Grätzelspaziergang 3: Mode, Matcha und Metall

Die Neubaugasse und Umgebung sind urbaner Anziehungspunkt für Kreative aller Sparten und Generationen. Ob Macher oder Träumer, Handwerker oder Visionäre — dieses Stück Wien schlägt, dem Zeitgeist folgend, Brücken zwischen gestern und morgen

von HANNAH SCHIFKO

Angelika Fuchs steht hinter der gläsernen Vitrine mit Rumpastillen, Likörmarillen und Himbeerzuckerln und legt ein kleines Päckchen auf eine uralte Waage. Ein Kunde hat eine der Spezialitäten bei Bonbons Dürnberger in der Neubaugasse geordert: den Erdnussbruch, der seit Generationen nach Familientradition in der Fabrik in Meidling hergestellt wird. „Eigentlich kennt das niemand mehr“, klagt Fuchs, die hier seit acht Jahren inmitten minzgrüner Holzregale und Blümchentapeten Zuckerl verkauft. Die typische Wiener Schokolade mit Erdnüssen hieß lange Zeit „Negerbrot“. Bis sie aus nachvollziehbaren Gründen umbenannt wurde.

Die Zeiten ändern sich, oder präziser: sie vermischen sich. Besonders im Siebten. Flat White koexistiert hier neben Wiener Melange, Erdnussbruch neben veganen Brownies. Heute gesellt sich im Grätzel rund um Neubaugasse und Siebensterngasse ein durchgestylter Barbershop zum traditionsreichen Schaumstoffgeschäft, dänische Kindermode vermischt sich mit zeitlosen Filzhüten und klassische Rasierhobel sind wenige Minuten von den neuen Nike Air Force 1 entfernt. Grün ist Neubau nur politisch. Gärten befinden sich gut versteckt in den privaten Innenhöfen. Betongrau ist es hier trotzdem nicht. Die Gegend hat sich zu einem dynamischen Durcheinander entwickelt. Das Bonbons Dürnberger  und dessen aufwendig dekoriertes Schaufenster ist einer der vielen Beweise dafür. Schokolade als Schmier-mittel zwischen den Generationen. In dem kleinen Geschäft gibt es fast alles – Krachmandeln, süße Meeresfrüchte und heimische Marken wie Chocolatier Wenschitz aus Oberösterreich. „Die Jungen kaufen aber nur Zotter“, weiß Angelika Fuchs.

Bonbons Dürnberger (Foto: Christopher Mavric)

Bonbons Dürnberger (Foto: Christopher Mavric)

Um die nächste Ecke lauert der Ozelot . In dem hellen Taschengeschäft verkauft Günther Schöffmann gemeinsam mit seiner Frau Daniela Kopeinig seit zehn Jahren elegante Designerlederwaren. Ein – für Wiener Verhältnisse – untypisches Geschäft. Während an vielen Orten der Stadt hauptsächlich gängige Marken für Normalverbraucher feilgeboten werden, hat die Adresse in der Lindengasse eine gute Auswahl an individuellen und leistbaren Taschen. Etwa die „36HRS“, eine Tote Bag der holländischen Designerin Ellen Truijen – also eine multifunktionale Schultertasche, die genügend Platz für U-Bahn-Lektüre, Jause und Regenjacke bietet. Sie ist zudem aus robustem Rindsleder, das mit jedem Jahr schöner wird. Wem das nicht gefällt, der kauft sich eine vegane Retrodesign-Tasche der kanadischen Marke Matt & Nat oder wählt ein klassisches Modell von Bree. Kopeinig hilft bei der Entscheidungsfindung und schickt sogar SMS, wenn das Wunschprodukt eintrifft. Und sie stellt auch selbst Lederwaren unter dem Label „clara et pascale“ her. Fun fact: Ihren Beuteln und Börsen gibt sie die Namen ihrer Lieblingsserienfiguren.

