Grätzelspaziergang 4: Sieben Sterne für Design

Zwischen MuseumsQuartier und Mariahilfer Straße hat sich die junge Wiener Kreativszene einen festen Platz erobert. Und natürlich kommen Essen und Trinken auch nicht zu kurz

von MAIK NOVOTNY

Die Zeiten, in denen der Spittelberg als No-go-Zone, als Quasi-Slum der Kaiserstadt galt, sind längst passé. Die schmalen Gassen hinter dem heutigen MuseumsQuartier sind zur touristischen Parade-Altstadt geworden. Doch statt wie in anderen Städten zum langweiligen Museumsdorf zu mutieren, startet das Grätzel um Spittelberg und Siebensterngasse gerade richtig durch.

Vor allem die Modeszene hat sich hier etabliert – mit höchst individuellen, kleinen Markenshops lokaler und internationaler Designer. Doch es wäre nicht Wien, wenn nicht auch Essen und Trinken ein wesentlicher Faktor der Grätzeldynamik wären. So stehen heute Mode, Design, Cafés und Beisln in fast lückenloser Abfolge nebenei-nander in den Gassen.

Der Siebensternplatz hat sich inmitten dieses Spannungsfeldes von Wandel und Tradition zu so etwas wie dem Herz, dem inoffiziellen Zentrum des unteren siebten Bezirks entwickelt. Keine schlechte Idee, hier unseren Spaziergang zu beginnen. Genau gesagt ein paar Meter oberhalb des Platzes. Dort, wo sich in Kellnerrufweite drei Cafés befinden, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Da ist zum einen das Café Nil , eine Oase der Ruhe und so etwas wie das Wohnzimmer Neubaus. Das geräumige Lokal mit Namen und Logo der bekannten Zigarettenmarke kommt mit seinen Holzstühlen in gemütlich-spartanischem Raumambiente dem Bild eines Wiener Cafés sehr nahe. Es wurde 1989 vom Ägypter Abdelhalim Hassan und seiner Frau gegründet. Seit jeher stehen Hummus, Falafel und Pita auf der Karte, was das Café Nil vor allem bei Frühstückern beliebt macht.

Café Nil (Foto: Christopher Mavric)

Café Nil (Foto: Christopher Mavric)

Orientalismus der nächsten Generation wird auf der anderen Seite der Siebensterngasse geboten: Chillen mit Shisha ist das Motto des Café Berfin . Auch hier stehen Hummus-Teller auf dem Programm und der Couscous wird in den höchsten Tönen gelobt. Während man im Inneren auf ausladenden Pölstern versinkt, trägt das Berfin nach außen zum Straßenleben bei und hilft dem Nil beim Beleben eines bisher als Durchgangsstrecke benutzten Straßenabschnitts.

Café Berfin (Foto: Christopher Mavric)

Café Berfin (Foto: Christopher Mavric)

In den äußersten Randbereichen der Begriffswelt „Café“ ist das Café Voodoo  angesiedelt. Kaffee dürfte hier selten verlangt werden, stattdessen wird in höhlenartiger Finsternis dem Zweigestirn „Bier und Rockmusik“ gehuldigt. Eine Zeitreise in die 60er und 70er Jahre, aus denen sich die Musikauswahl speist. Livemusik und Dartsspiel, Tabak und Testosteron machen das seit gut dreißig Jahren bestehende Voodoo zum gallischen Dorf, das sich der rundum grassierenden Bobofizierung widersetzt. Und genau die richtige Dosis Schutz vor Veränderung bietet, die es manchmal braucht.

Café Voodoo (Foto: Christopher Mavric)

Café Voodoo (Foto: Christopher Mavric)

Ist man aus dieser wohligen Höhle ans Tageslicht getaumelt und steht einem dann der Sinn nach frischer Kleidung, kann man gleich eine Tür weiter ins nächste Haus hineinstolpern und wird von einem aufgeweckten jungen Mann empfangen: „Hier, die neueste Kollektion: T-Shirts mit Fahrradmotiven, ökologisch zertifiziert!“, ruft der stets gutgelaunte Inhaber Michi. „Oder Regenmäntel aus St. Petersburg!“ Der Modeladen District7  trägt seinen Heimatbezirk zwar im Namen, das Angebot ist aber von lässiger Weltläufigkeit mit leicht berlinoidem Einschlag.

