Heute Seuchenpause

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 46


ARMIN THURNHER

01.05.2020

Heute machen wir einmal Seuchenpause. Nicht möglich, sagen Sie. Stimmt. Ich suche für mich nur eine würdige Art und Weise, mich davon abzuhalten, einen Text über den Zustand der Sozialdemokratie zu schreiben. Das werde ich mir, Stand heute, für den kommenden Falter nicht ersparen. Aber heute spiele ich mir (und vielleicht auch Ihnen) einen Feiertag vor. Die Seuchenkolumne gönnte sich bisher keine solchen, wie Ihnen sicher aufgefallen ist.

Vielleicht tue ich mir das an, um mir selbst ein wenig vom Druck der Ausnahmesituation aufzuerlegen. Um ein bisschen von dem zu simulieren, was im echten Leben ärztliches und pflegendes Personal leistet, und was alle leisten, die dazu beitragen, das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten, bis hin zu den Moderatorinnen des ORF, die sich in systemerhaltende Quarantäne begeben müssen. Und auch alle, die den Falter am Laufen halten, vom Geschäftsführer über die Buchhaltung, von der IT bis zu den Druckern im fernen Passau. Vielleicht spiele ich mir nur vor, ich sei systemerhaltend. Das System weiß es besser.

Gestern war ich im Städtchen Retz einkaufen und bewunderte die gemessene Geläufigkeit, mit der sich die Landbevölkerung in die vorgeschriebenen Verhaltensregeln fügt. Während mir Bekannte aus Wien berichten, das Leben auf Einkaufsstraßen gestalte sich dort, als gäbe es keine Seuchenmaßnahmen. Ich gebe zu, Wien habe ich schon seit fast 50 Tagen nicht mehr gesehen, also weiß ich nicht, ob das wahr ist. Hier halten sich alle an die Distanzregeln und tragen Masken, als wäre es nie anders gewesen.

Auch im Dorf setzt sich keiner achselzuckend über irgendwelche Regeln hinweg. Man hält ganz selbstverständlich Distanz. Leicht genug: es gibt weniger Leute. Ist es vernünftige Einsicht? Gegenseitiges Überwachen? Geübtes Sich-Fügen? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Das Aufstellen des Maibaums entfiel kommentarlos.

Hier im Waldviertel genieße ich sonst das Privileg der nachholenden, doppelten Blüte; das Doppelte ist heuer gestrichen, Blüte gibt es für mich nur einfach. Das macht sie nicht schlechter. Wenn in Wien der Flieder verblüht, blüht er hier gerade auf; die rosa Japankirschen am Kai sind erloschen, hier leuchtet Crataegus Laevigata, der rotblühende zweigriffelige Weißdorn im langersehnten leichten Landregen geradezu brutal, während die Vogelkirschen weiß strotzen und die echten, weißen Kirschblüten schon zu Boden regnen. Hellrosa blüht die „böhmische Jungfrau“, ein Apfelbäumchen, und zwar voll, während der schneeweiße Klarapfel erst zwei, drei Probeblüten hervorschiebt. Weiter hinten wartet der prächtige alte Weißdorn mit dem Blühen wie ein Pokerspieler und zeigt zuerst seine grünen Blätter. Die Robinie tut, als wäre sie vertrocknet und sieht noch ganz winterlich aus. Wer zuletzt blüht…

Die Trockenheit spürte man unter den Füßen, sie ist ein Vorschein dessen, was die Klimakrise bereithält. Die industrialisierte Landwirtschaft wird die trocknenden Böden schwer bewässern können. Sogenanntes Umdenken geht immer zu langsam. Bäume, bislang im Dorf als Verursacher von Müll eher ungern gesehen, werden nun, weil’s empfohlen wird, wieder gepflanzt. Aber der Grundwasserspiegel sinkt kontinuierlich. Das Waldviertel hat von Haus aus ein trockenes, niederschlagsarmes Klima. Gebürtige Waldviertler glauben das übrigens am wenigsten.

Smaragdeidechse

Bei einem Spaziergang in den Wäldern um Retz sah ich gestern drei prachtvolle Smaragdeidechsen; einige weitere raschelten unsichtbar im Unterholz davon. Am Rand des Wegs türmen sich gefällte Bäume, überall rundum erstrecken sich Brachen, wo früher Wald stand. Kann man nirgends gehen, ohne Probleme zu sehen? Doch. Man betrachte das Wunder des Aufblühens, des Neu-Erglänzens der Erde, wie Hölderlin das nannte. Die Welt ist schön, solange man in ihr ist.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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