Ozelot (Foto: Christopher Mavric)

Ozelot (Foto: Christopher Mavric)

Gleich ums Eck von Ozelot befindet sich das Generationen verbindende Wohnzimmer des siebten Bezirks – das Ramsch & Rosen . Die Besitzer betreiben mehrere Antiquitätengeschäfte in Wien. Im Trödelladen in der Neubaugasse landet der Rest. Zum Beispiel ein Paar silberne Glitzerhandschuhe, das sich für einen David-Bowie-Memorial-Day eignet. Oder eine volle Schachtel mit Austria-Tabak-Zigaretten aus dem Jahr 1971. Das Ramsch & Rosen ist wie die schwerhörige Nachbarin. Voll mit Erinnerungen, gelassen genug, um dich in Ruhe stöbern zu lassen, und so sympathisch, dass man gerne für einen Tratsch verweilt. Zugegeben, Großeinkäufe erledigt man woanders. Das vollgeräumte Schlauchgeschäft ist vielmehr Treffpunkt für Flaneure, Nostalgiker und Leute aus dem Bezirk. Auch für die Dame des Restaurants Spear nebenan, die jeden Tag Stapel mit alten Zeitungen vorbeibringt, die der Verpackung dienlich sind.

Ramsch & Rosen (Foto: Christopher Mavric)

Ramsch & Rosen (Foto: Christopher Mavric)

Oder für Roland Längle , der ein paar Häuser weiter seit zwanzig Jahren mit größter Sorgfalt Brillen verkauft. In seinem Geschäft mit dem grün gestrichenen Schaufenster führt er schöne, aber nicht ganz billige Brillenmarken. Wie das britische Label Cutler & Gross oder den österreichischen Hersteller Silhouette. Gleich gegenüber residiert seit Kurzem das Zürcher Brillenlabel Viu . Junge Optiker präsentieren mit charmanter Schweizer Sprachfärbung die vielen Vorzüge (unzerstörbar! leicht! bio!) von Modellen mit klingenden Namen wie „The Cat“ oder „The Beauty“. Das Design der Sehbehelfe erinnert an die 60er Jahre, die Fassungen werden aus hochwertigem Baumwollacetat gefertigt und kosten rund 150 Euro. Das Geschäft mit beeindruckendem Lichtkonzept und Clean-Desk-Mentalität ist der neuzeitliche Kontrast zum alteingesessenen Optiker. Die zwei Läden unterscheiden sich aber nicht nur visuell voneinander. Das Schweizer Label bietet keinen Sehtest an. „Wir wollen aber ständig besser werden“, heißt es bei Viu diensteifrig.

Ein Stockwerk über Viu hat das Modelabel We Bandits eine zweite Dependance neben jener im sechsten Bezirk eröffnet. Die neue Filiale heißt We Bandits got Soul  und bietet ausgewählte Damenmode von fast hundert koreanischen Labels. Was kürzlich noch ein Pop-up-Store auf Designmärkten war, residiert jetzt in prominenter Lage unweit des Traditionsunternehmens Mühlbauer . Das versorgt neben dem ersten Bezirk seit eineinhalb Jahren auch die Bewohner Neubaus mit handgemachten Kopfbedeckungen aus Spagat oder Filz. Die edle Holzfassade des Vorgängergeschäfts ist wie für Mühlbauer gemacht. Zu kaufen gibt es neben üblichen Modellen auch den leichten Panamahut für den Sommer oder einen aparten Fascinator für das Abendevent. Seit 1903 gibt es Mühlbauer schon.

Mühlbauer (Foto: Christopher Mavric)

Mühlbauer (Foto: Christopher Mavric)

Nur um wenige Jahre jünger ist die vis-à-vis der Hutmanufaktur gelegene Papeterie Mastnak . Das Fachgeschäft für Papier und Bürozubehör ist solide Anlaufstelle für unruhige urbane Herzen, die sich bei Do-It-Yourself-Projekten wieder mal so richtig spüren wollen.

Lässt man diesen besonders schicken Teil Neubaus hinter sich, erreicht man den Ort, an dem der 49er die Neubaugasse S-förmig quert, um später in Westbahnstraße oder Siebensterngasse abzubiegen. An der Semi-Kreuzung riecht es nach Kaffee und Räucherstäbchen, Männer mit Birkenstocksandalen an den Füßen begutachten bei Schwerdtner   die neuesten Schlapfenmodelle. Daneben verkauft Gabriele Budweiser seit mehreren Jahrzehnten Kleidung für die Extremitäten weiter oben. In ihrem winzigen Geschäft Handschuh am Neubau  gibt es 150 Schachteln mit Braut-, Baumwollgarn-, Leder-, Catering- und Wollhandschuhen. Außerdem: Schirme, Hosenträger für die Herrenwelt und jede Menge Socken und Strümpfe. „Ich bin ein Non-Label-Typ“, sagt Budweiser. Wie ihrer Mutter, die den Laden bis vor Kurzem führte, sind Budweiser hochwertige Verarbeitung, natürliche Materialien und Kulanz wichtiger. Bei ihr kann man auch noch Monate nach dem Kauf umtauschen.

