Im weißen Gebiet

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 1


ARMIN THURNHER

17.03.2020

Foto: Irena Rosc

Als Angehöriger der Risikogruppe 70+ fühlte ich mich verpflichtet, der Gesellschaft ein Intensivbett möglichst lange freizuhalten. Ich schulde der Welt einen Toten, um mit Heiner Müller zu sprechen, aber ich lasse mir bei der Rückzahlung Zeit. Ich zog mich also ins Waldviertel zurück, wohin der Wiener gewohnheitsmäßig flüchtet, und berichte Ihnen bis auf weiteres hier von dort.

Bei einem Blick auf die aktuelle Karte der in Österreich aufgetretenen Infektionsfälle kann ich zufrieden feststellen, ich befinde mich im schneeweißen Gebiet. Bezirk Horn, null Fälle von Covid-19. Wer weiß, womit das zusammenhängt. Vermutlich wird wenig getestet und das Gebiet ist dünn besiedelt. Aber weiß ist weiß.

Die Kommunikation per Internet verläuft hier nicht so einfach wie in der Stadt. Die Leitung ist langsam. Ein Sinnbild: Informationen fließen hier überhaupt nicht üppig. In Niederösterreich gibt es keine autochthonen Tageszeitungen, bloß die mutierten Ausgaben der Wiener Blätter. Die NöN erscheint ebenso wie die kommerzgetriebenen Bezirksblättchen wöchentlich. Das Gebiet ist also auch journalistisch ziemlich weiß.

Kommuniziert wird eher per Dekret der Bauernkammer als über eine mediale Öffentlichkeit. Dieses debattierende und alles in Frage stellende Milieu wurde hier immer schon als störend empfunden. Die Presse hat mit der Politik zu kooperieren, basta. Message Control war hier schon gottgegeben, ehe das Wort in die Welt kam. Kommunikation lief hier immer krisengerecht: der Feudalherr schafft an. Die ÖVP erzielt bei Wahlen über 80 Prozent, und seit der afrikanische Pater den Gottesdienst übernommen hat, gehen die Leute auch nicht mehr in die Kirche. Sie verstehen seinen Akzent nicht.

Aber das Internet! Die brauchen hier keine Ministerin, die ihnen „digitalisiert euch“ zuruft. Die brauchen keinen Zuckerberg, der Menschen verbindet. Pornhub genügt, aber das ist ein gewiss unangebrachtes Vorurteil. Auch mir, der jetzt im weißen Gebiet einsiedelt, bleibt nur das Netz. Der Download funktioniert normalerweise mit müden 2,86 Mbit/sec, das ist herzlich wenig, der Upload bewegt sich unter einem Mbit. Nach Feierabend wird’s noch langsamer. Seit Jahren versprechen sie uns Breitband, jetzt bete ich darum, dass wenigstens die kümmerlichen vorhandenen Leitungen halten. Ob mir der schwarze Pater dabei helfen wird?

Ich sehe es ja ein, statt Digitalisierungspakete auf- und zuzuschnüren, muss die Politik jetzt Seuchenmaßnahmen ausrollen. Ich erinnere mich an Zeiten der Schweinepest, als man durch Desinfektionsteppiche watete und Autos durch Desinfektionsgruben schickte. Jetzt macht es die digitale Sphäre möglich, dass alle physisch getrennt sind und einander mit Aufregung infizieren. Manche Befindlichkeiten rücken einem in den Social Media ganz schön auf die Pelle.

Aber das ist nichts, verglichen mit den üblen Phrasen, mit denen uns Trump und Macron jetzt eindecken. Es ist wieder einmal Krieg. Nach dem Krieg gegen den Terror rufen sie jetzt den gegen das Virus aus. Das Wesen der Phrase ist es, unsere Vorstellungskraft so zu zerstören, dass wir uns nicht mehr vorstellen können, was gemeint ist.

Krieg. Leute, wir leben in einer Pandemie, gegen die wir mit friedlichen Mitteln von Medizin, Selbsthilfe und gesellschaftlicher Organisation vorgehen! Bleiben wir dabei doch bitte zivil, auch im Reden.

Keep cool, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher


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