Wir bleiben im Rahmen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 23


ARMIN THURNHER

08.04.2020

Kürzlich hörte ich es wieder, in einem Interview mit einem Vertreter der Wirtschaft. Das Wort Rahmenbedingungen. Einen Vertreter der Wirtschaft stelle ich mir als einen mittelalten Herrn in Hut, Staubmantel, Sakko und Krawatte vor, in der Brusttasche den Flachmann, in der Hand ein kleines Köfferchen. Er läutet an der Haustür und… Was? das ist ein Hausierer? Ahso.

Ich konnte den Vertreter der Wirtschaft nicht sehen, denn er sprach im Radio. Er sagte, die Wirtschaft werde sich irgendwann schon wieder erholen, es komme aber dabei auf die Rahmenbedingungen an. Die fragende Journalistin, eine Wirtschaftsfachfrau des ORF, wusste offenbar, was er mit Rahmenbedingungen meinte und fragte nicht weiter.

Ich ahnte, was der Vertreter meinte. Er meinte, die Arbeitnehmer müssten nun Mäßigung bei ihren Ansprüchen zeigen. Sie dürften nicht daran denken, Flexibilität selbst zu definieren. Jegliche Flausen betreffend die Verteilung von Zeit und Vermögen hätten sie sich aus dem Kopf zu schlagen.

© Irena Rosc

Rahmenbedingung, das bedeutet ein Instrument, in das man gespannt ist, aus dem man sich nicht bewegen darf. Ein Fixierinstrument. Ein Folterinstrument?

Im kommunikativen Corona-Fieber konnte man meinen, das Wort sei verschwunden. Aber es war nie weg. Die Rahmenbedingungen. Ihnen und dem Wort Standort verdankte der Falter übrigens eine seine besten Journalistinnen. Die spätere ORF-Am-Schauplatz-Chefin Heidi Lackner wird mir verzeihen, wenn ich berichte, dass sie mir erzählte, sie sei zum Falter gegangen, weil sie es nicht mehr ertragen konnte, das Wort Standort in ihren Berichten verwenden zu müssen. Heute ist sie Malerin.  Man kann es sich verbessern.

Der Standort und die Rahmenbedingung, diese Wörter meinen nicht, was sie sagen. Sie meinen, wir müssen wirtschaftsfreundlich bleiben, und zwar in einem bestimmten Sinn, im hayekschen, neoliberalen. Die hiesige Verzwergung dieser Ideologie kommt uns in Form der schwäbischen Hausfrau entgegen, einem Märchen von Grimm’schem Zauber, wenn auch etwas unter dem Niveau der Sprach-Brüder. Kanzler und Finanzminister, begabte Erzähler am ökonomischen Brunnenrand, sind unter dem Seuchenmärchendiktat des „Koste es was es wolle“ in die absolute Negation dieser Frau Hausfrau gesprungen. Sie haben es bemerkt und haben ab und zu sicherheitshalber in ihre Erzählung eingesponnen, erst unser hausfrauliches Wirtschaften habe uns unser europaweit bewundertes Krisenhandeln ermöglicht.

Stimmt nur sehr zum Teil. Erstens hält sich Europas Bewunderung in Grenzen, wie man am Ischgl-Bericht des ZDF gestern sehen konnte. Dieser deutsche Sender schrak nicht davor zurück, die Tiroler Adlerrunde und Kanzler Kurz direkt in die Erklärung für die verzögerte Kommunikation der Ansteckungsgefahr einzubeziehen, weshalb es Ischgl gelang, „halb Europa anzustecken“. Das wird sich schon noch klären. Zweitens aber sind die Vorräte unseres sparsamen Handelns bald verbraucht; was uns rettet, ist der noch nicht weggesparte Sozialstaat.

Weil es sich hier um eine Seuchenkolumne handelt, und die Autorin Susan Sontag einst den berühmten Aufsatz „Krankheit als Metapher“ schrieb, las ich eifrig den im neuen Merkur erschienenen Aufsatz der Amerikanerin Johanna Hedva über eine Sontag-Biografie. Der Artikel strotzt vor stolzer Queerness und vor Fehlern, aber ich fand in ihm eine Erleuchtung, nämlich den Satz: „In Mosers Einleitung, die das gesamte Geschehen im Buch rahmt…“ Im Original stand hier vermutlich „framed“.

Da dämmerte mir: Die Rahmenbedingungen sind die Erzählungen, in die wir gestellt werden. Wir werden seuchengerahmt. Im Rahmen dieser neoliberalen Erzählung ist es uns nicht möglich, europäische Solidarität zu üben, denn aus dem Fensterrahmen winkt die schwäbische Hausfrau heraus. Der Rahmen dient dem Rahmen, nämlich dem Abrahmen, preußisch: Absahnen, und darüber kann nicht verhandelt werden, weder jetzt noch in Zukunft, Amen.

Und schon gar nicht ist es uns möglich, wie es das schwäbische Deutschland nun tut, Kinder aus ihrer unmenschlichen Lage in den Lagern auf griechischen Inseln zu retten und aufzunehmen. Dort droht ja ebenfalls eine Corona-Infektion. Der Verlust unserer moralischen Gesundheit zum Zweck der Rettung unserer physischen Gesundheit mag für manche aussehen wie ein gutes Geschäft. Eine gute Idee ist er nicht.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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