Her mit dem Parlament! Oder: die Seuche als Schicksal

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 28


ARMIN THURNHER

13.04.2020

In Großbritannien sind die Künste der Desinformation zwecks Machterlangung hochentwickelt. Die Guardian-Journalistin Carole Cadwalladr deckte mit anderen die Machinationen der Firma Cambridge Analytica um den Brexit auf, und zeigte, wie diese zu den Erfolgen von Boris Johnson und dessen Berater Dominic Cummings beitrugen.

Jetzt schreibt sie auf meinem alten Lieblingsmedium Twitter: „Wir haben keine Ahnung, wie diese Regierung ihre Entscheidungen bezüglich Sperren und Testen getroffen hat, da wir nicht über die Daten verfügen. Aber schon ist eine Gegenerzählung im Spiel. ,Herdenimmunität war nie ein Plan‘. ,Wir haben die richtigen Maßnahmen zur richtigen Zeit ergriffen‘. Wo sind die Beweise? Die Daten? Wir haben sie einfach nicht.“

Und schon sind die Datenkonzerne am Werk, hat die englische Regierung mit Palantir, der berüchtigten Überwachungsfirma des einflussreichen Investors Peter Thiel, einen Vertrag abgeschlossen (die österreichische Regierung preist zwar auch gern ihre Maßnahmen, hat aber zu unserem Glück wenigstens ein Angebot von Palantir abgelehnt). Wir brauchen das Parlament!, ruft Cadwalladr geradezu verzweifelt. Denn nur dort gebe es die Öffentlichkeit, um diese Fragen zu behandeln.

Was sagt es über uns, dass wir diese Frage nicht offensiv stellen? Ich denke, wir machen damit einen Fehler. Wir haben die Neos und Teile der SPÖ, deren Stimmen durch den außerparlamentarischen Schulterschluss gedämpft werden, und man hörte sogar Argumente der FPÖ, denen man zustimmen musste. Es gibt gerade in der Krise keinen Grund, diese Stimmen auszuschalten. Die Grünen hingegen zeigen, wie schwer es ist, als Regierungspartei nicht in der Versuchung autoritärer Flausen zu erliegen. Also her mit dem Parlament, wo die wesentlichen Fragen gestellt werden können!

Zweifellos haben Seuchen eine gewisse Zufälligkeit, mit ihnen würfelt das Schicksal. Zweifellos bleibt die Wissenschaft beklagenswerterweise hinter ihnen zurück, und zweifellos gibt es alle Arten von Profiteuren, die in Seuchenzeiten ihre Interessen durchdrücken.

Seuchenzeiten sind Kippzeiten. Ich fürchte, nicht immer zum Guten. Wenn wir rational überlegen, was nach der Seuche kommen sollte, dann müssten wir sagen: Schluss mit dem Casinofinanzkapitalismus, Neudefinition eines mensch- und tiergerechten Unternehmertums, Globalisierung unter gerechten Bedingungen , faire Klimapolitik.

Stattdessen sehen wir, wie Datenriesen und Philanthrokapitalisten ihre Chance nützen. Bill Gates ist nicht der bessere Gesundheitspolitiker, als der er jetzt von stolzen TV-Moderatoren präsentiert wird, die ihm vor Glück, ihn interviewen zu dürfen, alle unbeantworteten Fragen durchgehen lassen. Sein Philanthrokapitalismus beruht auf der Idee der Privatisierung des Gesundheitssystems. Er wird Afrika nicht retten. Schon warnt der österreichische Verwaltungsgerichtshof vor den Gefahren des für ein autoritäres Datenregime missbrauchten Ausnahmezustands.

Seuchen sind Kippzeiten, sagte ich, und die Wissenschaft ist ihnen immer hinterher. Das Fleckfieber illustriert das sehr schön. Seit der Antike geißelte es die Menschheit, die bis zur Neuzeit im allgemeinen ziemlich verlaust war und im Mittelalter nur deswegen von gröberen Epidemien verschont blieb, weil die kleinen feudalen Fürstentümer relativ isoliert lebten, kaum Handel trieben und selten mit Auswärtigen in Kontakt kamen. In Shakespeares Sprachschatz gab es das Wort Seife nicht, schreibt der Seuchenhistoriker Stefan Winkle.

Der am Ende des Mittelalters aufkommende Kapitalismus machte alles beweglich. Der geld- und söldnergestützte neue Absolutismus fegte den Feudalismus der kleinen lokalen Herrscher hinweg und betrachtete nun ganz Europa als sein Macht- und Schlachtfeld. Nicht zuletzt dank der aus Lateinamerika geraubten Massen von Edelmetall zahlte er seine Heere. Nebenbei infizierten spanische Söldner in Amerika indigene Einwohner. Zwei Millionen von ihnen starben am Fleckfieber.

Auch in Europa verbreiteten die Söldnerheere das Fleckfieber über den ganzen Kontinent. Die Zufälligkeit und Schicksalsmacht der Seuche zeigte sich nicht zuletzt beim in Österreich verehrten spanischen Habsburger Karl V., „in dessen Reich die Sonne nicht unterging“.

Karl V., Gemälde von Jakob Seisenegger 1532 (KHM Wien)

Mit dem französischen König Franz I. kämpfte er in Frankreich und Italien; Karl war katholisch, seine Söldner waren protestantisch und plünderten zwischendurch schnell einmal die Stadt Rom (sacco di Roma), ehe seine Armee durch Fleckfieber dezimiert wurde und sich nach Neapel zurückzog. Franz I. verfolgte ihn, belagerte Neapel und schien schon der sichere Sieger. Da vernichtete ein plötzlicher Fleckfieberausbruch sein gesamtes Heer. „Frankreichs militärischer Ruhm war dahin. Kaiser Karl triumphierte, der eingeschüchterte Papst krönte ihn 1529 zum Kaiser von ,Fleckfiebers Gnaden‘“ (Winkle).

Mit Prognosen sei man in Seuchenzeiten also vorsichtiger als mit öffentlicher, begründeter Kritik!

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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