Das Inhumanitäts-Virus

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 12


ARMIN THURNHER

28.03.2020

Der ORF meldete in den Frühnachrichten stolz, eine AUA-Maschine habe unter schwierigen Umständen 300 Menschen aus Peru zurück nach Europa gebracht, darunter sogar 14 Ukrainer. Außenminister Schallenberg erklärte, das sei ein Beispiel für europäische Solidarität. Ich höre ihm gerne zu, denn er bewahrt in seiner aristokratischen Art zu sprechen Spuren dessen, das man einst in ein Bürgertum phantasiert hatte und was man am Gebell oder Gequengel der üblichen politischen Protagonisten schmerzlich vermisst, Rudi Anschober einmal ausgenommen.

Misstrauisch wie ich bin, denke ich mir immer gleich, wenn ich in derart gepflegter Artikulation gebadet werde, ob ich vor lauter Wohlgefühl darüber nicht die Inhalte vergesse, wie es früher bei den TV-Nachrichten war, die einem auch so vorgeflötet wurden, dass man, wenn man sie hörte, schon nicht mehr wusste, was sie beinhalteten, falls sie überhaupt etwas beinhalteten. Das ist natürlich heutzutage ganz anders!

Die scharfen peruanischen Sicherheitsmaßnahmen sorgten dafür, dass genügend nichtösterreichischer Platz an Bord des Fliegers war. Austrians First wäre sonst die natürliche Devise gewesen. Hätte ein Mensch darüber nachgedacht? Die AUA ist doch eine österreichische Fluglinie! Wenngleich in deutschem Besitz und unter deutscher Führung. Wie war es um die hygienischen Verhältnisse im Flieger bestellt? Wurden die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände eingehalten? Wurden die Passagiere getestet, ehe sie an Bord durften? Oder war die AUA-Maschine eine Art fliegendes Kitzloch, wie jene Bar in Ischgl heißt, die als Symbol der anderen Seite von Seuchenösterreich dasteht? Selbst im konservativen, nicht eben Kanzler-Kurz-feindlichen ZDF zeigten sie gestern neben Bildern aus vollen Tiroler Bars, in denen ganze Europa angesteckt wurde, auch ein Bild des leeren Ballhausplatzes und fragen, wer denn für Ischgl und die Folgen verantwortlich gewesen sei? Der Anton aus Tirol?

Wir nennen hier keine Namen, aber unser Krisenkanzler betont ja stets die europäische Führungsrolle unseres Landes, das anders als das verlotterte Italien und das verschlampte Deutschland der Welt zeigt, was ne Seuchenharke ist. Soeben haben wir nicht nur in Peru Europäisches geleistet, sondern auch in Sofia und Bukarest. 280 Pflegerinnen werden aus Rumänien und Bulgarien eingeflogen – Pflegenotstand, ehschonwissen. Das sind jene, denen Kurz & Co die Kinderbeihilfe kürzten, im Namen europäischer Ungerechtigkeit, ein türkis-blaues Leuchtturmprojekt, das je schon Armleuchterformat besaß, statt projektierten 112 Millionen wurden nur 64 einspart, und die werfen sie für die Flieger raus, denn jetzt gehts um unsere Oma!

Viele andere Pflegerinnen vom Balkan stecken in Österreich fest, weil sie nicht in ihre Länder zurückkönnen oder, wenn sie zurückgingen, nicht mehr nach Österreich zurückkönnten. Wer kümmert sich um sie und die Umstände, unter denen sie oft schon mehr als das Doppelte der vorgesehenen Zeit bei ihren österreichischen Familien ausharren?

Nur aus einem Ort fliegen wir niemanden ein, aus dem Brennpunkt der Schande Europas, aus Lesbos. Dort harren zehntausende anerkannte Flüchtlinge unter katastrophalen menschenunwürdigen Bedingungen aus. Mit solchen Wörtern versucht man, sich das Unvorstellbare wegzureden. Würde Europa seiner Pflicht nachkommen, müsste Österreich von dort 200-300 Personen aufnehmen. Man könnte sie vorher testen, vorläufig in Quarantäne stecken, was immer. Das Virus wäre, angesichts aller anderen Probleme, ein Nebenproblem.

Österreich aber, als kleiner, fetter, neutraler Staat zu humanitärer Vorbildwirkung verpflichtet, hat einen Kanzler, der sich den Stimmen seiner rechten Wähler so sehr verpflichtet fühlt, dass er nicht nur immer eiserner wird, sondern geradezu vereist.

„Meine Position“, sagt er gestern im Mittagsjournal, „hat sich hier nicht geändert. Ich würde sagen, sie ist sogar noch verschärft worden dadurch, dass wir uns mitten in einer Krise befinden mit einem massiven Ausbruch einer Krankheit in Österreich. Als Nachbarland von Italien sind wir eines der hauptbetroffenen Länder. Und wir haben unsere Grenzen geschlossen. Ich glaube nicht, dass eine Flüchtlingsaufnahme in dieser Situation förderlich wäre. Ich würde nur ersuchen nicht nur auf einen Hotspot zu sehen. Im Moment gibt es viele Orte, die mir massiv Sorge machen. Ich glaube zum Beispiel, dass die humanitäre Situation in vielen Roma-Siedlungen am Balkan mindestens genauso brandgefährlich ist.“

Dieses Gestammel ist nicht nur jämmerlich. Es ist sogar noch verschärft. Es ist inhuman. Was hat die Tatsache, dass wir eines der „hauptbetroffenen Länder“ sind, mit erzbetroffenen Kindern zu tun, die krank im Schlamm vegetieren? Was heißt „förderlich“? Wem denn? Der Wirtschaft? Der Wirtschaftskammer? Dem Seelenwohl der Kronen Zeitung? Die hat den Eiskanzler auch bald links überholt. Die „humanitäre Situation in vielen Romasiedlungen“ ist sicher Gegenstand aufgeregter Telefonate, die Kurz mit Viktor Orbán in Sorge um Demokratie und allgemeine Förderlichkeit führt. Und der grüne Vizekanzler hat vergessen, was er gestern zum Thema sagte. Jetzt fällt ihm nur ein, Griechenland habe eh genug Geld erhalten. Die sollen sich kümmern. Jämmerlich.

Es tut mir leid, ich vergesse mich. Weil ich mir massive Sorgen mache. Um uns. Ich würde nicht nur ersuchen, ich hätte einfach wirklich gern, dass wir uns nicht vergessen, auch wenn wir einen Kanzler haben, der vergessen hat, dass gutes Regieren nicht nur im oberschlauen Kalkül von Machterhalt besteht.

Draußen lag in der Früh Reif auf der Wiese, und um die weißen Birkenstämme flammt ein roter Flor von Knospen auf.

Keep cool, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

 


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