Der Fall von Rom, II

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 11


ARMIN THURNHER

27.03.2020

Heute möchte ich einmal von etwas ganz anderem sprechen, von einem Gedicht. Anlass war ein Tweet, in dem ein Amerikaner nach einer Debatte von Donald Trump mit seinem Chef-Virologen (Trump behielt selbstverständlich die Oberhand) konstatierte, das sei „fall-of-Rome-stuff“. Sofort fiel mir das Gedicht „The Fall of Rome“ ein. Der englische Dichter W. H. Auden schrieb es für den Herausgeber der Zeitschrift Horizon, den Kritiker Cyril Connolly, der Dichter aufgefordert hatte, ein Gedicht zu schreiben, das ihn zum Weinen bringen würde. In Horizon erschien es 1947 zum erstenmal, und Connolly ist es gewidmet. Ob er geweint hat, ist mir nicht bekannt.

Zufällig gehört es zu meinen Lieblingsgedichten. Den Dichter Auden schätze, liebe und bewundere ich, und – noch ein Zufall, ungelogen – ich habe dieses Gedicht für mich vor drei Jahren einmal übersetzt. Es gibt einiges von Auden auf deutsch, aber wirklich gelungen sind nur die Übersetzungen von Ernst Jandl. The Fall of Rome ist offiziell bis dato unübersetzt. Ich mute Ihnen heute hier also meinen Versuch zu.

Auden war schon während des 2. Weltkriegs sehr an der Endzeit des römischen Reichs interessiert und meinte, seine eigene Epoche unterscheide sich nicht sehr von jener des Heiligen Augustinus; ein Interesse, das er mit dem griechischen Dichter Kavafis teilte. Auden hatte sich wie dieser zum Christentum gewendet und befasste sich mit der Frage, was die Staatsgewalt dem Glauben mit seiner Erhebung zur Staatsreligion angetan habe – nichts Gutes, fand er.

Wie in der gestrigen Seuchenkolumne angedeutet, sprechen Historiker heute nicht mehr vom Fall Roms, sondern eher vom Übergang in eine andere Ära. Als die Zeitschrift Life Auden 1966 um einen großen Essay zum Thema bat, der den selben Titel trägt wie das Gedicht, war diese Auffassung vom Fall Roms bereits ins Wanken geraten. Zur Zeit, als er das Gedicht schrieb, bestand sie vermutlich noch, aber das ist nicht wichtig.

Wichtig ist Audens Gefühl für eine Zeit, die in Auflösung und Übergang begriffen ist. Wichtig ist seine Kraft, diese Auflösung in Bilder zu fassen. Wichtig ist auch, was man – gern belächelt – poetische Vorahnung nennen könnte. Bunte Szenen der Desintegration reihen sich aneinander, bis auf die erste fast alle städtisch. Und dann wenden sich am Ende zwei Strophen plötzlich einer ganz anderen, scheinbar ewigen, wenngleich, wie wir wissen, verletzlichen und wandelbaren Welt zu: der Natur.

(…)
Caesar’s double-bed is warm
As an unimportant clerk
Writes I DO NOT LIKE MY WORK
On a pink official form.

Unendowed with wealth or pity,
Little birds with scarlet legs,
Sitting on their speckled eggs,
Eye each flu-infected city.

Altogether elsewhere, vast
Herds of reindeer move across
Miles and miles of golden moss,
Silently and very fast.

Gespenstische Natur sind die Vögelchen, die ungerührt ihre Eier ausbrüten und die infizierte Stadt beäugen, wo fieberhaft mit der Seuche gerungen wird. Und da ist der Schnitt „altoghether elsewhere“ vor der letzten Strophe, die uns eine archaische Szene vorführt und schlagartig den Hintergrund in Erinnerung ruft, vor dem das menschlich-fieberhafte Getue die ihm gebührende Lächerlichkeit zugewiesen bekommt.

Wer hier, von Schönheit überwältigt, nicht weinen kann, den versichere ich meines Mitgefühls. Nun mein Übersetzungsversuch:

Der Fall von Rom

Die Wellen schlagen an den Pier;
ein alter Karren, abgestellt
im Regen einsam auf dem Feld;
Berghöhlen voll Banditen hier.

Das Abendkleid wächst ins Extrem;
die Truppe Bundesfahnder sucht
Steuerschuldner auf der Flucht
durchs Kleinstadt-Abwassersystem.

Die Tempelhure magisch träumt
durch Zauberei in Schlaf versetzt;
alle Literaten haben jetzt
einen eingebildeten Freund.

Der hirngetunte Cato hält
auf hergebrachte Disziplin,
doch muskelherzige Marines
meutern wegen Kost und Geld.

Cäsars Bett wärmt gut sein Paar
während ein Beamtenwicht
schreibt: ICH MAG MEINE ARBEIT NICHT
auf ein rosa Formular.

Weder Geld noch Mitleid hat
das Vögelchen mit rotem Bein,
brütend auf geflecktem Ei,
beäugt es die vergrippte Stadt.

Ganz woanders, parallel
Rentierherden riesengroß
queren Meilen goldenes Moos,
schattenstill und sehr sehr schnell.

Übersetzt 24. 11. 2017

An den Schluss seines Essays von 1966, der von seiner tiefen klassischen Bildung zeugt, setzte Auden noch einmal dieses Gedicht. Mit folgendem einleitenden Satz: „Ich habe keine Ahnung, was wirklich passiert, vor ich sterbe, außer, dass ich es nicht mögen werde. Vor einigen Jahren versuchte ich, meine Vorahnungen in einem kurzen Gedicht mit dem Titel ,Der Fall von Rom‘ auszudrücken.“

Keep cool, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

 

Bisher erschienen:

1 Im weißen Gebiet

2 Der Teamfalschspieler

3 Virensozialismus

4 Zehn Gedanken zum Krisenjournalismus

5 Seuchen und Heilige, I

6 While my chainsaw gently weeps

7 Seuchen und Heilige, II

8 Für mich erwiesen

9 Siechknechte des Seriösen

10 Der Fall von Rom, I