District7 (Foto: Christopher Mavric)

District7 (Foto: Christopher Mavric)

Nach diesem Auftakt überqueren wir den wohlproportionierten Siebensternplatz mit seiner Mischung aus Quirligkeit und urbaner Wohnzimmeratmosphäre und folgen dem 49er die Siebensterngasse hinab. Rechter Hand fungiert La Maison d’Elisa  sozusagen als französische Botschaft. Der Botschafter heißt Sylvain Barry und wohnt seit zwanzig Jahren in Wien, in Südfrankreich hat er ein Haus. „Fast alle Produkte werden in Frankreich produziert“, sagt er stolz. Wohndeko im Landhausstil – von der Kommode bis zum Vogelkäfig durchgehend in gedeckten Weißtönen. Vor dem geistigen Auge sieht man die fabelhafte Amélie im Blümchenkleid über die Wiese springen. Die Namensgeberin des Geschäfts gibt es übrigens wirklich: „Elisa ist meine älteste Tochter“, sagt Barry.

Ans andere globale Ende lockt nach der Kreuzung mit der Stiftgasse die von außen klein und von innen erstaunlich groß wirkende Casa Mexiko . Alle Vorurteile gegen die mexikanische Küche (Bohnenmatsch in lätscherten Fladen) werden hier umgehend widerlegt. Sofort möchte man all die interessanten Saucen und Salsas probieren, auch die lebensgefährlich scharfen. Man greift zu Mangopulp, Jalapeno-Chips und Dulce de Leche und bewundert das meterlange Rum-Regal. Mexiko ist eben mehr als nur Tequila. Den es hier natürlich auch gibt.

Die Kernkompetenz des siebten Bezirks, sprich frisches Design, findet man gleich um die Ecke. Die Werkbank  am oberen Ende der Breite Gasse bietet Produkte von rund 25 jungen Labels: Möbel, Wohnaccessoires, Taschen und Schmuck. Die namensgebende Werkbank selbst gibt es auch: Sie dient als Verkaufstisch für Eigentümerin Katharina Sobotka, die ihr Geschäft aus der väterlichen Möbelmanufaktur entstehen ließ. „Der Laden ist dem Handwerk treu geblieben. Bei allen Produkten hier spürt man die Freude am Machen“, ist sie überzeugt.

Die Breite Gasse führt uns zur Burggasse. Als Eingangstor zu den Gassen des Spittelbergs sind vor allem in der unteren Burggasse die schmalen Gehsteige dicht be-völkert. Und die Erdgeschoße vor allem der Gastronomie gewidmet. Das Thema Möbel bleibt uns trotzdem erhalten, und zwar im reinsten Wortsinne: Das Möbel  verbindet Sitzen und Speisen auf vorbildliche Weise. Die stets wechselnden, stets interessanten Bänke, Sessel und Hocker lassen sich auf Bequemlichkeit testen, während man an der Melange nippt oder sich das üppige Frühstück auf den Designertisch stellen lässt. 1998 gegründet, wurde aufgrund des großen Erfolges 2006 der Möbelverkauf in das Geschäft im sechsten Bezirk ausgegliedert. Das Café dient seither als Showroom und zur kulinarischen Stärkung für den kurzen Fußmarsch zum Möbelerwerb in der Filiale.

Das Möbel (Foto: Christopher Mavric)

Das Möbel (Foto: Christopher Mavric)

So sehr der Name „Das Möbel“ den Inhalt wiedergibt, so sehr täuscht die Aufschrift Alte Bäckerei  ein Stück weiter die Burggasse hinauf. Die Backstube ist längst geschlossen. Stattdessen hat sich hier vor Jahren ein sympathisches Pub eingenistet. Es bietet sowohl eine reichliche Auswahl an Bieren als auch eine gut ausgestattete Bar, die immer wieder mit überraschenden Cocktail-Neukreationen aufwartet.

