BEST OF VIENNA – Tipps

Gebrüder Stitch

Neubaugasse 16
1070 Wien

Web: www.gebruederstitch.at

BEST OF VIENNA 1/2012 (Style)
Handarbeiten hatte bis jetzt ein ähnlich cooles Image wie Großmutters Unterwäsche: bieder und Lichtjahre von jedem Trend entfernt. Die Zeiten haben sich geändert, Alt und Jung näht, was das Zeug hält – wir zeigen, wo!
Von außen sieht der wunderschöne Laden aus, als stünde er mitten in Paris. “Madame Kury” steht in geschwungenen Lettern am Schaufenster. Die Fassade und das Entree muten nostalgisch an und warten mit Pariser Chic auf. Geht man rein, ist man in einem Nähsalon mit bestechendem Retro-Charme – und das in Wien Neubau auf der Kaiserstraße. Einst war Brigitte Kurys Salon ein Vintage-Shop, was nicht zu übersehen ist: eine Prise Shabby Chic da, romantische Deko dort. Modezeitschriften aus den 60ern stapeln sich neben Vintage-Schnitten und Unmengen gemusterter Stoffe quellen aus den Regalen. In der Mitte des Raumes stehen Tische mit Nähmaschinen darauf. Heute ist der Laden ein sogenannter Sew-Shop – ein Nähgeschäft. “Willkommen ist jeder, der sein eigenes Ding machen möchte”, sagt die blonde, zierliche Inhaberin.
Was in New York, Paris und vor allem Berlin längst ein Trend ist, trudelte in Wien mit Verspätung ein. Die Maßschneiderin und Modeillustratorin war hierzulande mit ihrer Geschäftsidee die Erste – das war vor zwei Jahren. Animiert dazu hat sie der Sweat Shop Paris von der Österreicherin und Wahl-Pariserin Sissi Holleis. Was in der französischen Metropole wie eine Bombe einschlug, kommt in Wien mehr als gut an. Denn der Do-it-yourself-Trend steigt und die Näh-Workshops sind meist Monate im Voraus ausgebucht.
Ein junges, dunkelhaariges Mädchen sitzt an einer Nähmaschine und kürzt Hosen. Sie ist hoch konzentriert und tief in ihre Arbeit versunken. Hin und wieder läuft sie zu Kury und fragt: “Passt das so?” – “Wunderbar”, sagt die nach einem kurzen Check. Begeistert setzt die Kundin ihre Näharbeiten fort. Die meisten zieht es jedoch mit Aufwendigerem hierher. Ein selbst designtes Dirndl, ein Sakko oder das Wiederfitmachen eines Vintage-Kleides stehen am Programm. Wenn Hilfe benötigt wird, steht die Expertin mit Know-how und Gespür für Mode beratend zur Verfügung.
Selbstmach-Läden sind die Antwort auf ein Bedürfnis, Dinge mit den eigenen Händen zu machen und sich durch Individualität von der Masse abzuheben. Vivienne Westwood – früher die Modemacherin des Punk – fordert Modefans mit kleinem Budget auf: “Man kann auch aus einer Tischdecke oder einem Vorhang Dinge nähen. Gebt euch nicht so viel Mühe, nach Zehn-Euro-Teilen zu suchen!” Mittlerweile gibt es eine neue Wortschöpfung für die Näherinnen: “Crafista”. Sie setzt sich aus “Craft” für Handarbeit und aus “Fashionista” für Modebegeisterte zusammen. Ganz Hollywood soll von “Crafistas” wimmeln. Individualität ist der neue Luxus.
SALONFÄHIG NÄHEN
