Frischer Wind in alten Mauern

Wien im Jahre 2017. Die ganze Krieau ist von Neubauten besetzt … Die ganze Krieau? Nein, ein von unbeugsamen Kreativen bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. In den leer stehenden Stallungen der Trabrennbahn belebt die CREAU das Handwerk neu. Und das ist erst der Anfang

von Stephan Genser | aus BEST OF VIENNA 1/2017

Foto: Leyla Mehrnama

Kaum zehn Jahre ist es her, da war das Gelände der ehemaligen Weltausstellung im 2. Bezirk ein verschlafener Ort. Wenn nicht gerade ein Länderspiel im Happel-Stadion anstand, verirrten sich nur wenige Besucher in diesen Teil des Praters. Seitdem hat sich viel getan: Die Linie U2 wurde verlängert, die WU zog in die direkte Nachbarschaft und seit das Büro- und Wohnprojekt Viertel Zwei rasant wächst, sind die Stallungen der alten Trabrennbahn förmlich umzingelt von den Fassaden glänzender Stahlbauten.

Die Stallungen selbst werden von der Leopoldstädtischen Bauwut aber verschont bleiben – sie stehen unter Denkmalschutz. Ab 2018 sollen sie renoviert und danach als „Dorf für Kreative“ genutzt werden. Die Pferde müssen also umziehen. Sie bevölkern heute schon nicht mehr alle Ställe, der Trabrennsport hat seine besten Jahre hinter sich. Bis dahin kümmert sich die NEST Agency, eine Agentur für Leerstandsmanagement, um die leer stehenden Gebäude und das Land, auf dem sie stehen. Und die hat einiges vor.

Ein bisschen Glitzer, Glitzer. Performance in der einst verstaubten Gegend um die Trabrennbahn

Bis die ihren Betrieb aufgenommen hat, gibt es die Möglichkeit, Ess- und Trinkbares im hauseigenen Lokal zu genießen, das passenderweise in jenem Stall untergebracht ist, in dem früher die Dopingkontrollen für die Pferde stattgefunden haben. Am besten setzt man sich dafür in den Skulpturengarten.

Finanziert wird die CREAU über Raummieten – das neu vertäfelte Rondell bietet Platz für über hundert Menschen und ist ein idealer Ort für Veranstaltungen wie Konzerte oder Lesungen, außerdem gibt es die Möglichkeit, bei den Designmärkten Stände zu mieten. Der Wintermarkt war ein großer Erfolg (außer das mit den WCs) und so fiebert das Team schon dem Frühlingsmarkt im April entgegen. Dort wird es neben jungem heimischem Design und Konzerten auch wieder ein Kinderprogramm geben.

Haben wir noch etwas vergessen? Ach ja, außerdem in Planung sind noch ein Container für Pop-up-Shops, wobei auch hier vor allem Produkte von jungen österreichischen Designern angeboten werden sollen, und ein Projekt namens Cycle-craft. Es besteht aus vier Lastenrädern: einem, an dem man Kaffee trinken kann, einem, an dem Bier gezapft wird, einem, das Musik macht, und einem, an dem es Eis gibt. Dazu soll bald noch ein fünftes Picknick-Lastenrad kommen, das man für einen Ausflug in den Prater ausborgen kann. Hört sich alles fast ein bisschen zu gut an, um wahr zu sein.

„Wir haben uns gedacht, wir geben Leuten, die eine Idee haben, die Möglichkeit, diese Idee ohne großes finanzielles Risiko auszuprobieren“, sagt Lukas Böckle, Geschäftsführer der NEST. Das Resultat nennt sich CREAU (wie Creative Au, im Gegensatz zu Kriegs-Au, woher der Name Krieau ursprünglich kommt, das Gebiet war im 17. Jahrhundert nämlich Gegenstand eines Streits zwischen Wien und Klosterneuburg) und vereint Menschen aus den unterschiedlichsten Sparten in einem gemeinsamen Vorhaben: den Ort mit Leben zu erfüllen. Und das tun sie, oder besser, sie werden es tun, wenn die Temperaturen endlich steigen. Nirgendwo wird der Sommer so sehnsüchtig erwartet wie hier. Beim Wintermarkt waren noch die WCs eingefroren (war auch ein fieser Winter, temperaturtechnisch), aber schon bald werden die Ställe wieder genutzt werden. Der Fokus liegt dabei auf handwerklichen Tätigkeiten.

