Der Weg zum Neurokapitalismus

Was machen Selbstoptimierungsapps und Gesichtserkennungssoftwares aus unserer Gesellschaft? Zwei Antwortversuche

9. MAI 2017   

Mit einer App die eigenen Gefühle zu steuern könnte bald möglich sein (c) Screenshot/Thync.com

Der Tag fing dystopisch an.

Über Brainhacking und Selbstoptimierung ging es im Vortrag der deutschen Journalistin Miriam Meckel. In was für einer Welt, fragt sie, könnten wir leben, wenn wir zu Ende denken, was Technologien, die Gehirnaktivität verfolgen und verbessern, eigentlich alles möglich machen? Ihre Antwort fällt unheilvoll aus.

Der Wettbewerb könnte neue Dimensionen annehmen. „Man schaut ja nicht nur, wie performe ich im Vergleich zur Peergroup, sondern es geht darum, die Leistung zu verbessern im Hinblick auf das, was bei anderen abgeht“, sagt Meckel.

Auf dem freien Markt tummelt sich schon einiges. Da gibt es etwa das US-amerikanische Start-Up Thync, das durch eine App-gesteuerte Elektrode Neurostimulierung anbietet, also die Nervenbahnen mit Elektrizität stimuliert und so (angeblich) für bessere Entspannung — und in Folge bessere Konzentration — sorgt.

Versuche mit Ratten zeigen, dass es bereits möglich ist, über Hirnimplantate Hirndaten auszutauschen: Bekam eine Ratte die Daten einer trainierten Ratte gesendet, konnte sie die Aufgaben ohne Training korrekt durchführen.

Mache man so weiter, so Meckel, werde man sich bald in einer anderen Gesellschaftsform befinden, die sie Neurokapitalismus nennt: „Die Hirnleistung ist nicht mehr gegeben, wie heute, sondern ist manipulierbar und hängt von Geld ab.“ Nach der „Social Divide“ und „Digital Divide“ folge nun die „Neuro Divide.“

Die Hälfte aller Amerikaner scheint in Gesichtserkennungsdatenbanken der Polizei auf (c) Screenshot/perpetuallineup.org

Der nächste Vortrag machte es nicht besser.

Datenschutzaktivist Matthew Stender und Jillian C. York, die auch Direktorin für internationale Meinungsfreiheit bei der Electronic Frontier Foundation ist, erklärten, welch gefährliche Auswirkungen die Benutzung von Gesichtserkennungsalgorithmen haben können. Die Hälfte aller Amerikaner habe bereits ihre Gesichter in Datenbanken der Polizei eingespeist, zeigte eine Studie der Georgetown University im Vorjahr. „Je automatischer die Systeme werden, desto mehr werden Menschen außen vor gelassen“, so York.

Die Firma Kairos bietet Gesichtserkennung und Gefühlsanalysen —basierend auf den Gesichtszügen — an. Der Anstoß, erzählt York, war von Banken gekommen, die gerne Menschen identifizieren wollten, die im Begriff waren, die Bank auszurauben: „Aber was, wenn man eine Angststörung oder es einfach nur eilig hat? Darf man dann nicht zu seinem Geld?“

Was fehlt, sei ein Vertrag zwischen Menschen und Technologieunternehmen ebenso wie das Bewusstsein vieler Menschen, dass etwa ins Netz geladene Bilder nicht statisch sind. Ein neuer Algorithmus wird Inhalte anders bewerten. „Was man heute teilt, kann morgen etwas anderes bedeuten“, sagt Stender. Deshalb plädieren die Datenschützer auf besseres Bewusstsein — zumindest im Privaten kann man Räume schaffen, in denen nicht fotografiert wird.




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