War früher alles besser? Ein Rückblick

Auf der elften Konferenz über die digitale Gesellschaft schien die Sehnsucht nach der Vergangenheit zu überwiegen

11. MAI 2017   

Im Bällebad auf der re:publica wird der Kindheit nachgetrauert (c) re:publica/Jan Zappner

Eine Konferenz über die digitale Gesellschaft ist zwangsweise riesengroß — schließlich passt so ziemlich alles hinein. In den drei Tagen der re:publica tummelten sich dieses Jahr 9000 Teilnehmer und über 1000 Sprecherinnen und Sprecher. Zum Motto “Love Out Loud” gab es 500 Stunden Programm. Die Konferenz fand zum elften Mal statt; ich war zum zweiten Mal dabei. Was habe ich gelernt?

Es gibt eine Sehnsucht nach der analogen Welt.

Auf dem Konferenzgelände fielen mir mindestens drei mit Polaroid-Fotos vollgehängte Wände auf. Eine davon diente als Dating-Plattform, auf der Menschen ihre Fotos mit Stickern versehen konnten, die ihre Vorlieben (“Männer”, “Frauen”, “Freundschaft”, und so weiter) widerspiegelten. Kontaktaufnahme folgte über den Twitter- oder Instagram-Account, den man auf den weißen Rand des Bildes schrieb. Über die Erfolgsquote ist leider nichts bekannt. Stand dahinter die durchaus berechtigte Furcht, online kaum Kontrolle über die Verwendung der eigenen Bilder zu haben? Oder war es die Sehnsucht, Dinge angreifen zu können und mit den Händen mehr zu tun als nur zu tippen?

Überhaupt wäre man lieber jünger.

Man konnte sich abwaschbare Tattoos anbringen lassen, Schilder mit freundlichen Botschaften (passend zum Motto “Love Out Loud”) basteln, die riesige, plüschige Maus-Figur, die über das Gelände stapfte, umarmen, in ein Bällebad tauchen, im labore:tory und der Media Lounge Computerspiele testen. Was vor elf Jahren als “Klassentreffen” der Blogger-Szene begann, ist nun ein gigantisches Event. Letztes Jahr konstatierte man, die digitale Gesellschaft befände sich in der Pubertät, sei, wie von Hormonen, hin- und hergerissen und wüsste nicht so recht, wo der Weg in die Zukunft hinführen sollte. Dieses Jahr, so scheint es, sieht man sich als nostalgische junge Erwachsene, die der Zeit nachtrauern, als alles noch viel einfacher war.

Vor allem, um das Gewimmel auszuhalten.

Auf der Konferenz einen ruhigen Ort zu finden, ist so gut wie unmöglich. Die nächste Bühne ist nie weit, überall dudelt es aus Bildschirmen, ständig begegnet man Menschen, die Smartphones oder VR-Brillen tragen. Ich fühle mich, als wäre ich auf einer meiner rund um die Jahrtausendwende gebastelten Homepages gelandet, mit Hintergrundmusik und einem Sternenstaub spuckenden Cursor. War ja eigentlich ganz cool damals.

Lesen Sie meine Thesen zur Zukunft der digitalen Gesellschaft im kommenden Falter (Erscheinungstermin 17. Mai 2017)




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