die Sorge, dass manche Unternehmen Kurzarbeit verordnen, um Förderungen zu kassieren, also von der Krise auf illegitime Wiese zu profitieren, teilte er mit mir. So etwas gehört verfolgt und bestraft. Es geht dabei nicht um Gesinnungspolizei, sondern darum, mieses Krisengewinnlertum zu bekämpfen.

Zu Schluss ein konstruktiver Vorschlag. Sollten wir nicht ein Zeichen einsetzen, mit dem wir Regierungsphrasen grafisch kenntlich machen? Zum Beispiel ein Phi – Φ – für Phrase. Auch im Fernsehen finden sich gewiss Lösungen, etwa ein häßlicher Piepton wie bei Obszönitäten in amerikanischen Serien. Regierungssprech läse sich dann zum Beispiel so: Die Φneue NormalitätΦ zeigt sich bei unserem ΦWiederaufbauΦ, wo wir Φdas Beste aus beiden WeltenΦ vereinen und als ΦTeam ÖsterreichΦ gemeinsam Φbesser durch die Krise kommen als andereΦ.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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