Ein Vorschlag für Kurz und Kogler

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 26


ARMIN THURNHER

11.04.2020

Ohne dass ich den Virologen meines Vertrauens nach seinen Qualifikationen gefragt hätte (er ist emeritierter Univ.-Prof.), schickte er mir als Jobbeschreibung einen Link zum australischen TV-Komiker Mark Humphries, der als Armchair-Epidemiologist“ praktiziert, mit akademischem Grad der Universität von Wikipedia. „Armchair-Epidemiologist“ könnte man vielleicht mit Bundespidemiologe übersetzen, analog zum Bundestrainer, von dem wir im Bedarfsfall internationaler Ereignisse wie EM oder WM ja auch 8, 5 Millionen haben.

Der Virologe meines Vertrauens und ich unterhalten uns ab und zu über die schwierige Frage, wie die Ergebnisse der Wissenschaft von der Regierung und der Öffentlichkeit verarbeitet, beurteilt, ja angewandt werden. Insofern sind auch wir beide Bundesepidemiologen.

In meinem E-Mail-Dialog mit Michael Fleischhacker, der heute in der Kleinen Zeitung und der Neuen Vorarlberger Tageszeitung erscheint, ein Ritual, dem wir uns einmal im Monat mit einer gewissen Lust hingeben, schrieb mir mein sichtlich aufgebrachter Kontrahent: „Ich habe ungefähr einen Überblick über die Literatur zum Thema Politik, Krise und Ausnahmezustand, aber die derzeit hierzulande praktizierte Form des ministrantischen Gauchotums ist mir dabei noch nicht untergekommen. Die Coronakrise scheint mir in erster Linie eine Krise der hysterisierten Öffentlichkeit und des stillgelegten wissenschaftlichen Diskurses zu sein. Und was in einer solchen Situation richtig ist, wird man erst später wissen. Weltweit, und in Österreich sowieso, weil wir ja keine Daten haben – die brauchen wir auch gar nicht, weil unser geliebter Bundeskanzler ohnehin weiß, was er will.“

Ich fand seinen Ausdruck „ministrantische Gauchos“ für Kurz & Co lustig, beharrte aber – das bin ich meiner Duellanten-Ehre schuldig – auf einer abweichenden Beschreibung und antwortete: „Gauchos, das sind doch die Cowboys Lateinamerikas, also des Kontinents weniger gefestigter Rechtsstaaten? Wir haben eher ein Slim-Suit-Herrenquartett, so eine Art Corona-Harmonists.“

Der Kritik des stillgelegten wissenschaftlichen Diskurses aber konnte und wollte ich nicht widersprechen. Corona total, die Durchschaltung der Berichterstattung, Intransparanz der Faktenbasis – das alles lässt sich nicht leugnen. Was tun? Während ich nachdachte, schickte mir der Virologe meines Vertrauens kurz und knapp etwas, das er „einen Vorschlag für Kurz & Kogler zur Überwindung der Intransparenz ihrer Entscheidungen” nannte. Nämlich: „Die Schweiz verfügt jetzt über eine Swiss National COVID-19 Science Task Force. Mandatgeber der Task Force sind der Krisenstab des Bundesrates zur Bewältigung der Corona Krise (KSBC) sowie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI).“

Er setzte hinzu, in der Schweiz sei auch nicht immer alles gut gelaufen, aber: „Fresse einen Besen, wenn diese  Initiative nicht von deren Vorsitzenden Matthias Egger ausgegangen ist. Als Wissenschaftler mit einer außergewöhnliche Reputation leitet er seit wenigen Jahren auch den Schweizer Nationalfonds (wo 1 Milliarde Schweizer Franken zur Förderung von Wissenschaftsprojekten verwaltet wird). Dementsprechend schaut die Task Force aus:

Expertengruppe Clinical care
Expertengruppe Data and modelling
Expertengruppe Diagnostics and testing
Expertengruppe Digital epidemiology
Expertengruppe Economy
Expertengruppe Ethics, legal, social
Expertengruppe Exchange platform
Expertengruppe Infection Prevention and Control
Expertengruppe Public health
Expertengruppe Vaccines and vaccination strategies“

Er habe einige wenige persönliche Kontakte mit Matthias Egger gehabt, fügte der Virologe meines Vertrauens hinzu, und sei jedes Mal sehr beeindruckt gewesen ob dessen Pragmatismus und Integrität, auch sonst seien ihm ein paar Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Expertengruppen persönlich bekannt. Er habe großen Respekt vor der Schweiz und deren neuer Institution.

Wir erwarten also von Kurz und Kogler unverzüglich die Bildung einer Task Force nach diesem Muster! Ich rege außer Experten für Ethik und Wirtschaft auch solche für Kommunikation an, auch hier will ich Transparenz. Und regelmäßig sollen nicht nur mögliche Ordnungsstrafen und Vorschriften bekanntgegeben werden, sondern die Ergebnisse dieser Taskforce, sofern sie zu oder warum sich nicht zu Entscheidungsgrundlagen werden!

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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