Das Virus und seine Ratgeber

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 51


ARMIN THURNHER

06.05.2020

Gerade schrieb ich auf Twitter den Satz hin: „Angenehmer Nebeneffekt von Covid19: ,Politikberater‘ kamen in den Medien selten zu Wort. Schreckensvorstellung: es gäbe Seuchenberater!“ Mit Politikberatern in Anführungszeichen meine ich nicht solche, die Politiker beraten, wie die unsägliche, unselige Antonella Mei-Pochtler, die gerade mit einem Interview in der Financial Times ins Gespräch kam.

Ich meinte jene Leute, die einen Beruf daraus machen, ihre Meinung in den Medien anzubieten, vor allem im Fernsehen, das ja immer darauf aus ist, seine Sendezeit möglichst kostengünstig mit möglichst kompetent Klingendem und doch komplett Harmlosem zu füllen. So gelangten Virtuosen des Nullsatzes ans Wort, die Phrase an Phrase reihten, am liebsten in der Disziplin der Instanz-Wertung dem Publikum das Denken abnehmend, sodass man nach einer Fernsehdiskussion, bei der man sich nichts gemerkt hat, danach auch keine Gedanken vorgedacht bekommt, damit man auch diese sofort wieder vergesse.

Arnie: Auch er ist Seuchenberater / @Foto: Gage Skidmore

Der Idealzustand des Fernsehens (nicht nur des Privatfernsehens, leider): man sitzt vor der Kiste und schaut zu, unkonzentriert und uninformiert, aber doch genügend konzentriert und informiert, um nicht aufzustehen und wegzugehen, denn dann würde man die Werbung verpassen. Im Limbo des Schwachsinns.

Ich lasse mich hinreißen, Sie verstehen schon, meine Pauschaulinjurien treffen keine mir und Ihnen persönlich bekannten Politikberater und, ja, Gott sei’s geklagt, es gibt auch Politikberaterinnen. Alle, die wir kennen, sind keinewegs mitgemeint, sonst werde ich im Fernsehen in Zukunft noch weniger eingeladen oder zitiert. Man muss da aufpassen.

Warum sagt ich Ihnen das in der Seuchenkolumne? Weil mein Eingangs zitierter Twitterseufzer behauptet hatte, es gebe keine Seuchenberater. Ist natürlich gar nicht wahr, wir haben im Gegenteil den Seuchenexperten, der fieberhaft die Kurven kratzt und sich mathematisch, epidemiologisch und virologisch fit macht, damit seine deviante Meinung auch richtig fetzt. Aber von solchen will ich nicht reden.

Die Seuche präsentierte uns das Problem der öffentlich begründeten politischen Entscheidung. Politik muss am Ende entscheiden. Aber was tut sie, wenn die Virologen und Epidemiologen sich in ihren Ansichten unterscheiden oder mit verschiedenen Stimmen zu sprechen scheinen? Das macht die Aufgabe der Politik noch schwieriger. Oder auch leichter. Es ist einerseits tatsächlich spannend, den Gedanken beim öffentlichen Entstehen zuzusehen. Andererseits kommt das Gefühl auf, Politik könne sich herauspicken, was ihr gerade so in den Kram passt.

„Die Konzentration auf individuelle Meinungen hat es Politikern ermöglicht, jede Position zu wählen und zu sagen, dass sie ,der Wissenschaft folgen‘“, schreibt dazu der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt in der Zeitschrift Science. Das weiß ich, weil es mir der Virologe meines Vertrauens mitgeteilt hat.

Einige wissenschaftliche Institutionen haben auf die Lage reagiert. Waren die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren und die Leibniz Gemeinschaft jüngst noch durch sehr unterschiedliche Stellungnahmen aufgefallen (von den Differenzen zwischen Christian Drosten und Alexander Kekulé zu schweigen), haben sich nun vier renommierte Wissenschaftsgesellschaften zusammengeschlossen und eine gemeinsame Stellungnahme in zwei Teilen abgegeben.

„Diese Konsenserklärung macht dies (das Cherrypicking der Politik) viel schwieriger. Kluger Schachzug!“, kommentiert Kupferschmidt, und mein Virologe pflichtet ihm bei. „Wäre so eine Einschränkung für unsere Regierung nicht längst überfällig?”, fragt er. Weil es nämlich, wie in einem von ihm empfohlenen Text des unterstützenswerten Schweizer Mediums Republik so richtig heißt, keine „Wissenschaft“ gibt, sondern nur Experten. Diese allerdings kann man verpflichten, zumindest ihren Mindestkonsens so festzuhalten, dass politische Entscheidungsgrundlagen sichtbar werden. Republik hat übrigens auch ein feines Stück über „das kleine Einmaleins“ der Coronazahlen, wie das mein Virologe ausdrückt.

Meine eigene Zusatzforderung kennen Sie: die Grundlagen kommunikativen Handelns der Regierung müssen ebenso sichtbar gemacht werden die Grundlagen der epidemiologischen Wissenschaft. Demagogie ist auch eine Art Epidemiologie. Wer schnitzt welchen Slogan mit welchem Hintergedanken? Verwandle deine Hintergedanken in öffentliches Vordenken, oh Kanzler! Das würde uns, dem Publikum und infizierten Objekt deiner Ratschlüsse und Strategien, zumindest das Mitdenken erleichtern.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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