Ein Blick über den Tellerrand

Foodcoops bestellen ihre Lebensmittel direkt beim Bauern. Eine Alternative für alle, die genau wissen wollen, was auf ihrem Teller landet

von Julia Prummer | aus BEST OF VIENNA 2/2014
Illustration: Johanna Benz

Illustration: Johanna Benz

Bananen aus Südafrika, Kiwis aus Neuseeland und Paradeiser aus Spanien: Unser Obst und Gemüse sieht oft mehr von der Welt als wir selbst, bevor es zum Tiefstaplerpreis im Supermarktregal landet. Den meisten Menschen läuft beim Anblick dieses perfekt ausgeleuchteten Grünzeugs das Wasser im Mund zusammen, Manuel und Magdalena vergeht eher der Appetit. Wo sie ihre Lebensmittel beziehen, gibt es keine Reklametafeln, keine vielschichtige Plastikverpackung und keine „Nimm 3, zahl 2“-Angebote. Manuel ist Mitglied bei Bioparadeis, Magdalena bei der Veganfoodcoop, zwei von zahlreichen Lebensmittelkooperativen. Das sind Vereine, die es sogar Großstadtpflanzen ermöglichen, sich über das ganze Jahr hinweg nachhaltig, saisonal und ökologisch zu ernähren. Im konsumkritischen Wien – also vor allem bei den Studis – kommt das Konzept extrem gut an: Mittlerweile hat fast jeder Bezirk seine eigene Foodcoop. Im hippen Rudolfsheim-Fünfhaus gibt es mit D’Speis, Allmunde und der Veganfoodcoop sogar gleich drei solcher Initiativen.

so funktioniert’s

Foodcoops-Mitglieder wollen Lebensmittel direkt vom Bauern beziehen, und zwar von einem, der aus der näheren Umgebung kommt. Damit der Bauer seine Produkte nicht jedem einzelnen Abnehmer vor die Haustüre liefern muss, wird gemeinsam über eine Onlineplattform bestellt. Die Lieferungen können dann ein bis zwei Mal in der Woche in einem gemeinsam angemieteten Raum abgeholt werden. Was genau man dort in den Regalen, Kühlschränken und Gemüsesteigen vorfindet, ist je nach Foodcoop unterschiedlich und wird von ihren Mitgliedern bestimmt. Bei Bioparadeis, der ältesten Kooperative des Landes, werden seit mittlerweile sieben Jahren Lebensmittel bestellt. Und nicht nur das: Neben Rohkost, Milchprodukten und verschiedenen Getränken stehen im Regal auch biologisch abbaubare Reinigungsmittel – und fair produzierte Kondome für 30 Cent das Stück. Dank der großen Bandbreite an Produkten, die er über Bioparadeis beziehen kann, geht Manuel nur noch in den Supermarkt, wenn ihm die Milch vor der nächsten Bestellung ausgeht.

Anders als im Geschäft wird nicht mit Bargeld oder Karte bezahlt. Wer Lebensmittel abholen will, muss schon vorher Geld auf das Konto der Foodcoop überweisen. Zusätzlich ist ein monatlicher Mitgliedsbeitrag fällig, mit dem etwa die Miete für den Lagerraum beglichen wird. Bei Bioparadeis sind das zwischen 6 und 12 Euro, bei der Veganfoodcoop kann man den Betrag frei wählen. Jeder soll selbst entscheiden, wie viel er monetär zur Kooperative beitragen will, im Durchschnitt zahlen die Leute zehn Euro. Im Gegenzug erhält man seine Lebensmittel oft günstiger als im Handel, weil keine Zwischenhändler und Transporteure entlohnt werden müssen.

es geht nicht ums geld

Die Beweggründe, einer Foodcoop beizutreten, sind unterschiedlich. Ob die Qualität der Tomate oder die ökologische Produktion im Vordergrund steht, ist von Mitglied zu Mitglied verschieden. Eines haben aber alle Kooperativen gemein: „Sie sind alternative Lebensmittelnetzwerke, die sich unabhängig vom Konsumsystem Supermarkt versorgen – Ernährungssouveränität nennt sich das“, sagt Magdalena. Bloß „Ja! Natürlich“ oder „Zurück zum Ursprung“ zu kaufen, ist für viele nicht genug. Wo „Bio“ draufsteht, ist oft keine Nachhaltigkeit drinnen, und wenn die Ware bei Ladenschluss nicht verkauft ist, landet sie meist im Müll. Manuel hält das für „Etikettenschwindel“. Er und Magdalena wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen, denn sie kennen die Menschen, die das Gemüse für sie aus der Erde ziehen. Bei sogenannten Speisereisen werden die Produzenten auf ihren Höfen besucht. Foodcoops zahlen faire Preise und nehmen auch Lieferungen an, die optisch mit dem Hochglanzgemüse im Supermarkt nicht mithalten können. „Das Schiache schmeckt meistens besser“, sagt Manuel. Solidarität bedeutet auch, den Produzenten in Zeiten von Missernten beizustehen. Bioparadeis tut das, indem die Kooperative in so einem Fall zehn bis zwanzig Prozent mehr bezahlt. Die Veganfoodcoop geht noch einen Schritt weiter: Sie kauft ihr Gemüse beim Biohof Mogg, der auf Community Supported Agriculture (CSA), zu Deutsch „Solidarische Landwirtschaft“, setzt. Jedes Mitglied der Kooperative schließt mit dem Bauern einen Vertrag für die gesamte Erntesaison und erhält für etwa 20 Euro wöchentlich einen reichen Ernteanteil an frischem Gemüse und Kräutern, von dem leicht zwei Leute satt werden können. Dieses System hat den Vorteil, dass nicht jede Sorte, die gepflanzt wird, profitabel sein muss. So landen kulinarische Raritäten auf dem Teller, die es im Supermarkt gar nicht zu kaufen gibt. „Überraschungskiste“ nennt Magdalena ihre wöchentliche Ration.

gemeinsam umdenken

Foodcoops stecken viel Herzblut in ihr Essen, denn nachhaltige Ernährung bedeutet Arbeit. Jemand muss den Lagerraum zu den Abholzeiten öffnen, die Bestellungen koordinieren und sich um die Finanzen kümmern. Wichtige Entscheidungen werden monatlich im basisdemokratischen Plenum getroffen. Das dauert schon mal, wenn bei der Veganfoodcoop diskutiert wird, ob von nun an Honig bestellt werden soll. Foodcoops sind Gemeinschaften, in die man Zeit und auch Vertrauen investieren muss, damit sie funktionieren. Schließlich werden gemeinsame Ressourcen verwaltet – dabei muss man sich auf die anderen Mitglieder verlassen können. Dagegen ist Shoppen im Supermarkt ein Klacks: anonym, unkompliziert und in Wien dank Einkaufsmöglichkeiten am Sonntag sieben Tage die Woche möglich. Trotzdem können sich die Kooperativen der Stadt kaum noch vor Mitgliedern retten, manche haben sogar schon einen Aufnahmestopp verhängt. Noch immer sprießen neue Foodcoops aus dem Boden. Sie alle stehen für ein breites Umdenken in Sachen Lebensmittelkonsum. Denn unkompliziert und billig schmeckt eben nicht immer besser.


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