Auf Punkt und Beistrich. Die Seuche Schlamperei

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 38


ARMIN THURNHER

23.04.2020

Als ich wieder einmal über Kraus schrieb, dachte ich, es wäre an der Zeit, bekanntzugeben, was der Falter Kraus verdankt. Das hätte in meine Rezension der großen neuen Biografie von Jens Malte Fischer nicht gepasst, auch war es vielleicht zu intim, und was geht die Heutigen das Gestern an? Der Falter existiert für sein heutiges Publikum, seit es ihn liest, und für seine Redaktion, seit sie ihn schreibt. Selber schuld, wer älter ist und von Anfang an dabei war.

Karl Kraus gehört – neben Lyrik – zu jenen Themen, die, wenn man algorithmisch getrieben publiziert, bald nicht mehr existieren. Dagegen spricht: Das Buch selbst, 46,30 Euro teuer und 1100 Seiten umfangreich, geht bereits in die zweite Auflage, in wenigen Monaten wurden, während einer Zeit geschlossener Buchhandlungen, 4000 Stück verkauft.

Politisch Mächtige, die sich unmöglich verhalten, kritisch mit dem Florett zu kitzeln, ist mein Beruf und meine Passion. Das bringt Aufmerksamkeit, Likes und Follower. Sich mit Karl Kraus auseinanderzusetzen oder Lyrik zu schreiben – Beruf das erste, Passion das zweite – nada. Für mich ein Grund, es justament zu tun.

Im Justament erreicht niemand Karl Kraus, welcher der Meinung war, sein Publikum sollte Shakespeare kennenlernen, den er übersetzt hatte, ohne Englisch zu können. In seinen Vorlesungen trug er zahlreiche Dramen des Engländers vor, gegen Ende seines Lebens zunehmend mehr. Las er aus eigenen Schriften, kamen 900 Menschen; bei Shakespeare 150. So kündigte er eigene Schriften an und informierte den vollen Saal darüber, er werde nun Shakespeare lesen, das Publikum habe zehn Minuten Zeit, den Saal zu verlassen und bekomme den Eintrittspreis an der Kassa ersetzt. Natürlich traute sich niemand, zu gehen.

Der Falter hat mit der Fackel mehr als vier Buchstaben gemeinsam. Der Herausgeber der Fackel gehört zu jenen Figuren, die ihren Schatten und ihr Licht auf die Gründung dieses Blattes warfen; immer wieder wurden anfangs Texte von ihm zitiert. „Der Widersprecher“ heißt Jens Malte Fischers Kraus-Biografie. Den Satz „Es lebe der Widerspruch“ entnahmen die Gestalterinnen der Ausstellung „Fotos aus 40 Jahren Falter“ im Wienmuseum einem Editorial des ersten 1977 erschienenen Falter; er wurde zum Titel von Ausstellung und Katalog.

Ich erinnere mich, dass wir – anfangs unsere eigenen Setzer – einen Kraus-Text über Druckfehler abdruckten, in dem der Aphorismus steht: „Wenn in einem Satz ein Druckfehler stehen geblieben ist und er gibt doch einen Sinn, so war der Satz kein Gedanke.“ Die Fackel war, anders als der Falter, vor allem der frühe, fast fehlerfrei. Kraus dachte nächtelang über die Setzung eines Beistrichs nach; andere Publikationen klagte er, wenn sie ihn zitierten und einen dabei Beistrich falsch setzten. Als die Japaner 1933 Shanghai angriffen, brütete Kraus wieder einmal über einem Beistrich. Jens Malte Fischer berichtet, dass ihn der Komponist Ernst Krenek fragte, ob der Beistrich angesichts solcher Probleme und der Nazis in Deutschland wirklich so wichtig sei. Kraus antwortete: „Ich weiß, dass das alles sinnlos ist, wenn das Haus in Brand steht. Aber solange es möglich ist, muss ich es machen, denn hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, dass alle Beistriche am richtigen Platz stehen, so würde Shanghai nicht brennen.“

Zwei Genaue: Karl Kraus, Alfred Brendel (© Peter-Andreas Hassiepen)

In einer großen Besprechung des schönen Buchs des Tenors Ian Bostridge über Franz Schuberts Winterreise verwendet der Pianist und Autor Alfred Brendel viel Raum auf die Frage, wie bei der Begleitung des Liedes „Wasserfluth“ das „gleichzeitige Auftreten von punktierten Achtelnoten samt einer Sechzehntel“ gespielt werden solle, ja müsse. „Bostridge möchte die Sechzehntelnote nach der Triole, also polyrhythmisch gespielt wissen“, schreibt Brendel, „während ich von der Notwendigkeit, diese Note der Triole anzupassen, überzeugt bin“. Zweifellos hat er Recht, denn er bezieht sich auf das Autograph Schuberts sowie auf den Erstdruck und hat weitere viele gute Argumente. Ich fragte ihn einmal, warum er dieser Sache ein gutes Drittel seiner Rezension widmete. „Damit man es künftig richtig spielt und auch weiß warum“, antwortete er. Seine Rezension preist im übrigen Bostridges Buch und endet mit diesem Satz: „Bei aller Todesnähe rechtfertigt die Existenz dieser Lieder unser Leben.“

Es ist die Sorgfalt und das Bemühen, Dinge richtig, und zwar genau richtig zu sagen, zu schreiben und zu tun, die das Leben rechtfertigt. „In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige“, lautet ein berühmter Satz von Kraus. Das am schwersten Erträgliche an unserer Seuche ist, dass wir uns entscheiden müssen, ohne genug zu wissen. Und dass wir bei der Beantwortung des Frage, was denn nun das Richtige ist, nicht nur Geduld brauchen, sondern zwei altmodische Dinge, die vielen unserer politischen Führer ganz abgehen, nämlich Offenheit und Demut.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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