Das Beste in Zeiten des Virus

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 32


ARMIN THURNHER

17.04.2020

Ich bitte um Verständnis. Themen bedrängen mich, ich nenne einige: Social Media und das Versagen der Krisen-Kommunikation; Bernhard Pörksens neues Buch; historische Seuchen, die Sie noch nicht kannten, von Nagana bis Trachom; die gewaltigen Gewinne der Krisengewinnler und vieles andere mehr. Das alles muss warten (kommt schon noch), denn ich muss wieder von Poesie reden.

Gestern hörte ich eine Sendung über einen italienischen Dichter, den ich bis dato nicht kannte, obwohl ich ihn kennen müsste, weil er Franco Arminio heißt. Arminio ist die italianisierte Variante meines Vornamens, welche wiederum nur die latinisierte Version von Herrmann (dem Cherusker) ist. Über diesen Franco Arminio berichtete die Ö1-Radiosendung Leporello. Beim digitalen Nachwassern fand ich einen Bericht der Washington Post und einen britischen Literaturblog, der uns darüber informiert, dass sich der Dichter als Lehrer ernährt, und, wie es sich gehört, auch ein paar Gedichte Arminios mitteilt.

Der Dichter selbst

Der Dichter Franco Arminio in seiner Heimatstadt Bisaccia. Text auf dem Stein: „Tu dir einen Gefallen, lies Poesie!“ (Foto: @ Franco Arminio)

nennt sich einen „alten Hypochonder“. Eines seiner Werke heißt „Circo dell’ipocondria“, Zirkus der Hypochondrie. Arminio wurde Objekt der Weltmedien, weil er in der Krise seine Telefonnummer veröffentlichte und bekanntgab, er sei täglich zwischen neun und zwölf für alle erreichbar. Daraufhin erhielt er hunderte Anrufe. Sie ergaben ein „intimes Bild von Italien“, einer Nation, die gelangweilt, furchtsam, kribbelig sei und über alles nachdenke, von der stillen täglichen Schönheitspflege bis zum Tod.

Also, fragte ich mich, muss ich drei Stunden am Telefon erreichbar sein, um zu erkennen, dass ein Land auch im Angesicht einer Seuche banal denkt und empfindet? Wie wäre es, wenn Österreich mich anriefe? Möchte ich es hören? Mir reicht, das lesen zu müssen, was sich Österreich unter Zeitungen vorstellt.

Ja, es ist schön, wenn einem ein Barkeeper mitteilt, er höre die Vögel „still singen“ oder einer, der bei einem Spital wohnt, berichtet, er höre ständig Hubschrauber landen, wenn eine alte Frau von Liebe spricht und von ihrer Sehnsucht, einen Mann zu küssen, während ein Ingenieur entdeckt hat, dass er zwei Kinder hat.

Was für ein Dichter ist Arminio? Er prägte das Wort „Paesologia“, für Paese, Land, Ländlichkeit. Er selbst nennt sich einen Paesologo, also einen Landkundigen. „Wandern Sie herum, wohin niemand geht, seien Sie Touristen der Barmherzigkeit, seien Sie Reisende, die nicht nur Schönheit, Harmonie, Sonnenschein suchen, sondern auch die einsamsten und trostlosesten Orte – Orte, die darauf warten, dass jemand sie ansieht, um sie zu erkennen, ehe sie ihrer Geschichte und ihrer Geographie beraubt werden.“

Mit diesem Programm macht Arminio ernst. Er lebt in der Kleinstadt Bisaccia in Kampanien, seiner Geburtsstadt, führt Touren und dokumentiert alles in einer „Casa di Paesologia“. Er publiziert Gedichtbände, Bilder und Geschichten auf Instagram und schreibt Verse wie diese:

Niemand denkt mehr an das Leben aller,
geschweige an das von Orten.
Gehe ich heute Abend aus
sehe ich Burschen, die ich nicht kenne
in einer Bar die einst
eine landwirtschaftliche Genossenschaft war.
Vor meinem Haus stand Enza
und in der Kurve der Konditor
und Onkel Giovanni,
wenige waren wir schon damals
doch es fühlte sich an, als wären wir viele.

Heute früh hörte ich im Radio (wieder Leporello!) ein Gedicht. Sie bringen dort jetzt täglich Seuchenlyrik. Gute Idee. Als erster war Robert Menasse dran, und sein Gedicht endete mit einem schönen Reim von „jubilieren“ auf „Viren“. Poesie ist die Kunst, aus allem das Beste zu machen. Sie ist nicht das Beste selbst, aber nahe dran.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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