Während Handschuhspezialisten eine Seltenheit geworden sind, ist die Dichte an Metallern im Gebiet so hoch wie nirgendwo sonst in Wien. In der Burggasse findet sich die Metallhandlung Petzolt , die seit knapp 200 Jahren existiert und auch wirkt wie aus einer längst vergangenen Zeit. In der Siebensterngasse offeriert die Familie Lorenzi  seit 1835 scharfe Dinge aus Stahl. Dass es die veritable Institution noch gibt, ist Zufall. Denn nach 1945 übernahm Großmutter Lorenzi notgedrungen das Geschäft, später führte es ihre Tochter Elvira – ursprünglich Opernsängerin – weiter. Seit elf Jahren leitet Sohn Andreas den Betrieb und ist meist in der Schleifwerkstatt im 3. Bezirk anzutreffen. Währenddessen steht Frau Lorenzi-Spaar in dem winzigen Shop und verkauft europäische wie auch japanische Messer, französische Opinel (diese legendären Klappmesser mit Holzgriff) und zu guter Letzt sogar Schwerter.

Petzolt (Foto: Christopher Mavric)

Petzolt (Foto: Christopher Mavric)

Auf der anderen Straßenseite betreibt Jakub Arnold gemeinsam mit der Sneakerboutique Paar das Arnold's  und verhilft dem Wiener seit sechs Jahren zu stilsicheren Outfits. Seit Oktober wird sein Style durch den ersten österreichischen Store für Red Wing Shoes in der Lerchenfelder Straße 65 ergänzt. Die unverwüstlichen Stiefel wurden einst für amerikanische Bergarbeiter gefertigt. Heute trägt sie auch der bodenständige Städter. Das Paar ist ein Shop im Shop, es gibt dort lässige Sneakers, Espandrilles oder Toms.

Arnold's (Foto: Christopher Mavric)

Arnold’s (Foto: Christopher Mavric)

Aber niemand kann nur von Mode und Metall leben. Weil der ausgehungerte Stadtmensch weiß, dass vietnamesisches Essen der neue Burger ist, spaziert er zu Happy Vietnam . Hier betreibt das Ehepaar Hung und Lien Huynhthuy eine für das Viertel atypische Box von Imbisslokal mit vietnamesischem Streetfood. Gerade im Sommer kann man auf wenigen Tischen vor der Tür Reisnudelsuppe mit Hühnerfleisch und Gemüse (Pho) oder Hühnersuppe mit Surimi, Ei und Gemüse verzehren. Wem das noch nicht Dolce Vita genug ist, dem sei das unweit gelegene La Pausa   empfohlen. Die Betreiber backen erstklassige Pizza von bisweilen einem Meter Durchmesser. Die kleinere Variante à la Pizzaschnitte mit Tomaten, Parmesan und frischem Rucola um 2,60 Euro schmeckt genauso gut. Noch mehr italienischen Lifestyle abseits von Teigwaren gibt es bei der benachbarten Schneiderei  . Dort kürzt Luigi Zucchino jeden Hosensaum binnen zwanzig Minuten. Andernfalls ist die nächste Änderung gratis. Kommuniziert wird hauptsächlich auf Italienisch oder via Google Translate, repariert und genäht wird praktisch alles. Die Wartezeit lässt sich im gegenüberliegenden Kindermodengeschäft Dotkind  sinnvoll nutzen. Hier schnappt man sich ein skandinavisches Mitbringsel für frisch gebackene Eltern aus dem Freundeskreis, hier findet man hübsche, aber vor allem auch wetterfeste Kleidung für die Kleinen und Kleinsten.

