N. kommt zu Ostern nicht

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 27


ARMIN THURNHER

12.04.2020

Vor sieben Jahren veröffentlichte ich das Buch „Republik ohne Würde“, im Gefühl, dass menschliche Würde eine gefährdete Sache sei. Ich versammelte darin begriffliche Untersuchungen, Erzählungen und Berichte, in denen es mir selbst an die Würde ging. Ein eigenes Kapitel widmete ich N., einer „Kämpferin an der Würdefront“, wie ich sie nannte. N. ist Krankenschwester und Palliativschwester und eine jener tausenden Pflegerinnen, die für Hilfsorganisationen pflegebedürftige Menschen zuhause besucht und versorgt, das heißt ihre Medikamenteneinnahme überwacht und ihre Wunden pflegt.

Ich begleitete sie einen Tag lang und war am Ende dieses Tages total erschöpft. Es war, wie N. sagte, ein leichterer Tag. Er begann um halb sieben bei einem Alkoholiker, der von den Schwestern mit Alkohol behutsam eingestellt wird; läuft es aus dem Ruder, liegt er betrunken auf dem Boden oder kotet in sein Bett oder beides. Dann sind Geschwüre zu versorgen, bei Menschen, die übergewichtig sind. N. reinigt die Wunden, mit den nicht einmal 50 Kilo, die sie wiegt, hebt und dreht sie Menschen, die bis zu 130 Kilo wiegen; das bringt sie an ihre Grenzen, dann muss sie „kreativ sein“ und sich ihrer kinästhetischen Kenntnisse bedienen. Irgendwie schafft sie’s. Sie kommuniziert mit Ärzten, schrieb ich damals, und arbeitet gemeinsam mit ihnen an den Therapien.

Bei einer Patientin (die beim Pflegedient Kunden heißen) sah es so aus: „Vom Oberschenkel bis zum Knöchel klafft eine große, schorfige, teilweise braun vernarbte, teilweise offene Wunde. Das sei im Spital passiert, acht Monate war sie dort. Nie wieder geht sie dort hin. Ich hör Spital, und es ist schon aus, stöhnt sie. Wenn sie sich umdrehen oder aufsetzen muss, stöhnt sie auch. Sie hat Schmerzen. N. mahnt sie, nicht nur herumzuliegen, den Rollator zu benützen. Die N. ist ein bissl eine Strenge, sagt die Patientin, aber es sei schon gut, von ihr betreut zu werden. Sie habe auch Verwandte, Schwestern, die für sie einkaufen.“

„N. bringt Frohsinn in jeden Raum. Ihre Empathie macht es den Kunden leicht, Gefühle zu zeigen“, notierte ich damals. Sogar bei Herrn W. „Ihm wurden beide Beine amputiert, die Oberschenkel sind nur mehr kurze Stümpfe. Aus seinem Glied führt der Schlauch eines Katheters und endet in einem Harnsack, der seitlich am Bett hängt. N. streichelt zur Begrüßung W.s seine Hand und seinen Kopf, er lächelt, greift zum über ihm hängenden Triangelgriff, zieht sich hoch. Ich bin froh, dass du wieder da bist, sagt er. Wie es ihm gehe? Ich weiß nicht, was mir weh tut. Mir tut alles weh. Er hat Dekubitus, tiefe Geschwüre am Rücken durch Wundliegen, entstanden bei langen Spitalsaufenthalten. An der Ferse war eine Nekrose aufgetreten, dann, als man den Unterschenkel abnahm, eine unterhalb des Knies, dann musste man auch das Knie entfernen.“ (Zitate aus dem erwähnten Buch)

N. verdiente damals 1800 Euro Netto im Monat. Ihr Arbeitstag dauert 9 Stunden und 59 Minuten, mehr dürfen es nicht sein, Abschalten ist nicht. Manchmal wacht sie schweißgebadet in der Nacht auf und denkt nach, ob sie die Heizung in der Wohnung einer Patientin richtig eingestellt hat. Sie fährt dann auch schon hin, um nachzusehen. Mit ein paar Kolleginnen hat sie eine Gruppe aufgebaut, die sich Minihospiz nennt und den Leuten ein Sterben zu Hause in Würde ermöglicht, mit mobil betreubaren Minipalliativstationen, die sie entwickelt haben.

N. ist eine nahe Verwandte, sie vertraut mir, deshalb durfte ich sie begleiten. Ich hatte vor, mit ihr diese Runde noch einmal machen. Das wird sich jetzt nicht ausgehen, aber ich rede mit ihr darüber, was sich verändert hat, in Zeiten von Corona. Einiges hat sie mir schon erzählt. Von nicht mehr zugänglichen Hausärzten. Von fehlenden Masken und Schutzmitteln. Ja, die Pflegerinnen gehen ungeschützt zu den von ihnen Betreuten. Sie wissen, dass Verwandte von welchen infiziert sind, die sie regelmäßig besuchen, und nehmen an, dass einige der Patienten deshalb selbst Covid-Patienten sind, wissen aber nicht, welche.

Nein, die Pflegerinnen (gendern überflüssig) werden nicht getestet. N. lacht bitter.

Nein, sie kommt uns zu Ostern nicht besuchen, wie sonst immer. Sie kann das Risiko, uns zu infizieren, nicht verantworten.

Und ja, seit vergangenem Donnerstag hat N. einen positiven Krebsbefund. Im Waldviertel blüht der Schwarzdorn, und der Boden knackt vor Trockenheit. 

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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