Zehn Gedanken zum Krisenjournalismus

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 4


ARMIN THURNHER

20.03.2020

Heute denke ich über Journalismus nach. Lassen Sie mich dabei einen Umweg über China nehmen. Ich betrachte Journalismus – darunter verstehe ich seriösen, redaktionellen Journalismus – als Träger von Öffentlichkeit, und somit als unerlässlichen Teil der Demokratie. Soll das in Zeiten der Krise anders sein? Nein.

Die Krise führt auch zu einem globalen Kampf der Systeme. Die chinesische Führung stellt den Anspruch, die USA als globaler Hegemon abzulösen. Die überlegene Wirtschafts- und Militärmacht der USA und die Wirtschaftsmacht der EU scheinen dem Hohn zu sprechen; aber das öffentliche Versagen des Westens beim Kampf gegen das Sars-CoV-2-Virus, vom US-Präsidenten bis zu Europas Neonationalisten leistet dem chinesische Anspruch Vorschub.

Die Weltmacht USA legte immer Wert auf ihre Legitimation. Diese entstand „durch die Art ihrer Regierung, durch das Bereitstellen öffentlicher Güter und durch die Fähigkeit, eine globale Antwort auf Krisen organisieren und koordinieren zu können“, hält das maßgebliche US-Magazin Foreign Affairs fest. Europa legitimiert sich durch seinen Mix aus Sozialstaat, Rechtsstaat und freien Medien.

China, von dem das Virus ausging – das halten wir ohne beschuldigenden Unterton fest –, spielt sich nun als globales Vorbild auf. Es ist auf seine Art schnell mit Corona fertiggeworden (Südkorea auf demokratische Art übrigens auch). Aber China beschämt mit seinen Hilfsaktionen in Italien die europäische Union. Damit will es es seinen Führungsanspruch untermauern. Umso wichtiger scheint es, dagegen den Systemvorteil „funktionierende demokratische Öffentlichkeit“ herauszustellen. Damit bin ich wieder beim Journalismus (dessen westlich-interne Bedrohungen durch Tech-Konzerne, digitale Oligarchie und landläufige Korruption lasse ich einmal beiseite).

Wie soll sich Journalismus also in der Krise richtig verhalten? Viele Menschen stimmen in Zuschriften meinen Kommentaren zu. Ich nenne sie nicht Leitartikel, aus Gründen, die ich hier später noch einmal erklären werde, es dürfte ja Zeit genug dazu bleiben. Ein empörter Arzt jedoch empfand meine leise Kritik am Auftreten des Krisentrios Kanzler, Innen- und Gesundheitsminister als überzogen. Dass ich ihre Auftritte mit „Kellnern am Krisenherd“ verglich, empfand er als Verletzung des Solidaritätsgebots.

Ich darf dazu mitteilen, dass mein väterlicher Freund Florian Klenk, der meine Kommentare vor der Veröffentlichung liest und mich in der Regel vor jugendlichen Torheiten bewahrt, diese Passage vollkommen unerwähnt ließ. Sie wurde auch geschrieben, ehe Kurz und die ÖVP sich den unverzeihlichen Fauxpas leisteten, Regierungsinserate mit Parteiästhetik zu infizieren. Danach wurde mein Ton schärfer.

Die Frage, die ich aus dem Brief des Arztes ableite, lautet: Zu wieviel Mäßigung ist Journalismus in der aktuellen Krisensituationen verpflichtet? Ist er das überhaupt? Was soll er, was darf er? Hier zehn, keineswegs vollständige Antworten:

  1. Er soll über Anordnungen der Behörden informieren und mögliche Zweifel ausräumen.
  2. Diese Anordnungen darf und soll er auch kritisieren, denn das Verhalten von Behörden kann er beurteilen. Die klassisch-aufklärerische Devise lautet, das Gute und das Tadelnswerte so zu berichten, dass sich die Lehre daraus den Lesenden von selbst ergibt.
  3. Fragen müssen gestellt werden.
  4. Fakten sollen nicht unterdrückt, aber unaufgeregt so präsentiert werden, dass sie nicht zu Panik führen. Es geht aber auch darum, gegen die Manipulation von Regierungen und gegen die Desinformation aus den verschiedensten Quellen zu arbeiten.
  5. Das öffentliche Verhalten von politischen Repräsentanten darf selbstverständlich kritisiert werden.
  6. Problematischer wird es bei medizinischen Einschätzungen. Hier gilt es, zu kontextualisieren. Also nicht eine medizinische Studie oder ein Expertenvideo nach dem anderen hinauszufetzen, sondern sie nur dann zu präsentieren, wenn man den Zusammenhang herstellen kann. Standpunkte von Experten sollten durch jene von anderen Experten transparent gemacht werden, nicht durch journalistische Mutmaßungen oder Hörensagen hochgejazzt.
  7. Es gibt keine Pflicht zum Schulterschluss. Es gibt nur die Pflicht, dem zu dienen, was man für öffentliches Wohl hält. Das wird eine gewisse Selbstmäßigung einschließen, ebenso ein Misstrauen gegenüber dem Willen zu Durchschaltung und Gleichschaltung.
  8. Politische Gegnerschaft wird man in gewisser Hinsicht sistieren, aber nicht ausblenden. Die Leistungen, den Einsatz und viele Maßnahmen der Regierung würdige ich durchaus, ich halte mich an ihre Anweisungen. Das mediale Auftreten  halte ich teilweise für übertrieben (den Gesundheitsminister immer ausgenommen, nicht aus Parteiräson, sondern seiner Funktion wegen) bis skandalös (Missbrauch für ÖVP-Werbung).
  9. Die eigene (vielleicht deviante) Position als vorbildlich oder auch nur besonders originell hinzustellen, ist keine gute Idee.
  10. Die Verteidigung von bürgerlichen Freiheiten, die Kritik politischer Konzepte, die Satire über politische Akteure ist hingegen nicht nur erlaubt, sie ist Pflicht. Tun wir diese Pflicht!

Vergessen wir nicht, wir befinden uns im Wettbewerb der Systeme, Demokratie gegen Autokratie. Und vergessen wir nicht, dass die Wiedererrichtung des Nationalstaats und die Unterlassung von Hilfe gegenüber Nächsten und Ferneren (Italien, die griechischen Inseln, Syrien…) nicht nur den Betroffenen schadet, sondern ebenfalls unsere demokratische Selbstachtung untergräbt.

Wir wollen doch trotz der Seuche Europäer bleiben und keine Chinesen werden.

Keep cool, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

 

Bisher erschienen:

1 Im weißen Gebiet

2 Der Teamfalschspieler

3 Virensozialismus