Warum steht die Liebe im Imperativ?

"Love Out Loud", das Motto der re:publica 2017, bereitet Friedenspreisträgerin und Journalistin Carolin Emcke Sorgen

8. MAI 2017   

 

Autorin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke bei der re:publica 2017 (c) Anna Goldenberg

„Wer Hass mit Hass begegnet, hat sich schon verformen lassen.“

Applaus.

„Wer angegriffen wird, soll sich nicht selbst wehren müssen.“

Applaus. „Das öffentliche Dämonisieren von Sexarbeitern ist nicht statthaft.“

Applaus.

Enthusiastisch und dankbar klatscht das Publikum der re:publica alle paar Minuten bei der Eröffnungsrede von Friedenspreisträgerin, Journalistin und Autorin Carolin Emcke. Hofft man, mit dem Lärm den Hass und die Homophobie, die Emcke anprangert, zu vergraulen? Oder freut man sich, dass die 49-jährige promovierte Philosophin ausformuliert, was man sich ohnehin auch denkt, aber nie so wortgewandt ausdrücken könnte?

Über „Love Out Loud“, das Motto der re:publica, die heute in Berlin ihren ersten Tag hat, will Emcke reflektieren, wobei der einzige Hinweis, dass man sich auf einer Konferenz über die digitale Gesellschaft und nicht bei einer Pastorenschulung befindet, im einmal von ihr benützten Wort „Filterbubble“ liegt.

Es soll um die Liebe und Empathie online und offline gehen. Das klingt dann etwa so: „Was könnte Love out Loud heißen? Kann ich das? Will ich das? Wer wäre ich, wenn ich es täte? Wer wären wir, wenn wir es sagten, und welches wir wäre gemeint?“ Und natürlich hat sie selbst Antworten. So findet sie es etwa seltsam, dass „Love out Loud“ ein Befehlssatz ist, denn Liebe lasse sich weder befehlen noch verbieten. Wer queere Menschen wie sie selbst pathologisiere, habe das nicht verstanden. Ihre Sexualität gehöre zu ihr „so unaufgeregt wie meine Rechtshändigkeit oder meine Musikalität.“ Man dürfe sich nicht verstecken, sondern solle ohne Scham seine Liebe zeigen.

Applaus.

Auch mit dem zweiten Teil des Mottos, „Out Loud“, hat sie ihre Sorgen, denn ihre Aufgabe als Journalistin sehe sie darin, Mechanismen der Ausgrenzung zu entlarven. Sie will Räume schaffen, in denen neue Allianzen geschaffen werden können. „Das geht nicht laut.“ Denn es braucht „das tastende Sprechen und Denken“ und vor allem das geduldige Zuhören. Das dürfe man nicht verlernen. „Wir müssen aufpassen, dass uns nicht der leise, ironische, ambivalente Moment des Politischen — und des Begehrens — verloren geht.“

Und überhaupt, führt sie fort, in einer offene, inklusive Gesellschaft bedarf es keiner Liebe. Im Gegenteil: Damit viele, unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander existieren können, sollte es keine zu hohen „affektiven Anforderungen“ geben. „Wir brauchen keine Liebe, sondern gleiche Rechte.“ Man brauche Respekt, oder — nach einer Kunstpause — „höfliche Gleichgültigkeit würd’s auch tun.“

Applaus.

Emcke erzählt, sie begegne vielen Menschen, die sich engagieren. Das habe sie zunächst gerührt, doch je häufiger sie einen bestimmten Satz von ihnen hörte, desto mehr begann sie zu zweifeln. „Was können wir denn tun?“ lautete dieser, für Emcke ein Ausdruck zugeschriebener Ohnmacht. In der Frage, was das eigene Engagement erreichen soll, sieht sie eine Form der Selbstentmächtigung. „Mehrheiten kann man sich erobern“, sagt sie, und klingt dabei gleichzeitig ermutigend und ein wenig oberlehrerhaft, „indem man sich vernetzt und verbindet.“

Es folgt ein Applaus.

 

Lesetipp: “Hass wird vorbereitet und geformt” (Falter 43/16) — Klaus Nüchterns E-Mail-Interview mit Carolin Emcke




ANZEIGE