Tatort Hotel Nesterval: Wer war der Mörder?

Auf der Suche nach einem Abenteuer? Wir hätten da einen Vorschlag

von Magdalena Hiller | aus BEST OF VIENNA 2/2017

Foto: Alexandra Thompson

Jetzt ist schon wieder was passiert. Zwei Tote und viele Rätsel. In einem Hotel am Gellertplatz in Wien-Favoriten. Noch nie von diesem Ort gehört zu haben, ist übrigens keine Schande. Denn hierbei handelt es sich nicht um einen neuen Hipster-Hotspot in der Peripherie. Vielmehr eigentlich um ein leerstehendes ehemaliges Seniorenheim der Caritas. Bis Ende Dezember wird dieser Ort vom Brut Wien und dem Kollektiv Nesterval ins „Hotel Nesterval“ verwandelt, in dem die rätselhafte Geschichte rund um zwei tote Hotelangestellte ihrer Aufklärung harrt. Bei „Dirty Faust“ muss das Rätsel um die zwei Toten jedoch nicht von einem schlecht gelaunten Ermittler gelöst werden, sondern vom geneigten Publikum selbst, das sich frei durch die in wochenlanger Arbeit umgestalteten Räume bewegen kann.

„Immersives Theater“ wird diese Art der darstellenden Künste gerne genannt – ein Begriff, der genauso schwammig wie neu ist. Aufsehen mit ihren wasserdichten, begehbaren fiktionalen Szenarien erregten zuletzt etwa SIGNA mit „Us Dogs“, einem Wohnheim für „Transhunde“ bei den Wiener Festwochen, und Tomas Bo Nilsson mit „Cellar Door“ und „Jinxxx“ im Schauspielhaus Wien. Anders als bei den geschätzten Kollegen geht es bei Nesterval jedoch nicht um die Erschaffung einer perfekten, in sich geschlossenen Welt, sondern um das kollektive Erleben eines Abenteuers, an dem die Darsteller mindestens genauso viel Spaß haben wie das Publikum.

Derlei Abenteuer veranstalten Nesterval schon seit dem Jahre 2011, mittlerweile gestaltete die große Nesterval-Familie schon mehr als 40 Abenteuer. So wurde im Prater gemeinsam nach dem verschollenen Clown Peppino gesucht, in einer verlassenen Erbsenfabrik in Bruck an der Leitha wurden Grimm’schen Figuren ihre Geheimnisse entlockt und für den Steirischen Herbst verwandelte man gleich einen ganzen Ort in die Kulisse einer dreistündigen Verfolgungsjagd.

Was einst als Privatvergnügen im Freundeskreis begann, zieht mittlerweile größere Kreise und ist für das Kernteam zu einem Fulltime-Job avanciert. So plante das in der Nesterval-Welt unter Synonymen agierende Gründungsteam, bestehend aus Herrn Finnland, Frau Loefberg und Herrn Walanka, zuletzt für Wien Tourismus ein Abenteuer, das den Spirit Wiens bis nach London, Bukarest und Rom trug. In jeder Stadt wurden Details der Geschichte um ein besonderes verschollenes Buch an die Gegebenheiten vor Ort angepasst, nur ein Detail war nicht diskutierbar: die intensive finale Liebesszene zwischen den zwei weiblichen Hauptfiguren. Auch Stationentheater ist eben immer politisch und das Nesterval’sche Universum ist seit Anbeginn an ein queeres, das leichtfüßig mit Rollenbildern bricht. Bei der neuen Arbeit „Dirty Faust“ wird dies vielleicht sogar etwas offensichtlicher sein als jemals zuvor. „Dirty Faust“ basiert nämlich, nomen est omen, lose auf einer wilden Mischung aus dem „Faust“ und 80er-Jahre-Tanzfilmen à la „Dirty Dancing“. Und die Frauen im Nesterval-Universum sind eben weder Gretchens noch Babys.


Extrablatt!!!

Wir waren für Euch am Tatort in Wien-Favoriten und haben erste Spuren zum neuesten Fall aus dem Hause Nesterval

Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit kam es mitten in Wien zu einem mysteriösen Vorfall an einem eigentlich unscheinbaren Ort. Nur einer kleinen Schar von eingeweihten Anhängern war Nesterval, ein Hotel in der Nähe des Reumannplatzes, bisher bekannt. Nun könnte sich dies aber unter tragischen Umständen ändern.

Mathilde M. und Valentin M. wurden im Hotel Nesterval tot aufgefunden. (Auf Grund der laufenden Ermittlungen dürfen die Namen nicht bekannt gegeben werden, die Opfer scheinen aber Mutter und Sohn gewesen zu sein.) Die Umstände waren zunächst unklar, es dürfte sich aber zumindest in einem der beiden Fälle um ein Verbrechen handeln. Auch wenn forensische Berichte noch fehlen, könnten selbst Laien durch die Verletzungen im Rückenbereich eines der Opfer wohl darauf schließen. Trotz ausgiebiger Recherche liegen uns zum jetzigen Zeitpunkt keine näheren Informationen zu allen involvierten Personen oder möglichen Verdächtigen vor. Durch einen Lokalaugenschein mit teilweise sehr sonderbaren Gesprächen mit Personen vor Ort versuchten wir etwas Licht in die Sache zu bringen.

