Der Fall von Rom, I

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 10


ARMIN THURNHER

26.03.2020

Woran ging das römische Reich zugrunde, wenn es überhaupt zugrunde ging und nicht vielmehr bruchlos in das Mittelalter mündete? Die Dekadenztheorie spielt bei den Erklärungen kaum mehr eine Rolle. Ihr zufolge hielt das Reich wegen des moralischen Verfalls der Führungsschichten weder der neuen Religion des Christentums noch den anstürmenden Germanen, Hunnen und anderen Völkern stand.

Dennoch beschleicht einen bei Ansicht heutiger Führer der westlichen Welt ein altrömisches Dekadenzgefühl. Boris Johnson mag zwar lange Passagen aus der Ilias im Original rezitieren können, wirkt aber in der Corona-Krise überfordert wie Kaiser Honorius, der sich mehr um seine Hühnerzucht kümmerte als um das Ende des Weltreichs. Der Schwindler Donald Trump, ein Kaiser Nero mit Twitter statt Lyra und Muslim-Ban statt Christenverfolgung, nimmt für seine Wiederwahl und für den Erhalt der ökonomischen Macht seines Clans ohne weiteres tausende Tote in Kauf. Der verrückte brasilianische Rechte Jair Bolsonaro behauptet, dank seines trainierten Körpers könne ihm das Virus nichts anhaben und erinnert an Kaiser Commodus, der gern in der Arena als Gladiator auftrat.

Schluss mit den römischen Analogien! Römische Elegien sind mir eh lieber. Die uns näheren Imperatoren fallen schon fast nicht mehr auf, vielleicht, weil sie Gesinnungsfreunde unserer Regierungspartei Nummer Eins sind. Die kennt ja bezüglich ihrer Freunde wenig Genierer. Benjamin „Bibi“ Netanyahu zum Beispiel, der in Israel eine Art kalten Putsch versucht, um seinem Prozess wegen Korruption zu entgehen. Ihm hat Sebastian Kurz gerade überschwänglich gedankt, weil Netanyahu ihn auf die ernste Gefahr aufmerksam machte, die das Corona Virus darstellt. Vielleicht hätte Bibi auch seinem Hauptspezi Trump ein paar Andeutungen machen sollen, den USA wäre einiges erspart geblieben.

Nähere Nachbarschaft: Ich denke nicht nur an Viktor Orbán, der die Seuche gerade für einen Putsch à la Dollfuß nutzt und das Parlament ausschalten will. Ich denke auch an den tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš, der die Königsidee der nationalen Grenzschließung gern aufnahm und gleich wieder revidieren musste, als ihm Deutschland klarmachte, dass Bayern mit Böhmen so sehr zusammengewachsen ist, dass die medizinische Versorgung im Westen ohne tschechische Ärzte und Pflegerinnen zusammenbräche; während umgekehrt diese ihre Einkünfte zum Leben brauchen.

Andrej Babiš, gegen den Hunderttausende wegen Missbrauch von EU-Fördergeldern vergeblich demonstrierten, setzt wie viele seiner Gesinnungsgenossen Europa lustvoll außer Kraft (abgesehen vom Geld, natürlich). Die österreichischen Sperre der italienischen Grenze war dazu ein beklagenswertes Vorspiel. Schutzanzüge und Masken, die wollen wir vom Weltmarkt, Zahlungen nehmen wir von der EZB, aber sonst bleiben wir unter uns.

In Ljubljana, wenig bemerkt, weil zu nahe, stellten betroffene Bürgerinnen dieser Tage vor dem Parlament Kerzen auf, um gegen antidemokratische Tendenzen der neuen Regierung von Ministerpräsident Janez Janša zu protestieren, jenes rechten Politikers und Orbán-Spezis, dessen zweijährige Haftstrafe wegen Korruption vom Verfassungsgericht wieder aufgehoben wurde. Möglich wurde Janšas Rückkehr, weil die Linke, weitsichtig und in entscheidenden Fragen einig wie immer, der gemäßigten Regierung des Komikers Marjan Šarec ihre Unterstützung verweigerte. Natürlich sind auch die slowenischen Grenzen nun geschlossen.

Man liest allenthalben, nach der Seuche würde die Welt eine andere. Die Dysfunktionalität einer Gesellschaft, die Regierende wie die genannten hervorbringt, ist ja evident. Die Trumps, Johnsons und ihre hiesigen Kleinausgaben müssen nun ihren eigenen Prinzipien widersprechen und den Staat in sein Recht einsetzen. Nicht den schlanken, starken, wie es ihrer Ideologie entspricht, sondern den breiten, sozialen, helfend intervenierenden. Die Coronakrise, so ist zu befürchten, wird aber nicht das Muster unserer Rettung sein. Sie wird die Ausnahme bleiben. Was übrigens die Theorien zum Fall von Rom betrifft: eine Seuche war es nicht.

Keep cool, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

 


Zuletzt erschienen:

Nr. 196 Gernot Blümel, der oberschlaue Zensor, und seine schlauen Verteidiger (28.09.2020)
Nr. 195 Alles steuerte auf Beethoven zu. Eine Sonntagsgeschichte (27.09.2020)
Nr. 194 „Wer Charakter hat, hat kein Schicksal“. Zu Walter Benjamin (26.09.2020)
Nr. 193 Holz schlichten. Streit schlichten. Unter Schlichten. (25.09.2020)
Nr. 192 Was Twitter aus einem machen kann (24.09.2020)
Nr. 191 Wie ich 50 Jahre Profil erlebte. Szenen einer kritischen Freundschaft (23.09.2020)
Nr. 190 Ein oder zwei Meter? Abstand nehmen von falschen Dichotomisierungen! (22.09.2020)
Nr. 189 100mal „Herr Sobotka, treten Sie zurück!“ (21.09.2020)
Nr. 188 Quellwolken voller Zweifel (20.09.2020)
Nr. 187 Himbeermarmelade und Herzensdemokraten (19.09.2020)
Nr. 186 Man sollte besser über Sport berichten. (18.09.2020)
Nr. 185 Narzissmusdusche und Bedeutungseisbad. Über Coronakommunikation (17.09.2020)
Nr. 184 Wer die ÖVP wirklich regiert. Appell an Ö1. Monster. Falken. (16.09.2020)
Nr. 183 Dominic Thiem besiegte die Schlümpfe. Ich weiß, was er meint. (15.09.2020)
Nr. 182 Ampelologie: bald kennt jeder jemanden, der die Ampel nicht versteht (14.09.2020)
Nr. 181 Zwei Herzen, eine Seele: der Kanzler ohne Milde und die Krone (13.09.2020)
Nr. 180 Corona, Moria und unser europäisches Wir. (12.09.2020)
Nr. 179 Dieses Blümelkurz-Österreich ist nicht mein Österreich (11.09.2020)
Nr. 178 Glückspräsident Sobotka klärt die Presse auf. Eine Ansprache (10.09.2020)
Nr. 177 Der „Lockdown“ und seine Folgen für Patienten abseits von Covid-19 (09.09.2020)
Nr. 176 Wie privat ist „privat“ auf Twitter? ICH sage: eher nicht. (08.09.2020)


Alle bisher erschienen Kolumnen finden Sie hier.