Der Sweat Shop Paris war es auch, der den angehenden Musikwissenschaftler Andreas Punz auf das Geschäftsmodell “Nähcafé” kommen ließ. “Ein Ort, wo man sich trifft, tratscht, näht und neue Ideen entstehen”, das schwebt dem blonden 25-Jährigen in Kapuzenjacke und Jeans vor. “Selbstständiger” – dieses Berufsmodell war für Punz schon immer reizvoll. Warum also nicht Inhaber eines Nähcafés sein? Im November vergangenen Jahres war es dann so weit, sein Nähsalon Nahtlos konnte eröffnet werden. Wie beim Pariser Vorbild setzt Punz auch in Wien auf den Secondhand-Look: gebrauchte Regale, altmodisches Blumenmuster an den Wänden und Vintage-Nähmaschinen – von der Overlock bis zur Industrienähmaschine. Erstanden hat der Jungunternehmer seine Geschäftsausstattung auf der Online-Plattform www.willhaben.at. Für seine Nähmaschinen nimmt Punz eine Leihgebühr von rund sechs Euro in der Stunde, in den Semesterferien überrascht er mit lukrativen Angeboten wie “zahl, was du willst”. Bis jetzt habe er mit solchen Specials gute Erfahrungen gemacht. “Den Leuten gefällt es und sie kommen wieder”, sagt der junge Nähsalonbetreiber. Sein Ziel ist es, eine Community zu schaffen, die monatlich einen gewissen Betrag zahlt, um dann die Maschinen und Räumlichkeiten zu nutzen, wann immer sie es will.
DER TRAUM VOM PERFEKTEN SITZ
Von der “besten Idee ihres Lebens” sprechen Michael Lanner und Moriz Piffl, wenn sie erzählen, wie im Juni 2009 alles begann. Damals trafen sich die beiden Freunde im Szenelokal phil in der Gumpendorfer Straße auf einen Kaffee. Dabei ist es nicht geblieben. Zwölf Stunden später beim Würstelstand wussten die “Marketing-Fuzzis”, dass sie Jeans-Maßschneider werden möchten, und das als “Gebrüder Stitch”. “Das Industrieobjekt individualisieren und die perfekt sitzende Jeans aus organischer Baumwolle schaffen” – das schwebte Mike und Moriz vor. Als ersten Schritt trennten sie sich von Auto, Wohnung und Fixkosten. Mit ihren ersparten 10.000 Euro kauften sie Maschinen und Stoffe. “Drei Monate lang mieteten wir uns in einer Kunstgalerie ein und sechs Monate nahmen wir uns Zeit, alles über Jeans zu lernen”, erzählt der Steirer Moriz. Sie besuchten Fabriken in China und unternahmen “Industriespionage” in Italien. “Was haben die für Maschinen, wie entstehen Jeans, wie lange dauert es, eine herzustellen?” Solche Fragen galt es zu klären. “Zu Beginn hatten wir keine Ahnung, wie man Jeans näht”, sagt Moriz. Aber die beiden wussten, wie ein fettes Marketing-Programm aussieht, und das zogen sie drei Monate lang durch. Angespornt von der negativen Resonanz aus der Umgebung – “das funktioniert nie” -, veranstalteten sie Partys, Vernissagen, Diskussionen und nahmen am Wiener “festival for fashion and photography” teil. “Bei der Geschäftseröffnung bin ich das letzte Mal an einer Nähmaschine gesessen”, sagt der junge Steirer in weiter Jeans und buntem Schal. Leute, die ihnen das Nähen beigebracht hatten, stellten sie ein.
Heute produzieren sie 30 bis 50 Hosen pro Monat im Preis zwischen 250 und 500 Euro. Der Kunde kann zwischen verschiedenen Garnfarben, organischen Jeansstoffen und Waschungen wählen. Nach einer Online-Anmeldung für einen Termin wird er dreimal ins Schneideratelier im Innenhof auf der Mariahilfer Straße gebeten: Zur Erstbesprechung, zur Anprobe und schließlich zum Abholen. Zur Zeit wartet man bis zu drei Monate auf den Ersttermin. So viel gearbeitet, erzählt Moriz, habe er in seinem ganzen Leben noch nie. “Aber die Gebrüder Stitch machen Spaß und die Marke hat bereits ihr Eigenleben entwickelt”, freut sich Moriz.

BEST OF VIENNA 1/2015 (Style)
Sommersaison ist Eissaison und deswegen zieht Bortolotti wieder zurück auf die Mariahilfer Straße. Die Gebrüder Stitch müssen daher raus aus dem Winterquartier und ziehen mit ihrem Pop-up-Arschsalon permanent in die Neubaugasse.

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