In Kooperation mit Studierenden der Angewandten soll es bald eine Schmiede und eine Schusterwerkstatt geben, nebenan entwerfen und bauen Studierende der TU Stühle und gestalten das Eingangsportal neu, Sitzgelegenheiten für den Außenbereich haben sie auch schon produziert. Im Hof werden Hochbeete angelegt, die von Jugendlichen von Jobmania (die unterstützen Jugendliche auf Jobsuche) mit Gemüse bepflanzt werden. Und in den Engelbrecht-Stall kommt ein Brennofen, in dem eine weitere Gruppe von TU-Studierenden Lehm verarbeitet.

Das erinnert schon ein kleines bisschen an das gallische Dorf, in dem sich Verleihnix und Automatix um Kundschaft zanken. Nur Zaubertrank gibt es keinen. Obwohl, eine eigene kleine Brauerei ist auch schon in Planung.

Ein Stück CREAU für daheim: Das Areal bietet Platz für Designmärkte

Tatsächlich sieht man Anfang März von all diesen Plänen noch nicht sehr viel. Der rote Teppich liegt zwar schon in den ehemaligen Pferdeställen, aber oscarreif sehen sie nicht aus. Was vermutlich auch besser so ist. Wer unbedingt Hochglanz will, ist in fünf Minuten bei Zaha Hadids Library & Learning Center der WU. Das CREAU-Team wirkt jedenfalls fest entschlossen, seine Pläne auch in die Realität umzusetzen. Und es hat auch guten Grund, optimistisch zu sein, schließlich bekommt es jede Menge Unterstützung von seinen Kooperationspartnern (die übrigens keine Miete zahlen, sondern „Hands on“-Leistung bringen).

Wir sind auf jeden Fall gespannt, wie es mit dem Projekt weitergeht. Weil es schon ein ziemlich cooles Projekt ist. Selbst wenn es das fünfte Lastenrad dann erst im nächsten Jahr geben sollte. Aber wo in Wien gibt es schon einen Ort, der ganze fünfzig Meter von einer U-Bahnstation entfernt liegt und trotzdem das Flair eines urbanen Bauernhofs hat? Ist es nicht fast schade, dass dieses Dorf in der Stadt nur ein Zwischennutzungsprojekt ist?

Schön wäre es schon, etwas Langfristiges aufzubauen, sagt Marlies Stohl von der CREAU. „Aber was in fünf Jahren ist, daran denken wir gar nicht.“ Es gibt schließlich auch jetzt genug zu tun. Ab April hat die CREAU zwar nicht für immer, dafür aber durchgehend geöffnet. Unser Tipp ist auf jeden Fall: Get it while you can.

KRIEAU vs. CREAU – Was unterscheidet die Creau von ihren Nachbarn? Eigentlich fast alles. Ein Vergleich

Am WU Campus studiert die zukünftige Wirtschaftselite in Gebäuden, die von Stararchitekten entworfen wurden, am Designmarkt verkaufen junge Designer Handgefertigtes.

Glatt vs. Rau

WU und Viertel Zwei zeigen auf Hochglanz polierte Gebäude mit Glas- und Stahlfassaden. In der CREAU experimentieren Studierende der Restaurierung mit Lehm, um die alten Ställe zu verputzen.

Kopf in den Wolken vs. Füße am Boden

Man kann schon sagen, dass die Krieau ein bisschen größenwahnsinnig ist. Aber Wien wächst weiter und in der Leopoldstadt gibt es noch jede Menge Baugrund. Trotzdem ist es schön, wenn Gutes erhalten und weiter genutzt wird. Oder um es in Lukas Böckles Worten zu sagen (und der muss es wissen, schließlich ist er Architekt): „Warum immer neu bauen?“

Altes im Neuen vs. Neues im Alten

Die Trabrennbahn wirkt neben dem Viertel Zwei wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, und das ist sie auch. Besonders stark merkt man das am Publikum. Nachwuchs sucht man hier vergeblich. Umso schöner, dass die leer stehenden Ställe jetzt wieder von jungen Menschen genutzt werden und das Kinderprogramm auf viel Gegenliebe stößt.

High End vs. Lo-Fi

Der Pferdesport allein reicht nicht mehr, um die Trabrennbahn zu finanzieren. Darum wird das Gelände immer wieder für Konzerte vermietet, und zwar so richtig große Konzerte. Diesen Sommer kommt David Guetta (sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt!). In der CREAU hat auch schon mal ein DJ namens David aufgelegt, nur nennt sich der David Düsentrieb.


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