Alte Bäckerei (Foto: Christopher Mavric)

Alte Bäckerei (Foto: Christopher Mavric)

Eine Bäckerei, die so heißt und tatsächlich auch eine ist, findet sich direkt gegenüber: 2014 ist die Easy-going Bakery  zum Beweis angetreten, dass vegane, glutenfreie und laktosefreie Lebensmittel ziemlich gut schmecken können. Die Cupcakes, Muffins und Cake-Pops türmen sich frisch und farbenfroh in der Auslage, das Sortiment wechselt regelmäßig. Und wer besondere Vorlieben oder Unverträglichkeiten hat, kann individuelle Sonderzubereitungen bestellen. Nicht zuletzt wird zum Gebäck ein hervorragender Kaffee serviert.

Wir sind am Ulrichsplatz angelangt, der in den letzten Jahren aus dem Dornröschenschlaf erwacht ist. So perfekt eignet sich dieser idyllische Platz zum Draußensitzen, dass man sich fragt, warum die Gastronomie ihn erst jetzt entdeckt hat. Die Gastronomie, das ist zum Beispiel das Burggasse 24 , das bunte Sessel und Tische auf dem altehrwürdigen Pflaster verteilt hat. Das Café teilt sich die hohen, fast salonartigen Räume mit edlen Secondhand-Textilien. Weit entfernt von der stickigen Altkleiderschrank-Atmosphäre mancher Vintage-Boutiquen sind die Kleider hier fein säuberlich nach Farben sortiert. „Wir suchen gezielt nach Designer-Einzelstücken“, erklärt Mitinhaber Michael Pascher. „Viele Kunden wollen gar nicht glauben, dass die Sachen secondhand sind.“ Modebloggerinnen, Designer und selbst die „New York Times“ haben sich schon vor Ort davon überzeugt.

Burggasse 24 (Foto: Christopher Mavric)

Burggasse 24 (Foto: Christopher Mavric)

Ebenso bunt geht es gegenüber bei Bloempje  zu: Der fröhlich benannte Laden kümmert sich um die Ausstattung der Kleinen. Hier gibt es Designermode für Kinder bis zwölf Jahre und praktischerweise gleich auch für deren Mütter. Fair und zertifiziert und in Farbwelten jenseits von Blau-Rosa. Ergänzt wird das Sortiment durch ausgewählte Kinderbücher.

Junge Menschen, die dem Kindesalter entwachsen und in die rebellische Phase eingetreten sind, müssen die Burggasse nur noch ein Stück weitergehen. Das Uppers & Downers  holt ein lautes und freches Stück London nach Wien: Mode, Bücher und Accessoires, frech, direkt und plakativ. Beim Spittelberg-Weihnachtsmarkt ein Strickpulli-Sortiment namens „Ugly Christmas Jumpers“ anzubieten, darf man schon fast als subversiv bezeichnen. Wer daran zweifelt, dürfte seine Meinung spätestens angesichts der Bomberjacken mit der Aufschrift „Pussy Power“ überdenken.

Uppers & Downers (Foto: Christopher Mavric)

Uppers & Downers (Foto: Christopher Mavric)

Bilderbox (Foto: Christopher Mavric)

Bilderbox (Foto: Christopher Mavric)

Wir biegen in die Kirchengasse ein. Sie hat sich in den letzten Jahren zur fast lückenlosen Reihe ideenreicher kleiner Shops entwickelt. Zum Beispiel die Bilderbox , ein Comicshop. Und weit mehr als das, schließlich sind Comics längst als „neunte Kunst“ anerkannt. Hochwertige, liebevoll und kenntnisreich ausgewählte Graphic Novels stehen neben franko-belgischen Klassikern, und natürlich gibt es auch Kindercomics. Für die, die selbst aktiv werden wollen, liegt Graffitizubehör wie Spraydosen oder Schutzmasken bereit. Direkt daneben findet man im allumfassend betitelten Le Shop  Geschenke und Mitbringsel aller Art, vom Origami-Lampenschirm bis zum Coffee-To-Go-Becher, von der Porzellantasse bis zur Handtasche. Alles Designerware aus fairer Herstellung. Für Grafikerin Heidi Stadler-Wolffersgrün ist der Raum Shop und Büro zugleich. „Mein Puppenhaus“, sagt sie lachend. „Ich wähle einfach Sachen, die mir gefallen und die natürlich nachhaltig sind.“ Den siebten Bezirk hat sie sich gezielt ausgesucht, schließlich frequentieren dieses Grätzel immer mehr designaffine Touristen aus dem MuseumsQuartier.

