Seuchen und Heilige, II

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 7


ARMIN THURNHER

23.03.2020

Auf dem Land singt man um 18 Uhr nicht mit der Polizei, da stellt man um diese Zeit allenfalls eine Kerze ins Fenster und betet ein Vaterunser. Gestern unterbrach ich meine Heiligenlegenden für eine sonntägliche Sägen-Episode. Hier nun Fortsetzung und Schluss. Im Anrufungsbedarf, in unserem Fall wg. Seuchen, möchte man doch gern wissen, an welche Heiligen man sich wenden kann.

Der Immerwährende Heiligenkalender meines alten Freundes Albert Christian Sellner, eines Anarchisten, Historikers und „böhmisch-katholischen“ Ungläubigen gibt uns Auskunft. Die in der Anderen Bibliothek erschienene Ausgabe dieses Buchs kam im eleganten Schuber daher; darauf prangte ein Bild des Heiligen aller Heiligen, des Hl. Sebastian. Nackt an den Pfahl gefesselt, von Schergen bedrängt, demnächst von Pfeilen durchbohrt. Inspiration für Abergenerationen von Gläubigen und Erotomanen.

Ehe wir zu ihm kommen, ein Wort zu den anderen beiden im inzwischen neu aufgelegten Buch Erwähnten. Der kurioseste Seuchenheilige scheint mir Winthir zu sein, ein nicht einmal heilig-, nur seliggesprochener naturalisierter Bayer. Er ist für uns von besonderem Interesse, weil er Einsiedler war. Ursprünglich aus England stammend, war er als Maultiertreiber mit einem Tross von Missionaren nach Deutschland gekommen und hatte sich in Bayern niedergelassen. Er war leutselig und freigebig, fiel jedoch besonders auf, weil sich in seiner Umgebung weder Krankheit noch Seuche bei Mensch oder Tier zeigte. Nicht einmal der Blitz schlug ein, wo Winthir lebte. Er starb um 800, seitdem gewittert es in Bayern wieder.

Einsiedler war auch der Hl. Antonius von Ägypten (251-356). Wie man an diesen Lebensdaten sieht, wurde er 105 Jahre alt. Er widerstand allen Anfechtungen des Teufels und dessen Dämonen, sei es in Gestalt der verführerischsten Weiber oder der schrecklichsten Bestien. Auch das Schwein ist eine Gestalt, die der Teufel ihm gegenüber annahm; später wurde es zum Privileg des nach Antonius’ Tod gegründeten Ordens der Antoniter. In Tirol kennt man Antonius deshalb auch als „Fackentoni“. Die Antoniter pflegten Seuchenkranke, ihr Schwein durfte frei durchs Dorf laufen und musste von der Bevölkerung gefüttert werden. Sozusagen ein Vorläufer von uns Journalisten, die wir regelmäßig Säue durchs Dorf treiben.

Und nun zum Seuchenheiligen Nummer Eins: dem Hl. Sebastian. Er war Hauptmann in der Prätorianergarde des Kaisers Diokletian, wohlgewachsen und klug, sodass er dem Kaiser und dessen Mitregenten ins Auge stach. Bald wurde den beiden verliebten Imperatoren jedoch hinterbracht, dass es Sebastian mit den Christen halte, ja selber einer sei. Vom Kaiser befragt, bekannte er sich zu seinem Glauben und ließ sich nicht umstimmen. Zornentbrannt überließ ihn Diokletian seinen mauretanischen Bogenschützen, die Sebastian die Kleider herunterrissen, den Nackten an einen Pfahl fesselten und mit ihren Pfeilen durchbohrten.

Alle hielten Sebastian für tot, bis auf die Witwe Irene, die sich dem mutmaßlichen Leichnam nächtens näherte. Sie fand noch schwaches Leben in dem gequälten Körper, nahm Sebastian mit und pflegte ihn gesund. Sobald er aber wohlauf war, ließ sich Sebastian die Locken salben, warf seine türkise Toga über, stellte sich an den Eingang des Jupitertempels, wartete auf den Kaiser und sprach ihn folgendermaßen an: „Die Götzendiener betören deine Seele durch ruchlosen Betrug. Sie verleumden uns Christen als Feinde des Imperiums. Dabei beten wir unablässig für Kaiser und Reich! Lass es doch gelten, dieses Beste aus beiden Welten!“

Der Kaiser erkannte Sebastian, ließ ihn erneut festnehmen und „in der Arena so lange mit Geißeln, Ruten, Bleikolben und Knüppeln schlagen, bis er den Geist aufgab“. Sebastian ist seither nicht nur der Pestheilige, sondern auch der Heilige aller Propagandisten. Wie er lassen auch sie in den gefährlichsten Situationen nicht davon ab, Werbung in eigener Sache zu machen, türkise Anzeigen zu schalten, türkise Brillen aufzusetzen, türkise Desinfektionsflaschen aufzustellen. Message Control hieß bei den frühen Christen noch: Ich werde tun, was Gott will. Heute heißt es: tut, was Sebastian will. Am Ende läuft es auf das Gleiche hinaus. Der heilige Sebastian schützt uns vor der Seuche und drückt uns gleichzeitig seine Propaganda rein. Weil er es ist, kann man dagegen auch niemanden anrufen. Von der Pest werden wir genesen, die Propagandaseuche wird uns alle holen.

Keep cool, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

 

Bisher erschienen:

1 Im weißen Gebiet

2 Der Teamfalschspieler

3 Virensozialismus

4 Zehn Gedanken zum Krisenjournalismus

5 Seuchen und Heilige, I

6 While my chainsaw gently weeps