BEST OF VIENNA – Tipps

Stadttheater Walfischgasse

Walfischgasse 4
1010 Wien

Web: www.stadttheater.org

BEST OF VIENNA 1/2012 (Kultur)
Wina Szene
“WINA” heißt Wien auf Hebräisch – und ist der Titel eines jungen jüdischen Magazins. Frisch, unabhängig und bunt ist das Heft – und so auch die jüdische Szene der Stadt
Erster Bezirk, zwischen Bermuda-Dreieck und Judengasse. Hier in der Seitenstettengasse befinden sich der jüdische Stadttempel, die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) und auch die Redaktion des Stadtmagazins “WINA”, benannt nach dem jüdischen Namen für Wien. Mit Chefredakteurin Julia Kaldoris “WINA” bekam die jüdische Magazinfamilie um das “Nu” oder das “Jüdische Echo” vom Falter Verlag kürzlich Nachwuchs. Im Oktober 2011 erschien die erste Ausgabe, seit Kurzem kann man die Zeitschrift auch abonnieren. Bei Morawa, Herder und in der Trafik am Hohen Markt gibt’s das Magazin um 4,90 Euro auch einzeln zu kaufen.
Nur eines von vielen Spartenmagazinen, die man höchstens im Wartezimmer zum Zeitvertreib durchblättert? Von wegen. “WINA” ist nicht nur für Juden interessant, sondern will mit ihren Themen auch jene ansprechen, die bei koscher bisher nur Bahnhof verstanden haben. Beim Blättern findet man zum Beispiel Beiträge über die ungarische Politik, einen Artikel über Frauendiskriminierung bei den Ultraorthodoxen oder einen Text über eine Fotoausstellung im Jewish Museum of New York. Das Motto lautet: Lifestyle – ja. Aber bitte mit Qualität. “Wir machen hier nämlich eine ,WINA’ und keine ,WIENERIN'”, sagt die 38-jährige Kaldori und schmunzelt.
Als Quasi-Nachfolgerin der “Gemeinde” – einer Zeitschrift, die fast 60 Jahre von der IKG herausgegeben wurde – soll “WINA” den Staub vom Bild der Kultusgemeinde wischen. Eine solche Aufgabe macht viele Freunde, aber oft auch Feinde. Als Provokation gegen orthodoxe Juden ist das Heft jedoch nicht gedacht. Das Team um Kaldori versucht, möglichst viele Meinungen unter einem Dach – oder besser Cover – zu vereinigen: “Natürlich sprechen wir Dinge an, die nicht positiv laufen, und manchmal sind unsere Geschichten absichtlich ein bisschen provokativ, um Diskussion anzuregen.” “Auffallen, ohne zu missfallen”, das ist dem Magazin bisher ganz gut gelungen. Auch aus orthodoxen Kreisen sei schon Lob zu hören gewesen.
Besonders stolz ist die Chefredakteurin auf die Rubrik “(End-) Station Wien”. Dort werden die Herkunftsgeschichten von jüdischen Menschen erzählt, die in Wien eine neue Heimat gefunden haben. Auch Kaldori stammt ursprünglich nicht aus Österreich, sondern aus Budapest. Mit 26 Jahren kam sie nach Wien, arbeitete als Grafikerin und Autorin.
So hat sie an einer Buchreihe über das jüdische Europa mitgeschrieben. Für Religion interessierte sich in ihrer Familie niemand. Erst in der sozialistischen Jugendbewegung Shomer begann sie als bewusste Jüdin zu leben. Heute schickt sie ihren Sohn in einen jüdischen Kindergarten, den es in Wien ebenso gibt wie eine jüdische Schule oder eine jüdische Universität. “Ich denke, dass Wurzeln sehr wichtig sind, um sich ein gewisses Wissen über Tradition anzueignen. Mein Sohn soll wissen, wo er hingehört.”
Beim Vergleich Wien-Budapest macht Kaldori ihrer “WINA” ein Kompliment: “Zahlenmäßig ist die Gemeinde in Budapest sicher größer, aber was Wien auszeichnet, ist die Sichtbarkeit der jüdischen Szene im Stadtleben.”
Laut Schätzungen leben etwa 20.000 Juden in Wien. Diese Gemeinde und mit ihr ihre junge Szene werden immer selbstbewusster und dadurch auch auffälliger. Lokale, Restaurants und Bäckereien erleben eine Renaissance, die nur eine Bereicherung für die Gastronomie der Stadt sein kann. Aber nicht nur kulinarisch hat die jüdische Szene einiges zu bieten: Jugendorganisationen mit den unterschiedlichsten Weltanschauungen sowie Klubs für jedes Alter haben sich in Wien etabliert.
Das Spektrum an jüdischen Veranstaltungen reicht von zahlreichen Klezmer- oder Akkordeonfestivals über ein jüdisches Filmfestival bis hin zu Stücken im stadtTheater Walfischgasse. Daniel Shaked, Gründer des Musikmagazins “The Message”, oder Schuhdesigner Kobi Levi sind nur zwei von jenen Künstlern, die zur bunten jüdischen Kultur beitragen. Die drei Molcho-Brüder Nuriel, Ilan und Elior stammen aus der wohl berühmtesten jüdischen Familie der Stadt und haben sich in der Gastronomie bereits einen Namen gemacht. Neuestes Projekt ist das Clubbing “Fuck me now and love me later” in der Säulenhalle, bei dem einmal im Monat internationale Minimal- und Techno-DJs zu Gast sind. Auch für Isrealis ist die Szene attraktiv und so kommen viele von ihnen nach Wien, um mit ihrer Kunst zum Gesamtbild beizutragen. “Oft weiß ich gar nicht, wo ich all die Veranstaltungen unterbringen soll”, sagt Kaldori und lächelt. Alt und verstaubt sind die Juden in Wien also keineswegs. Künstler, Fotografen und Designer bilden eine neue Generation, die man – genauso wie die “WINA” – im Blick behalten sollte.

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