In dem Hotel befanden sich zwar zahlreiche Gäste, aber falls es Augenzeugen der Tat gegeben hat, schweigen diese bisher noch. Klar ist: Als die Toten entdeckt wurden, waren die meisten Anwesenden in der zum Hotel gehörenden Kirche St. Josef, um den großen Saisonabschluss zu feiern. Musik und Tanz(unterricht) spielen in dem Ferienresort eine große Rolle, und um den Gästen die Möglichkeit zu geben, das Erlernte zu präsentieren, können sie gemeinsam mit dem Personal dieses Abschlussfest gestalten. Die Feierlichkeiten wurden nun natürlich unterbrochen, aber die Hotelleitung versicherte uns, dass man den Betrieb aufrechterhält und zu einem späteren Zeitpunkt das große Finale hoffentlich doch noch feiern kann. Das Geschehen wird man aber wohl nicht mehr ungeschehen machen können. Oder?

Es scheint nicht unmöglich, eine Mutmaßung, die wir nur schwer erklären können, aber die unsterblichen Worte der Eagles kommen einem in den Sinn:

„Last thing I remember, I was running for the door
I had to find the passage back to the place I was before
,Relax‘ said the night man,
,We are programmed to receive.
You can check out any time you like,
But you can never leave!‘“


Hotel Nesterval Wien

Haus

Laut Werbebroschüre ist das Hotel Nesterval ein Ferienresort, das Erholung und Freizeitspaß verspricht. Die Gäste können beim Perücken-Rücken (?) mitmachen, Drinks an der Bar einnehmen, eine Tanzstunde buchen oder einfach nur die Atmosphäre genießen. – Nesterval ist ihr Spielplatz. Laut Aussage eines Angestellten ist das Hotel „der Himmel auf Erden“. Ein anderer meinte allerdings, es sei „ein Höllenloch“. In jedem Fall scheint es passend, dass sich das Hotel mitten in Favoriten in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Klosters bzw. Kindergartens befindet. Das Areal, das sich von den Personalzimmern im Keller über drei Stockwerke bis zur Bar erstreckt, darf unter den gegebenen Umständen nicht alleine erkundet werden.

Der Hoteldirektor

Josef Nesterval, ein bärtiger Mann von kräftiger Statur, scheint trotz der Vorfälle zuversichtlich. Sein unerschütterlicher Glaube steht aber in einem offensichtlichen Gegensatz zu den Dramen, die sich unter seiner Leitung abspielen. Der Mann ist schwer zu fassen.

„Ich bin natürlich betrübt über diese Vorfälle. Ich kann Ihnen aber versichern, die Lage ist unter meiner Kontrolle. Manchmal geht das Schicksal eben etwas verworren scheinende Wege. Aber das Hotel Nesterval bleibt geöffnet und alle sind willkommen – gerufen oder ungerufen! Wer seinen Weg sucht, soll ihn bei uns finden. Wenn sich alle an die Gebote halten, dann wird auch nichts geschehen. Es tut mir leid, ich muss weg und mich schon wieder um etwas kümmern.“

Die Tanzlehrer

Es gibt eine kleine Gruppe von TanzlehrerInnen, die sich auf Standardtänze bzw. den bei uns eher unbekannten Merengue spezialisiert haben. Sie geben sowohl Gruppenstunden als auch Einzelunterricht. Da die TanzlehrerInnen zu keiner Stellungnahme bereit waren, kann nicht ausgeschlossen werden, dass Opfer oder Täter aus ihrem Kreis stammen. Wie es vermutlich einige Menschen aus eigener Erfahrung kennen, dürfte es gewisse Naheverhältnisse zwischen Hotelgästen und TanzlehrerInnen gegeben haben. Offen sprechen wollte darüber aber auch niemand.

Raffael, Barmann

„Ich misch’ mich nicht ins Geschehen ein. Außer der Herr Josef will es. Ich bin ein treuer Diener meines Herrn. Uns ist leider gerade das Obst ausgegangen, sonst würde ich Ihnen gerne meine Spezialität kredenzen, einen Dirty Melon:
3 cl Wassermelonensaft,
4 cl Wodka,
5 cl Champagner,
Minze und natürlich eine Geheimzutat, geschüttelt.“

Prof. Flora Neumann

Dauergast im Nesterval. „Ich kann es Ihnen nicht genau erklären. Eine göttliche Fügung hat mich hierher geführt. Ich denke, dass ich hier Antworten finde auf Fragen, die ich noch gar nicht gestellt habe. Dieser Ort macht mir irgendwie Angst, aber ich muss hier sein. Mit den jüngsten Vorfällen habe ich nichts zu tun. Gar nichts! Fragen sie doch die Melone.“
Wie eine Frau der Wissenschaft solchen Unfug reden kann, ist nicht klar, passt aber in das Bild, das wir durch die Gespräche mit fast allen Involvierten gewonnen haben.

Waltraud, ein Zimmermädchen

O-Ton auf die Frage, was sie zu den Zwischenfällen zu sagen hat: „Osu oy dedeen iwenk item ewt ginet“ – dann ist sie lachend in den Keller gegangen. Diese Frau ist entweder verrückt oder sie weiß etwas …

Frau Karl, Illusionistin

„Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Es passiert doch immer irgendwas. So ist das Leben, Kinder! Ein Spiel der Mächte! Man kann zusehen oder mitmachen, das ist jedem selbst überlassen. Aber in beiden Fällen sollte man sich nicht über die Konsequenzen beschweren. Ich bin jedenfalls zufrieden und folge munter meinen Trieben!“

Es ist uns nicht klar, ob Frau Karl eine gewöhnliche Angestellte ist. Sie scheint nämlich eine hohe Autorität im Hotel zu sein, vor der sich die meisten Leute irgendwie fürchten, Personal wie Angestellte. Aber es geht eine gewisse dunkle Faszinat-ion von ihr aus. Das kann man nicht leugnen.


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