While my chainsaw gently weeps

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 6


ARMIN THURNHER

22.03.2020

Ehe wir morgen zu Teil 2 des Heiligenkapitels kommen, berichte ich Ihnen von meinem Landleben. Ich bin in der privilegierten Situation, einen Garten zu haben und ums Haus ein wenig Holz. Die Kehrseite: ich bin der einzige Knecht. Naturgemäß wütete ich vorgestern bei schönem Wetter mit der Kettensäge und legte zwei Dutzend halbwüchsige Bäume um, die ich anschließend entastete und in Meterstücke zerlegte, damit sie für den Küchenofen trocknen.

Während bei ähnlichen Gelegenheiten der eine der andere Nachbarkopf über der Mauer auftaucht und mir ein aufmunterndes Wort zuruft, blieb ich diesmal völlig ohne Publikum. Auch recht. Selbst Polizeiautos fahren hier stumm herum. Meine Kettensäge machte ihre Musik, doch das übliche Echo aus den Wäldern ringsum fehlte. While my chainsaw gently weeps …

Bei Regen holte ich dann am Samstag die Wippsäge aus dem Lager, um sie für den Betrieb vorzubereiten. Im Sommer hatte ein Elektriker den Starkstromstecker repariert. Die Säge setzte immer wieder aus, was ich laienhafterweise einem Wackelkontakt zuschrieb. Ich legte ein Probeholzstück auf die Wippe. Statt des üblichen butterweichen Schnitts jaulte das Sägeblatt, rauchte, bockte und hätte fast das Scheit weggeschleudert. Da stimmte was nicht, so stumpf konnte die Säge während einer halbjährigen Pause nicht geworden sein.

Ein neues Sägeblatt? Oder schärfen? Dazu braucht’s eine Diamantfeile, wo krieg ich die jetzt her? Vom braven Skrein eher nicht. Ein neues Blatt könnte man eventuell bestellen… Ich hole die Betriebsanleitung, beginne zu lesen und zu verzagen, denn beim Wechseln eines solchen Blattes ist zu beachten: „Rückholfeder unter dem Rolltisch aushängen. Die vordere Anschlagsperre an der Seitenkante des Rolltisches lockern. Das vordere Sicherungsblech nach unten absenken. Rolltisch hinten oben heben und auf die Ausnehmungen für die Kugellager schieben …“ Schutzstifte, Federn, Flansche – mir wird schwummerig.

Meine Frau beginnt bereits, mir jenes grauenvolle Gedicht von Robert Frost aufzusagen: „Die Säge knurrte, rasselte im Hof / blies Staub, warf ofenlange Scheite hin / voll süßen Dufts, wenn Wind darüber strich…“ Ja, genau, ofenlange Scheite, die möchte ich produzieren, aber mit diesem Sägeblatt nicht. Was tun? Ich kann doch jetzt keinen Mechaniker kommen lassen!

Da fällt mein Auge auf diese Passage: „Bitte kontrollieren Sie während der Anlaufzeit die Drehrichtung des Sägeblattes. Die Drehrichtung ist richtig, wenn die Zähne des Sägeblattes sich zur Bedienungsseite drehen. Ist die Drehrichtung falsch, so müssen Sie die Drehrichtung ändern, indem Sie die zwei Pole des polumschaltbaren Steckers mit einem Schraubendreher durch leichtes Hineindrücken und gleichzeitiges Drehen vertauschen.“ Sollte das Blatt tatsächlich in die falsche Richtung gehen? Ich schalte die Säge ein und schaue genau. Falsche Richtung.

Schon liege ich auf dem Rücken, des kalten Bodens ungeachtet, und inspiziere im Schein der Handytaschenlampe den fünfpoligen Starkstromstecker. Tatsächlich, zwei der fünf Kontaktstifte ragen aus einer kleinen schwarzen Scheibe heraus, in deren Mitte so etwas wie ein Schlitz sichtbar wird. Ich drücke den Schraubenzieher hinein, und siehe, die beiden Stifte bewegen sich, lassen sich drehen, rasten wieder ein.

Ich kann noch nicht ganz glauben, dass ich das geschafft hatte, bringe das Starkstromkabel wieder an, drücke auf den grünen Einschaltknopf und beobachte das Sägeblatt scharf. Allah kerim! Es bewegt sich in die richtige Richtung, mit den Zähnen in Richtung Holz. Der Tag ist gerettet, das Tagewerk von vielen kommenden Tagen auch. Sonntags hat hier Ruhe zu herrschen, auch in Seuchenzeiten. Ab morgen wird geschnitten. Und niemand hier im Haus muss frieren.

Keep cool, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

 

Bisher erschienen:

1 Im weißen Gebiet

2 Der Teamfalschspieler

3 Virensozialismus

4 Zehn Gedanken zum Krisenjournalismus

5 Seuchen und Heilige, I