Nägel, in nacktes Fleisch getrieben

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 25


ARMIN THURNHER

10.04.2020

Was können wir aus der Krise lernen? Dass wir zum Beispiel mit diesem Satz sparsam umgehen sollten. Sparsamkeit ist das Gebot der Stunde. Europa muss sparsam sein, deswegen kann es eine Vergemeinschaftung von Schulden nicht schultern. Immerhin kam ein Hilfsprogramm zustande, das aufs Erste ansehnlich aussieht, was den portugiesischen Finanzminister zum Ruf „We did it“ animierte.

Europa wird seine Sparsamkeitsseuche nicht los, vielleicht spart es ja nur bei den Falschen. Wir selbst können uns Phrasensparsamkeit auferlegen. Kommt billig und kostet nur Nachdenken, für viele allerdings ein zu hoher Preis. Die Krise als Chance, zum Beispiel. Das Beispiel der sparsamen schwäbischen Hausfrau ist in Krisenzeiten nicht einmal als Phrase aufrechtzuerhalten, trotzdem versuchten die Niederländer, es noch in der schärfsten Krise der europäischen Union als Brechwerkzeug einzusetzen, um scharfe Bedingungen an die Erteilung von Hilfe zu knüpfen und so die Union endgültig zu sprengen.

Wenden wir uns ab und anderem zu. Die Karwoche ist Bach-Zeit, ich sagte es schon einmal. Johann-Sebastian-Bach-Zeit. In Bachs Kontrakt mit den Leipziger Ratsherren, also in seinem Dienstvertrag war ausdrücklich festgehalten, dass die Musik, die der komponierte, nicht opernhaft sein dürfe. Die strengen Protestanten wollten die Leidensgeschichte Christi nicht dramatisiert, aufwühlend oder als sinnliche Identifikationsmusik, sie wollten totale Nüchternheit.

Und dann das. „Ich kenne keine Opernouvertüre aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der die Stimmung der Ouvertüren zu Idomeneo oder Don Giovanni besser vorweggenommen würde als im Eingangssatz zu Bachs Johannespassion; ebensowenig gibt es einen direkteren Vorfahren von Beethovens Leonoren-Ouvertüren.“ John Eliot Gardiner beschreibt in seinem großen Bach-Buch, wie Johann Sebastian das Gebot der Ratsherren umging.

Gardiner schildert, was in der Ouvertüre geschieht: „Die Tonart – g-Moll – steht von Purcell bis Mozart in der Regel für eine Klage. Der unerbittliche Puls der Tonwiederholungen in der Basslinie, die unnachgiebige Seufzerfigur in den Bratschen und die wirbelnden Bewegungen der Geigen, die einen so lebhaften Eindruck von Tumult vermitteln, dass man förmlich das Wogen einer aufgebrachten Menge vor Augen hat – all das verleiht dem Stück ein einzigartiges Pathos. Vor dem Hintergrund dieses Brodelns setzen die in einen lyrischen, aber von qualvollen Dissonanzen durchsetzten Dialog vertieften beiden Bläserpaare aus je einer Flöte und einer Oboe eine ganz andere Form der Körperlichkeit in Szene, die ein erschütterndes Bild von in nacktes Fleisch getriebenen Nägeln zu erzeugen vermag.“

Johannespassion, erste Seite der Partitur in J. S. Bachs Handschrift

Um nicht nur Gardiner zu zitieren: Bachs Musik hat eine Evidenz, angesichts derer Kritik auf die Funktion notwendiger, interpretierender Erklärung schrumpft. Bach kann als Basis der abendländischen Musik verstanden werden, oder auch nur als eines ihrer Motive: als Motiv des Anfangs. Oder als Vollendung. Ferruccio Busoni, von dem wir neben einigen schönen Klavierbearbeitungen von Bachschen Choralvorspielen auch den Satz haben: „Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung“, nennt Bach nicht zuletzt in dieser Hinsicht einen „Anfang“. Ein Anfang, eine Quelle, eine Musik außer der Zeit, zu Lebzeiten bereits als veraltet und verzopft angefeindet hundert Jahre lang vergessen, und heute frischer als vieles von ihrer Nachwelt.

Heute ist Karfreitag, der Tag, an dem die Passion Christi am Kreuz ihr Ende nahm. Der Tag, an dem die Passionen Bachs aufgeführt wurden. Die Johannespassion am 7. April 1724, drei Jahre vor der Matthäuspassion. „Um vieles kühner, gewaltiger, poetischer“ als diese sei die Johannespassion, sagte Robert Schumann. So weit würde ich nicht gehen, aber sie als die „kleinere Passion“ zu bezeichnen ist gewiss unangebracht. Seine Kantaten, mit denen er durchs Kirchenjahr führte, betrachtete Bach als Monde, die um Planeten kreisten. Die Planeten, das waren die Passionen.

Machen Sie heute eine Pause, nehmen Sie sich die Zeit und hören sie auf Ö1 die Johannespassion, die um 19:30 in einer erwartbar schönen Aufführung durch William Christie und Les Arts Florissants gespielt wird. Nehmen Sie sich die Zeit, sie bekommen dafür eine andere, freiere Welt.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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