La Pausa (Foto: Christopher Mavric)

La Pausa (Foto: Christopher Mavric)

Weiter durch die Neubaugasse bis zum Brother’s Barbershop . Ein Brüderpaar aus Russland hatte die Zeichen der Zeit erkannt und eröffnete vor rund eineinhalb Jahren den ersten traditionellen Barbier Wiens. Seitdem ist der schicke Laden offenbar voll – nur mit Männern selbstverständlich. Gemischteres Publikum trifft sich einen Steinwurf entfernt beim besten Pistazieneis der Stadt. Philipp Blihall und Luciano Raimondi hatten vor zwei Jahren das richtige Gespür für Eis aus Matcha oder Veilchen und verhalfen mit ihrem Schelato  der damals noch etwas öden Lerchenfelder Straße, wo der Siebte auf den Achten trifft, zu mehr Leben. Seit damals hat sich einiges getan.

Brother's Barbershop (Foto: Christopher Mavric)

Brother’s Barbershop (Foto: Christopher Mavric)

Bereits zwei Blocks weiter Richtung Innenstadt verkaufen Petra Frisch und ihr Partner Sebastian Slavicek seit Ende letzten Jahres hochwertigen Fisch aus Italien, Piran und den Kalkalpen. Das unaufgeregt eingerichtete Goldfisch  konzentriert sich auf das Wesentliche: gute Ware, dazu eine kleine Karte und ausgewählte Weine. Miesmuscheln à la Crème mit Goldfisch Pommes (€ 12,80) verzehrt man hier inmitten einer offenen Küche und der Fischvitrine – der Hingucker des Lokals. Da kann es auch mal passieren, dass man in der Mittagspause die Fischlieferung live miterlebt. Gleich neben dem Goldfisch lockt umgehend Nachtisch in Form sizilianischer Süßigkeiten in der Barbarella-Bäckerei . Freunde des Veganismus gehen aber idealerweise zur Gelateria Veganista  in die parallel gelegene Neustiftgasse. Dort hat das Mohneis seinen Preis. Dafür schmeckt es, als wäre die zarte Füllung eines Mohnstrudels direkt in die Eismaschine gepurzelt und gefroren. Traditionelles Handwerk, junges Design und ein bisschen Italien: Das macht dieses Stück Wien aus.

Veganista (Foto: Christopher Mavric)

Veganista (Foto: Christopher Mavric)

Lebenslust versprüht der Sankt-Ulrichs-Platz, die Beautyqueen des Grätzels. In dem kopfsteingepflasterten Stadtbiotop zwischen Neustift- und Burggasse genießen Young Professionals an lauen Abenden im Bistro Erich  den Afterwork bei Tacos und einigen Gin Tonic. Der große Bruder Ulrich , einmal umfallen entfernt, kocht aufwendigere Gerichte wie Wildschweinschnitzel mit Kürbiskernpanade und Erdäpfel-Vogerlsalat. Beide Lokale sind gute Orte, um ein wenig zu entspannen. Mit frischer Energie geht es über den Siebensternplatz und weiter in die Mondscheingasse. Dort töpfert Barbara Wihann in ihrer Kunstwerkerei  schlichte Vasen, Becher und Schalen und verkauft diese zu moderaten Preisen – ein blau-grauer Espressobecher kostet gerade einmal 16,90 Euro. So ein schönes Stück Ton schadet keinem Interieur.

Kunstwerkerei (Foto: Christopher Mavric)

Kunstwerkerei (Foto: Christopher Mavric)

Die Mondscheingasse und Zollergasse stehen prototypisch für das Lebensgefühl der Umgebung: ein inspirierendes Quartier mit Beständigkeit, in dem immer was geht und man trotzdem zur Ruhe kommen kann. Der Siebte erwartet nichts von seinen Bewohnern und Besuchern. Er lässt sie sie selbst sein. Zum Beispiel bei Wihanns Nachbarn Naturkost St. Josef , Reformhaus und Mittagstisch-Hangout in einem. Ferner im großartigen Europa , das nicht nur für spontane Barbegegnungen gut ist, sondern auch um vier Uhr morgens noch hungrige Partymäuler stopft. Zuletzt auch im Kaffemik  am Ende der Zollergasse. Die Kaffeebar im skandinavischen Look ist nichts für gestresste Großstädter auf dem Weg in prekäre Berufe. Hier arbeiten Millennials konzentriert am MacBook, hier lesen Touristen gelassen den „Guardian“ und schlürfen stundenlang an einem Flat White. Und hier dauert es schon einmal zwanzig Minuten, bis die sympathische Barista den wirklich guten Bildiimoo-Filterkaffee ohne Milch, die eine Sünde wäre, in der Glaskaraffe serviert. Aber das macht nichts. Im Siebten hat man noch Zeit.