Für mich erwiesen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 8


ARMIN THURNHER

24.03.2020

Die Seuchenkolumne verwüstet das Land. Aber nur, wenn von Kanzler Kurz die Rede ist. Dann gehen die Wogen hoch, weil das natürliche Solidaritätsgebot verletzt wird, das momentan hoch über dem bayrischen Reinheitsgebot bei der Bierbrauerei steht. Sag nichts Kritisches gegen Kanzler und ÖVP, solange die Schultern geschlossen sind! Ein Idealzustand für Regierende.

Das Volk, wenn man die twitternde Kolonne der Kurzisten so bezeichnen kann, es wäre übrigen ein kleines Volk von ein paar Dutzend Menschen mit seltsamen Namen, dieses Volk neigt nicht zur dazu, einem Dinge mitzuteilen wie: „Scheisspapier = Falter Zeitung suuupi“ , oder zu fragen: „Machen Sie das alles nur, damit sie von ihrer komischen Zeitung mehr verkaufen?” Die Antwort wäre: Ja, und auch um Werbung für die Werke des Kolumnisten zu machen, wie in seinem Twitter-Profil nachzulesen ist.

Ein wenig aber auch, um in den öffentlichen Diskurs einzugreifen, wie das früher so schön altmodisch hieß. Der Seuchenkolumnist ist allerdings etwas irritiert, weil Äußerungen von ihm, die ganz und gar nicht despektierlich gemeint waren, sozusagen in sein satirisches Licht getaucht werden. „Auf dem Land singt man um 18 Uhr nicht mit der Polizei, da stellt man um diese Zeit allenfalls eine Kerze ins Fenster und betet ein Vaterunser.“

So schrieb ich, und ein Seuchenkolumnenleser antwortete auf Twitter: „Habs genau bis hierher geschafft. Was für ein überheblicher Wiener Armleuchter”. Es entspann sich ein kleiner Dialog, in dem ich wahrheitsgemäß schrieb, ich dürfe „mitteilen, dass ich die Kerze im Fenster dem Gesang von Fendrich-Liedern vorziehe, das Gebet zwar weglassen würde, aber jene respektiere, die es für angebracht halten.“ Wie der Twitterer zu seinem Urteil kam, erschloss sich mir nicht.

Ich verzichtete darauf, dem Twitterer meine ethnisch vielschichtige Person offenzulegen, ein Gemisch aus Vorarlberger, New Yorker, Wiener, Niederösterreicher und einem Schuss Slowene. Es hätte ihm vielleicht einen Arm aus dem Leuchter geschlagen. Immerhin mäßigte er seinen Ton, nahm den Armleuchter zurück, gab sich aber nicht ganz geschlagen und schrieb am Ende: „Dass T. hier mit der Provokation kokettiert hat, bleibt für mich erwiesen.“

Das ist in der Tat ein hochdialektischer Satz. Die Spannung zwischen „etwas ist erwiesen“ und „ich betrachte es als erwiesen“ muss man einmal so auflösen können. Zwei mal zwei ist vier, aber nicht für mich. Für mich bleibt etwas anderes erwiesen. Hier erspart sich einer den Beweis des Gegenteils und ersetzt ihn durch eine Behauptung, die tut, als wäre sie ein Beweis. Mein Satz machte in keinem Wort die Landbevölkerung verächtlich; er teilte nur zwei Beobachtungen mit.

Den Satz „es bleibt für mich erwiesen“, geschmeidig, elegant und absurd, kann man in Seuchenzeiten sehr gut brauchen. Beweise, hierin hat der Twitterer am Ende doch recht, halten nur so lange, als der wissenschaftliche Konsens sie gelten lässt. Die Wissenschaft vom Menschen ist keine Mathematik, wenngleich sie sich in diesen Zeiten mit den exakten Wissenschaften verbündet.

Für mich bleibt zum Beispiel erwiesen, dass die Politik der medizinischen-virologischen Wissenschaft folgen und nicht – wie die Herren Trump oder Johnson – dies oder das als für sich erwiesen ansehen soll. Ich halte es auch für erwiesen, dass der Mensch seinen Freiheitsrest nun nicht an der Kassa abgeben darf, selbst wenn die ökonomische Wissenschaft zum Beispiel beweisen kann, dass ein totales Bewegungsprofil nicht nur möglich, sondern auch nützlich ist, und wenn die Krise zu beweisen scheint, dass jede digital gestützte autoritäre Steuerung eine Gesellschaft effizienter macht als mühsames demokratisches Abwägen.

Wir haben es nicht leicht, aber wir haben ja Zeit, über alles nachzudenken.

Keep cool, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

 


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