Die Ausweitung der Maskenzone

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 15


ARMIN THURNHER

31.03.2020

Gehst du nirgendwohin, besteht die Gefahr, dass du besser siehst, wie es insgesamt so geht („When you aren’t going anywhere, the danger is that you might start seeing the way things are going“ ). Diesen feinen Satz des englischen Kollegen James Meek aus der London Review of Book setze ich als hoffnungsvolles Motto über meine heutige Kolumne. Mit dem Besser-Sehen haben wir Journalisten in der Krise ein Problem. Und wann, seien wir ehrlich, wäre keine Krise? Um ehrlich zu sein, die Formulierung „seien wir ehrlich“ gestatte ich mir nur ausnahmsweise, um wieder einmal den frivolen Erich Kästner zitieren zu können (habe ich sicher schon, bin aber zu faul zum Nachschauen): „Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich…“

Wenn man nirgends hingeht, könnte, ja sollte stattfinden, worauf Meek hoffnungsvoll anspielt: man könnte anfangen, selbst zu denken. Selbstdenken ist eine aus der Übung gekommen Mode. Stattdessen werfen wir Journalisten einander wechselseitig Texte an den Kopf, worauf wir uns aber nicht benommen fühlen, sondern wohlinformiert. Yuval Hararis Essay aus der Financial Times ist da noch eher was für Anspruchslose (vorige Woche habe sogar ich ihn vergangene Woche in meinem Falter-Kommentar zitiert).

Man sollte in dieser heißen Phase schon mindestens zum Lancet greifen, denn jetzt – kaum haben wir unser Handke-Fieber ausgestanden – ist virologisch-infektiologische Kompetenz angesagt. Zeig du mir deinen Yale Experten, ich zeig dir meinen aus Harvard! Als ich in aller Bescheidenheit den Cambridge-Politikwissenschaftler David Runciman ins Spiel bringen wollte, dessen skeptischer Ansatz mir gut gefiel, wurde mir sogleich triumphierend „Agamben! Das ist Agamben“ entgegengerufen, worauf ich aufgab und mich mit der Krone Bunt befasste.

„Der Bundeskanzler denkt schon über eine Ausweitung der Maskenpflicht nach,“ sagen sie gerade im Radio. Es ist schön, wenn man weiß, dass sich unser selbstgewählter unaufgeklärter Monarch Gedanken macht. Der Gedanke, der mich dabei beschleicht: Der Bundeskanzler denkt schon über eine Ausweitung seiner Popularität nach. Das Seucheneisen ist heiß, jetzt muss es geschmiedet werden. Das ist der Hammer: seine Sorge um uns ist schierer Glanz für ihn, durchgeschaltete permanente Medienpräsenz wie im Schlaraffenland.

Die bescheidenere Wahrheit (Ischgl?) hinter diesem Talmi-Leuchten wird uns erscheinen oder auch nicht. Derweil tun andere alles, um den möglichen Gegenglanz einer Leider-Nein-Seuchenfrau der Stunde zu verdunkeln. Im Newsletter des Presse-Chefredakteurs Rainer Nowak lese ich den denkwürdigen Satz: „Neuigkeiten gibt es aus der SPÖ: Viel spricht dafür, dass Tropenmedizinerin Pamela Rendi-Wagner wohl breite Unterstützung ihrer Basis bekommen hat und als Parteichefin einzementiert wird.”

Daran gefällt mir das Wort „einzementiert“ für das Ergebnis einer Umfrage. Noch besser aber ist „Tropenmedizinerin“. Die Presse, das Zentralorgan für gehobene Kanzlerprogaganda, nicht so plump und peinlich wie der – naserümpf! – Boulevard. Umso penetranter unterstützt sie das Krisenführergeschäft des Sebastian Kurz mit ihren Mitteln.

Ich sah gleich auf Wikipedia nach, was Frau Rendi-Wagner medizinisch kann und ist, und fand neben vielem anderen, dass sie zwischen 2008 und 2011 als „Gastprofessorin im Department of Epidemiology and Preventive Medicine an der Tel Aviv University in Israel“ wirkte.

SIE versteht etwas von Infektionskrankheiten, ER versteht etwas von infektiöser Politik. Sie hat in Israel Epidemiologie gelehrt, der Kanzler hat mit dem weltberühmten Virologen Benjamin Netanyahu telefoniert. Dass der Presse-Chefredakteur Herrn Kurz mit seiner subtilen Formulierung als Krisenkanzler einzementieren wolle, hieße, das falsche Handwerk evozieren. Bei Nowak erleben wir nicht Beton am Bau, sondern die feine Ballettkunst des publizistischen Beinstellens. Immer unter der Maske des zurückgelehnten Beobachters, versteht sich. Diese wird seit über hundert Jahren am Eingang zum Salon der feilen Presse gratis ausgegeben.

Über David Runciman unterhalten wir uns, wenn mein Ärger verraucht ist.

Keep cool, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

P.S:: Erratum. Der gestern in meinem Falter-Maily von mir als „Arnold Goes“ apostrophierte Schriftsteller und Theologe heißt Albrecht Goes. Sorry. Falter-Autorin Kirstin Breitenfellner hat mich auf den Fehler aufmerksam gemacht; sie kannte Goes, er war der Großvater ihrer besten Freundin.

 

@arminthurnher

thurnher@falter.at

 


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