Le Shop (Foto: Christopher Mavric)

Le Shop (Foto: Christopher Mavric)

Wir queren abermals den Siebensternplatz und stehen vor einem Doppelangebot für Schuhbekleidung. Da ist zum einen ein Geschäft für Damenschuhe namens – genau! – Schuhe für Frauen . „Als ich mich vor zehn Jahren selbstständig machte, habe ich eine Marktlücke bei bequemen und gleichzeitig schönen Schuhen geortet“, erklärt die branchenerfahrene Gertraud Buxhofer das Konzept. „Also genau das, was alle Frauen brauchen und lieben!“ Daneben wartet die Zapateria  mit Schuhen für Kunden beiderlei Geschlechts. Hier gibt es Sneakers aller Art und Marken, dazu noch ein ebenbürtiges Angebot an T-Shirts.

Schuhe für Frauen (Foto: Christopher Mavric)

Schuhe für Frauen (Foto: Christopher Mavric)


Zapateria (Foto: Christopher Mavric)

Zapateria (Foto: Christopher Mavric)

Es geht auf die Mariahilfer Straße zu und beiderseits der Kirchengasse steigt – zumindest im Sommer – die Dichte an Schanigärten. Das Le Troquet  lohnt außen wie innen den Besuch. Lustig und laut geht es hier zu, dank französischer Sinnesfreuden von Flammkuchen bis Gauloises. Ganz auf Pariser Art wird hier dem Genuss ebenso gehuldigt wie dem Gespräch und dem Getränk – ganz ohne Chichi. Plant man einen längeren Ausgehabend, kann es nicht schaden, wenn man sich vorher frisurtechnisch aufbrezeln lässt. Zum Beispiel nebenan im Headquarter von minusplus . Ehemals unter dem Namen less is more etabliert, beherbergt es auch die Wiener Friseurschule. Die Einrichtung ist spartanisch, die Haarschnitte sind alles, was man sich wünschen kann.

Eine minusplus-Filiale befindet sich ebenfalls in der Lindengasse – und zwar gleich neben dem AFA Offspace  der Austrian Fashion Association. Dieser von Camille Boyer und Marlene Agreiter gegründete Verein macht es sich zur Aufgabe, die Speerspitze des österreichischen Modedesigns zu unterstützen. Der Offspace dient dabei zur öffentlichen Präsentation dieser wichtigen Basisarbeit, von der Modenschau bis zum Pop-up-Store und der interdisziplinären Kunstperformance.

Die Lindengasse führt uns weiter ins Reich der Mode: Die ganz Kleinen werden im Babyzeit-Shop  ideal versorgt. Hier gibt es hundert Prozent organische Baum- und Merinowolle, Spielsachen, Schuhe und Wolldecken. Ebenfalls auf ökologischen Chic setzt die Designerin Martina Meixner, die seit 2008 das Label maronski führt: farbsatte und unkomplizierte Mode für Frauen. Der Name, so Meixner, kommt von den karibischen Maroons, einem selbstbewusstes Matriarchat. In der Stiftgasse hat die Designerin den Lieblingsplatz  eröffnet, ein Outlet mit maronski-Stücken vergangener Kollektionen sowie Einzelstücken und Restposten. Das Stammgeschäft ist in der nahen Neubaugasse.

Jeder Spaziergang durch die Lindengasse führt fast zwangsläufig irgendwann zur Kreuzung Zollergasse, tagsüber wie abends eine hochkonzentrierte Ausgehmeile. Einer der Hotspots ist das Ecklokal Sapa . Es kombiniert leichte, frische vietnamesische Küche mit Frühstücksklassikern und flüssigem Beislzubehör und ist so zum multifunktionalen Treffpunkt für alle Tageszeiten geworden. Ein idealer Ort, um den Spaziergang ausklingen zu lassen. Und sich für die nächste Runde zu stärken.


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