Ibizaland. Ein Haus für Strache!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 50


ARMIN THURNHER

05.05.2020

„Ich glaube, Heinz-Christian Strache sollte in der Öffentlichkeit sehr, sehr leise treten und sich aus Anstandsgründen von jedem politischen Amt fernhalten. Da ich einsehe, dass der Mann einen aufwendigen Lebensstandard unterhalten muss, den er mit seinem erlernten Beruf als Zahntechniker nicht finanzieren kann, habe ich mir etwas für ihn überlegt.“ Ja, das kennen Sie: es ist der Cliffhanger aus meiner gestrigen Seuchenkolumne.

Sich selbst zur Kenntlichkeit dargestellt: Strache auf dem Ibiza-Video (mit J. Gudenus) @Spiegel, Süddeutsche

Ich beobachte Strache unter anderem deswegen, weil er zur gleichen Zeit wie ich auf Twitter eingestiegen ist, im Oktober 2019, und seine Zahl an Followern die meine am vergangenen Wochenende erstmals übertraf (4544: 4525, Stand heute Vormittag). Ich bedauere das und stellte mit Interesse fest, wie es geschah. In kritischer Absicht wurde Strache von einem Fürsten dieses Kurznachrichtendienstes retweetet, schon hatte er mich überholt. Man spricht auf Twitter eben nicht bloß so vor sich hin, man ruft in den Wald hinein, um sich selbst zu hören. Strache kann Echo besser als ich, weil er mehr Echo verspricht als das verstaubt-muffige Büro.

Dass unsere desinformative Welt den Wert der Lautstärke des Echos über den Inhalt des Geechoten stellt, versteht sich von selbst. Ich selbst habe mit Einwürfen wie mit diesem, man möge den Herrn weniger beachten, zu diesem Problem beigetragen. Das ist das Gefangenen-Dilemma des Publizisten: wovon man nicht sprechen möchte, davon sollte man schweigen. Andererseits: wie macht man andere darauf aufmerksam, dass sie besser schweigen sollten? Schon ist sie im Gange, die Echospirale, deren Schall am Ende jedes Argument übertönt und deren Ergebnis darin besteht, dass es den politischen Strache gibt, weil es Strache eben gibt.

Strache und andere Rechte fallen in der Seuchenzeit als forcierte, wenig faktengestützte Knall-Fall-Libertäre auf, in den USA gern mit der Waffe in der Hand, und dadurch, dass sie jeden Lockdown als bloße Freiheitsbeschränkung interpretieren und den schwedischen Weg ohne nähere Kenntnis der Umstände hochloben.

„Das Missverständnis des schwedischen Sonderweges liegt daran, dass die Regierung in Stockholm die Menschen als Bürgerinnen und Bürger (Citoyen) sieht und deren Mündigkeit respektiert. In Wien hingegen glaubt man anscheinend es mit unmündigen Untertanen zu tun zu haben…“ schreibt Strache auf Twitter, ohne zu wissen, dass die schwedische Mündigkeit auf jahrzehntelangem Sozialdemokratismus beruht, der sich zum Beispiel in einem anderen Grippe-Impfverhalten manifestiert als in dem der Österreicher: mehr als ein Viertel der Schweden, deutlich unter zehn Prozent der Österreicher in der Risikogruppe sind grippegeimpft. Oder: „Ich kann das Gerede, dass sich die Österreicher während der Corona Krise bei den Migranten bedanken sollen nicht mehr hören. Die Österreicher zahlen nämlich auch fleißig für die Mindestsicherung die zu 50% von Migranten bezogen wird.“ Kommentar überflüssig.

Dass Strache zwischendurch den Falter für dessen Regierungskritik lobt, vermag mich nicht einzulullen. Die ist nicht nur jetzt, die war immer schon unsere journalistische Pflicht. Nein, Herr Strache hat nach seinem Videoauftritt auf Ibiza in der politischen Arena nichts mehr verloren. Seine schiere Existenz dort ist eine Zumutung. Ich habe deshalb einen Vorschlag zum Guten zur Lösung dieses unappetitlichen Problems.

Die Idee: Heinz-Christian Strache soll nach dem Bekanntwerden des Ibiza-Videos und seiner dort getätigten Aussagen nie mehr in einem politischen Zusammenhang auftauchen. Da ihn außer der Politik offenbar die Gastronomie am meisten interessiert, vom Rauchverbot bis zum Wirken des Martin Ho, soll die Lösung aus diesem Bereich kommen.
Der Vorschlag: Die Stadt Wien schenkt ihm ein Lokal im Prater oder auf der Donauinsel. Dort kann er Kohle machen bis zum Abwinken. Registrierkassen- und Belegpflicht sind für ihn bedingt abgeschafft, Steuern auf Minimalpauschalen reduziert.
Bedingung: Strache verpflichtet sich vertraglich, der Politik für immer fernzubleiben und sich jeder politischen Äußerung zu enthalten. Solle er diese Auflage verletzen, werden seine Steuerschulden fällig gestellt, er selbst wird auf die Atlantikinsel St. Helena abgeschoben.
Name des Lokals: Ibizaland.
Attraktionen: Wodkabar, Rauchgenehmigung in der ganzen Hütte, Oligarchinnenzimmer (Konversationen von Gästen werden dort unsichtbar mitgefilmt. Teilnahme von Hazeh an der Aufnahme kostet extra. Gäste dürfen Videofiles des Abends mitnehmen), Zensurstüberl, Schießkeller mit Zielscheiben von Kurz, Kickl, Hofer, Wolf, Nepp und anderen.
Hundebetreuung: durch Tierschutzbeauftragte.
Kinderbetreuung: Streichelzoo, Red-Bull-Dosenwerfen.

Wien und Österreich haben es selbst in der Hand!

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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