Maskenalarm!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 17


ARMIN THURNHER

02.04.2020

In der Waldviertler Einschicht haben wir kaum ein Problem mit Masken. Jemand erzählte meiner Frau, dass Leute in Tschechien Masken nähen und sie zur freien Entnahme auf einen Baum hängen. Schöne Idee. Bisher kannten wir nur den Watschenbaum. Jetzt auch den Maskenbaum.

Heute geht es also um Masken, und es folgt eine dringende Warnung. Sie wissen, das sich nicht zum Alarmismus neige, der Meinung bin, man solle die Virologie denen überlassen, die was davon verstehen, und als Publizist die Publizistik und die verwandte Politik kritisieren. Außerdem habe ich politische Reflexionen auf Halde, verschiebe sie aber aus Dringlichkeitsgründen auf morgen (falls jemand auf meine angekündigten Anmerkungen zu David Runciman wartet, ein brillanter Mann, der die lange Bank nicht verdient, auf die ich ihn hier schiebe, aber wie ich aus Cambridge höre, hält er die Spannung noch aus).

Manche Seuchenkolumne muss ich nicht selber schreiben. Egon Christian Leitner, der Autor des famosen Sozialstaatsromans „Des Menschen Herz“ (Lesempfehlung!) schickte mir gestern Nacht ein Mail:

„Lieber Herr Thurnher, Sie werden ja gewiss über die Supermarktmaskenfetischisten berichten. Aber die ORF-Berichterstattung darüber, in ,Steiermark heute‘ zum Beispiel oder in den ZiBs, vor allem der ZiB 1 ist im Moment fahrlässig und unverantwortlich. Seltsam dümmlich und infantil. Da ist’s ganz selbstverständlich und ohne Kommentar, wie die Leut’ die Masken aufsetzen, glücklich, und Handschuh an haben dabei, glücklich. Und so eben angeblich die anderen schützen und wenn jeder das mache, seien alle geschützter. Aber die kontaminieren ja, weil sie die Masken antappen beim Anlegen, oder die nehmen die Masken aus der Massenschachtel, in die alle reingreifen, oder irgendwer in weißem Mantel (Milgramexperiment) gibt die offenen Masken dem Kunden in die Hand oder nicht einmal in weißem Mantel jemand macht das.
Die spinnen, bei allem Respekt, die spinnen. Das ist irgendeine religiöse Zwangshandlung. Mit Expertentum oder Expertenstreit hat das nichts zu tun, denn diesen Experten-Konsens muss es doch um Gottes willen geben, dass Masken so nicht gehandhabt werden dürfen, weil das so kein Schutz ist, sondern eine Gefahr. Also sozusagen nichts gegen die Masken prinzipiell, aber warum nicht ein Haushaltskontingent statt unverpackte, begrapschte Masken mit kontaminierten Grapschhänden auf die Lebensmittel und Verpackungen dann. Ich weiß, dass ich Sie darauf nicht hinweisen muss, lieber Herr Thurnher. Aber hab gestern einen Kleine-Zeitung-Journalisten drauf hingewiesen, hab keinerlei Effekt bemerkt. Vor allem eben die Darstellung im ORF ist meschugge, sogar Tarek Leitner kommt dem nicht aus. Nix für ungut, Ihnen alles Gute, Egon Christian Leitner.“

Natürlich musste er mich darauf hinweisen, in dieser Schärfe hätte ich es nicht gesehen. Meine Frau schon, die nähte gestern bereits Masken.

Irena Rosc mit handgenähter Maske und Kater Hannibal
© Irena Rosc

Ich fragte sogleich den Virologen meines Vertrauens, und er antwortete mir:

„Das mit den Masken im Supermarkt sehe ich nicht nur genau so, sondern nach der Ankündigung dieser ,Maßnahme‘ ängstigte ich mich richtig, diese Masken händisch zugeteilt zu bekommen. Ich bin kein sehr ängstlicher Typ. Oft und (auch leider) hinlänglich bewiesen. Diese Angst veranlasste uns (meine Frau und mich) eine uns gut bekannte Schneiderin zu bitten, uns Masken zu schneidern, damit ich diesem Wahnsinn am Supermarkt entkomme. Sicherheitshalbe habe ich auch noch meinen Freund angerufen, der so was immer schon hatte, er brachte mir vier aus seinem Privatfundus (und nicht von der Klinik, weil dort immer noch EXTREME MANGELWARE. Alles nur. um dem Wahnsinn in den Supermärkten zu entkommen.)
Ok, das war die private Seite. ES FEHLEN ABER NACH WIE VOR MASKEN FÜR DIE PFLEGEHEIME. Das ist skandalös.
Das mit den Masken ist generell keine schlechte Idee, umzustellen, auf ,Niemand Anstecken‘. Aber dieser Roll-Out ist ein Wahnsinn!“

Manchmal fehlen einem nicht die Worte, aber man muss nichts mehr sagen. Und dann fehlen Sie einem doch. Also: passen Sie auf, was Sie im Supermarkt tun! Bringen Sie vielleicht doch lieber ihre eigene Maske, aus Baumwolle oder Leinen, waschbar bei 60°, wiederverwertbar.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

 


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