Ein Schiff wird kommen! Das Risiko bei Alten

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 44


ARMIN THURNHER

29.04.2020

In Triest lagern sie infizierte Senioren aus Heimen auf ein Fährschiff aus, das in ein Lazarett umfunktioniert wurde. Senioren gehören zur Risikogruppe, in jeder Hinsicht. Abgesehen davon, dass der Begriff Risikogesellschaft die Gesellschaft insgesamt zur Risikogruppe macht, darf ich als Senior dazu folgendes sagen: Als die Bezeichnung Senior von zwangseuphemistischen Marketingmenschen erfunden wurde, protestierte ich und beharrte auf Bezeichnungen wie Alter für den Lebensabschnitte und auch Greis für den alten Menschen. 

„Zwangseuphemistischer Marketingmensch“ ist ein Pleonasmus. Die heckten sich auch noch die Golden Ager aus und versuchen verzweifelt, weißhaarige Menschen als attraktive Konsumidole hinzustellen, um die doch große alte Zielgruppe abzumelken. Wenig später kam bei gegen Diskriminierung besonders sensiblen politischen Zielgruppen die Bezeichnung „alte weiße Männer“ auf, mit der sich abendländische Kultur als ganze diskreditieren ließ, ohne dass man viel von ihr wissen musste.

Die Gerontophobie ist das letzte Resort, in dem sich der Gutmensch als Unmensch austoben darf. „Alter weißer Mann“ ist eine Unmenschlichkeit, die den, der sie vorbringt, als besseren Menschen qualifiziert. Das Virus kommt uns da gerade recht. Es bringt das Beste und das Schlechteste im Menschen zum Vorschein.

Dem Falter-Maily entnehme ich, dass man in Österreich, wo es ja an Meer und Fährschiffen mangelt, in Seniorenheimen bereits die Türklinken abmontiert, um alten weißen Männern und Frauen ihr Recht auf Leben zu erhalten, ihnen aber sonst alle Rechte zu nehmen. Die Zukunft ist glänzend!

Glänzendes Symbol für Menschlichkeit in der Neuen Normalität: Türklinke @Foto: Cavernia

Sonja Lauterbach, Sprecherin einer Initiative für EPUs, also Unternehmen, die aus einer Person bestehen, wies darauf hin, dass bei diesen Unternehmen etwa ein Drittel zur Risikogruppe der Alten gehöre. Der Virologe, von ihr befragt, wie deren Risiko bei der aktuellen Normalisierung einzuschätzen sei, musste seriöserweise passen.

Zum Terminus „Risikogruppe“ fällt ihm aber einiges ein: Risikogruppe sei ein uralter Begriff aus der Epidemiologie, dessen Verwendung im Alltag schnell problematisch werde, weil die ihm innewohnende Konnotation Stigmatisierendes wecken könne. Er weiß, wovon er redet, denn er kommt aus der Welt von HIV, wo das Nebeneinander von „risk group“ und „key affected populations“ unverändert um das Primat kämpfe.

Bei Covid-19 sind Risikogruppen beschrieben worden: Menschen höheren Alters, Männer, Menschen mit starkem Übergewicht und bestimmten Vorerkrankungen (kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes, schwere Lungenerkrankungen, Krebserkrankungen …) Am besten könne man das an den Beispielen von Bluthochdruck und Übergewicht verdeutlichen. Hier komme es aufgrund eines Mangels an Präzision zu unterschiedlichen Darstellungen:  

  1. Das Sozial- und Gesundheitsministerium Österreich nennt Bluthochdruck, arterielle Hypertonie mit bestehenden Endorganschäden (insbesondere chronischer Herz- oder Niereninsuffizienz oder nicht kontrollierbarer Blutdruck-Einstellung); Übergewicht; ausgeprägte Adipositas (Adipositas Grad III; BMI > 40) 
  1. Das deutsche Robert-Koch Institut sagt, schwere Verläufe können auch bei Personen ohne bekannte Vorerkrankung auftreten und werden auch bei jüngeren Patienten beobachtet. Erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf zeigen: stark adipöse Menschen; Personen mit bestimmten Vorerkrankungen, etwa des Herz-Kreislauf-Systems (z. B. koronare Herzerkrankung und Bluthochdruck)
  2. Das National Institute of Health (NIH) der USA sagt, Menschen allen Alters können infiziert werden und schwer erkranken. Schwere Erkrankungen sind am Wahrscheinlichsten bei Menschen über 65 und solchen in Altersheimen oder ähnlichem. Außerdem bei Menschen mit nicht gut behandelbaren Vorerkrankungen, vor allem Bluthochdruck und Adipositas (in den USA nennt man, anders als in Österreich, einen BMI von >30)

Der Virologe: „Als ob diese unterschiedlichen Interpretationen nicht genug wären, gibt es bei gängigen Medikamenten gegen Blutdruck Fragen, ob sie schaden oder nützen (oder gar beides), weil das Virus ein Enzym (ACE2) zum Eintritt in die Zellen benützt, das von diesen Medikamenten blockiert wird. Das alles ist keine intellektuelle Spielerei, vielmehr von zentraler Bedeutung: Bluthochdruck ist ein wesentlicher Risikofaktor für Komplikationen im Rahmen von Covid-19. Alle Vorerkrankungen sollten adäquat behandelt sein. Schwächen des Immunsystems prädisponieren nicht per se zu Komplikationen von Covid-19. Beispiel: eine gut behandelte HIV-Infektion ist kein Risiko für eine Komplikation.“

Morgen: was man beim Lockdown-Lockern besser machen könnte oder beachten sollte.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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