Isolation und Kommunikation

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 22


ARMIN THURNHER

07.04.2020

Heute darf ich einmal Teil zwei des Untertitels dieser Kolumne gerecht werden. Ich erzähle ein bisschen von mir. Ich gehöre vielleicht meines Alters, eher aber meines Temperaments wegen zu jenen, die Selbstisolation sehr gut vertragen. So gut, dass ich mit den Schriften von Patrick Leigh Fermor  gleich sympathisierte. Eine Existenz in einem Kloster erschien mir nie unvorstellbar. Umso mehr, als ich in Fermor einen Autor entdeckte, dessen Leben alles andere als klösterlicher Isolation entsprach.

„Drei Monate, ein Jahr, fünfzehn Jahre, ein Leben sind schnell vorüber“, das lernte Fermor im Kloster. Das verstehe ich in meiner Isolation. Wie ich auch verstehe, dass man unter anderen Bedingungen Isolation nicht aushält, ja, wie schon gesagt, als Folter empfinden kann. Von zeitgenössischem Kloster kann bei mir insofern keine Rede sein, als ich die Isolation mit meiner Frau verbringe, und dazu im Waldviertel, das – man traut es sich den gequälten Hinterbliebenen in der Stadt kaum zu sagen – uns derzeit mit Löwenzahn und Brennnessel, mit Buchenknospe und Veilchenblüte auf dem Teller verwöhnt.

Täglich gemeinsam am Tisch zu sitzen und spazieren zu gehen ist ein Luxus, den mir der Alltag vorenthalten hat. Ich habe also kein Problem, die Anordnungen der Regierung zu akzeptieren, weil sie meinen Neigungen geradezu entgegenkommen.

Auch wenn mir Kritiker Nörgelsucht unterstellen, hielt ich mich mit meiner Kritik zurück, denn ich finde, trotz zeitweiligen Verordnungschaos hat die Regierung schnell und richtig gehandelt. Dass Kanzler Kurz und die Seinen versuchten, die Lage zur Selbstoptimierung und Selbstdarstellung auszunützen, schmälert nicht den Mut, den sie bei ihren Maßnahmen zeigten. Was den Grünen besser als den Türkisen gelang (wenn auch ebenfalls nicht wirklich gut), war, den Akzent auf Überzeugung statt auf Anordnung zu setzen.

Das stelle ich mir an meinem abgeschiedenen Schreibtisch

Meine schlampige Isolations-Idylle

als das Schwerste vor: wie kann man etwas anordnen und sozusagen zugleich Skepsis daran demonstrieren? Genau das wäre die Aufgabe einer Regierung in dieser Situation. Die Lust am Ausnahmezustand nützt sich ab, anders als meine Lust an der Isolation. Bisher geschieht alles unter dem Zeichen der Freiwilligkeit, in der als prekär empfundenen Demokratie ein gutes Zeichen (abgesehen von politischen Perfidien wie den geschlossenen Bundesgärten, jenen Ausseer Bürgermeistern, die Zweitwohnsitzer verscheuchen oder jenem Klosterneuburger Prachtexemplar, das Kritzendorfer Stelzenhäusern das Wasser nicht aufdreht). 

Dass bei einigen öffentlichen Akteuren eine gewisse Lust am Ausnahmezustand wahrnehmbar war, ist hingegen ein schlechtes Zeichen. In den Normalzustand finden wir nicht so schnell zurück. Die Corona-Krise wird uns nach allem, was wir wissen, noch bis zur Markttauglichkeit eines Impfstoffs, also mindestens ein Jahr begleiten. Wir müssen also neue Verhaltensweisen lernen. Die Bevölkerung zeigt sich durchaus lernwillig; es gibt Blockwarte, aber ebenso eine hohe Einsichtsfähigkeit. Die fällt leichter, wenn Gevatter Hein vor dem Fenster mit der Sense winkt.

Außerdem befinden wir uns gleichsam noch in der Luxusphase der Krise: es herrschen weder Mangel, Hunger, noch Chaos. So haben wir noch Zeit, über ein österreichisches Paradox nachzudenken. Uns rettete die Handlungsweise einer Regierung, deren großer Teil, die ÖVP, jenen Sozialstaat abmontieren wollte, dessen Existenz nun die Krise mit abfedert.

Sebastian Kurz verdient für schnelles und entschlossenes Handeln Lob. Er ist auf internationale Anerkennung genauso erpicht wie die ganze Republik Österreich, die ihre Neigung zur Selbstinfantilisierung immer mit Größenwahn zu kompensieren versuchte. Nun wäre die Gelegenheit, das Lied der Notwendigkeit des Sozialstaats zu singen. Ist Kurz Staatsmann, singt er nicht das Lied eigener Vorzüge, sondern das Lied jener Umstände, die ihm halfen, gut zu sein.

Und während es wärmer wird, können wir uns vorstellen, wie sich der Höhepunkt einer mit Fieber verbundenen Pandemie in den kommenden Hitzetagen anfühlen würde. Wir können also anfangen, unser öffentliches Verhalten skeptisch zu diskutieren: Wirtschaftskrise hin- oder her, wie wird er unter knapperen Verhältnissen aussehen, der solidarische, ökologische, nicht-autoritäre Staat? Die Debatte darüber kann nicht schnell genug beginnen, die Kraft des Faktischen wird sie bald genug verzwergen. Sollte die Regierung eine solche Debatte per Anordnung verfügen? Scherz.

Was ich mir an meinem abgeschiedenen Schreibtisch aber wünsche: Mehr Transparenz bei allen Verfügungen. Die Regierung könnte zum Beispiel damit beginnen, uns zu erklären, wie sie zu ihrem Slogan des Tages kommt. „Das Wort ,Auferstehung nach Ostern’ haben unsere Kommunikationsberater heute gewählt, um in einer unterschwellig nach wie vor christlich geprägten Welt Erlösung zu signalisieren, den Glauben an Wunder zu wecken und auch den Kanzler mit einem Hauch von Erlösergloriole zu umgeben“, oder so.

Message Control ist, anders als manche Kommentatoren meinen, nämlich NICHT notwendig, um verständliche Botschaften zu formulieren. Es genügt in der Krise, das zeigen Sebastian Kurz und Rudi Anschober in ihren besseren Momenten, etwas eindringlich zu erklären und vernünftig zu begründen. Drei Monate, ein Jahr, fünfzehn Jahre, ein Leben sind schnell vorüber.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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